Review
von Leimbacher-Mario
Das perfekte Canni-Dinner
Umberto Lenzis „Cannibal Ferox“ ist nach „Cannibal Holocaust“ wohl der größte Name und Titel in der Historie des Kannibalenfilms. Doch ist es auch der zweitbeste Eintrag dieser legendären und kurzen Welle an Menschenfressern? Vielleicht ja. Aber dann nur auf Grund mangelnder Konkurrenz. Zumindest in dieser klassischen Dschungelriege, wenn man komplexere, aktuellere Kannibalenfacetten ala „Raw“ oder „We Are What We Are“ ausklammert. Lenzis Schlachtplatte genießt einen legendären Ruf, wie kaum ein zweiter Film auf diesem Planeten würde ich fast behaupten. Zurecht? Wieder nur ein vielleicht. Oder eher sogar ein nein. Denn wirklich schockierend und krank sind hier nur die etlichen Tiertötungen. Die drehen mir noch immer den Magen um und lassen mich mit dem Kopf schütteln, verfehlen ihre Wirkung also nicht, sind jedoch natürlich dennoch pervers und unnötig und einfach nur scheisse. Der Rest dieser Dschungelmatscherei ist dagegen eher Schmunzelkost. Heute jedenfalls. Unter Genrefreunden. Wenn ich den meiner Oma oder vielleicht sogar meinen Eltern zeige, rufen die glaube ich immer noch die Polizei^^...
Wir folgen einer Forschergruppe in den Amazonas, da es gilt zu beweisen, dass man Kannibalismus getrost als Mythos und Quatsch abtun kann. Und natürlich geht das schief, da sich die Eingeborenen doch ab und an einen menschenfleischlichen Snack gönnen. Erst recht, wenn unter den Eindringlingen ein arschiger Kokser und Gangster ist, der wahllos Frauen erschiesst und vergewaltigt... Der Score ist noch immer klasse. Und da an Originalschauplätzen gedreht, passt auch die Atmosphäre. An (Möchtegern-)Ekelszenen wie dem Essen fetter Maden oder dem genannten Tiersnuff (Schildkröte, Krokodil, Affe usw.) mangelt es nicht. Das Menü ist breit gefächert, die Erwartungen werden grundsätzlich nicht enttäuscht. Doch wenn es um Spannung geht, lässt sich mit den Figuren nicht viel anfangen, schlägt man sich schnell auf die Seite der schmatzendem Ureinwohner. Selbst als diese ikonisch das blonde Dummerchen an ihren Brüsten aufspießen und aufhängen. Oder gerade dann. Ein bisschen gestört sind wir wohl doch. Obwohl der Film natürlich und typisch für das Subgenre auch deutlich machen will, dass eigentlich wir, die westliche, scheinbar zivilisierte Welt, die wirklichen Barbaren sind. Daher passt das alles in sich schon und garantiert 90 Minuten sleazige Unterhaltung, die heutzutage aber deutlich an Galligkeit und Pfui verloren hat. Und ich tue mich schwer mit einer guten Wertung für eine solch perfide Parade an Tiertötungen, die hier ganz sicher auch nicht alle eh gestorben wären oder auf dem „Speiseplan“ standen, wie etwa der Bulle am Ende in „Apocalypse Now“ oder anderen wesentlich größeren, besseren und überlegteren Produktionen. Aber es war eben eine andere Zeit, in der über (Tier-)Leichen gegangen wurde für Erfolg und (fragwürdigen) Ruhm.
Fazit: eine der berüchtigtesten Kannibalenköstlichkeiten auf dem Markt. Frisch, fies, faul. Abgesehen von den vielen, unnötigen Tiertötungsszenen einwandfreie, feucht-fröhliche Bahnhofskinounterhaltung. Kein echter Klassiker wie „Cannibal Holocaust“, aber irgendwie aus dem Kanon auch nicht wegzudenken. Sollte man zumindest einmal gesehen haben. Am besten auf leeren Magen. Oder mit genügend Bier darin.