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Wenn man etwas vom künstlerischen Standpunkt aus kritisieren oder in Frage stellen will, muss man immer aufpassen, auf welcher Ebene man es tut. Geht es um Trivialisierung von Gewalt bzw. Voyeurismus, so muss man eine gewisse Form von reflektiver Distanz zum Subjekt aufbauen, damit man überhaupt einen auf intellektueller Ebene ernstzunehmenden Beitrag bringen kann. Wie diese Distanz nun hergestellt wird, liegt im Ermessen und Talent des Künstlers: Sei es der nüchtern-distanzierte Blickwinkel Hanekes in "Funny Games", der eben gerade nicht die explizite Gewalt zeigen will und sich eher auf die Opfer konzentriert; oder der detaillierte, ironisierte, satirische Blick in "Mann beißt Hund" in Form einer fiktiven Pseudo-Dokumentation. Beide Beispiele gefallen sich ausdrücklich nicht darin, ihre thematischen Motive darzustellen, beide schaffen in ihrer Form Distanz. Hierin liegt der qualitative Unterschied zu "The Last Horror Movie", der in seiner plumpen Art nicht von dem wegkommt, was er "kritisiert", und somit versagt.

Distanz ist allerdings nicht so zu sehen, dass einem das Sujet als Zuschauer nicht emotional nahegehen soll, oder man alles Schlimme nur aus einer Totalen, die die Bluttaten ausblendet, sehen soll. "Funny Games" wirkt durchaus emotional, wenn man sich hineindenken will. Und Filme, wie die von Noé, zeigen auch, dass es ohne moralischen Zeigefinger möglich ist. Schließlich geht es um die Distanz des Künstlers zum Kritisierten, die in irgendeiner Form, also auch indirekt, im Werk zu spüren sein sollte. LHM wählt den scheinbar direkten Weg mit erhobenem Zeigefinger, doch ist dieser nicht echt. Der Serienmörder, der seine Taten alle abfilmen lässt, redet permanent auf den Zuschauer ein, stellt ihm billige Moralfragen, warum er sich den Film denn weiter anschaue,... Tatsächlich habe ich mich das nach 20 Minuten gelangweilten Ansehens auch gefragt, aber die Antwort lautet schlicht: Weil man sich ernsthaft geistig mit Dingen auseinandersetzen sollte, bevor man sie diskutiert. LHM macht es sich zu einfach, indem er den Zuseher provozieren will, aber eigentlich nur für dumm verkauft. Wenn der Zuschauer permanent zum Denken befehligt wird, weil der Regisseur selbst nichts beizutragen hat, fällt das nunmal auf. Und wenn dieses falsche Moralkonstrukt noch dazu verwendet wird, ein paar sinnfreie Tötungssequenzen in den Film einzureihen, bleibt bloß Ignoranz als Gegenmittel. Die Überheblichkeit des Regisseurs gegenüber dem offensichtlichen Vorbild "Mann beißt Hund" (in einem Kommentar des Protagonisten) ist mehr als haltlos. Er sollte lieber sinnlos brutale Filme drehen und sich von anderen kritisieren lassen, die können das besser.
Was ist aber mit "Funny Games"? Hat der nicht auch die gleichen Stilmittel der Moralreden an den Zuschauer? Ist die Gewalt nicht auch völlig sinnfrei, zum Selbstzweck, in den Raum gestellt? -Jein. Der entscheidende Unterschied ist die Glaubwürdigkeit. Hanekes Film vermeidet konsequent in seiner kühl distanzierten Sichtweise jeglichen expliziten Voyeurismus, außerdem nutzt er die direkte Rede an den Zuschauer akzentuiert an wenigen Stellen. Neben der inflationären Verwendung dieses Stilmittels wird die Unglaubwürdigkeit von LHM durch das miserable Ende potenziert. Soll das die Amateurversion von "Ring" sein? Soll das ein Witz sein? Eine Aufforderung? Eine Aussage? Ironie? Ja, vielleicht für grenzdebile 18er-DVD-Börsen-Gestörte, aber für alle denkenden Börsengänger und Nichtbörsengänger ist es eine Beleidigung. Während also die Sinnlosigkeit von LHM die Gewaltdarstellung zum Selbstzweck werden lässt, greift "Funny Games" genau diese Sinnlosigkeit als wesentlichen Aspekt inhaltlich auf.

Der Vergleich zu "Funny Games" ist natürlich nur exemplarisch. Auch im direkten Vergleich zu "Mann beißt Hund" schneidet der belgische Arthouse-Film deutlich besser ab. Die zunächst bissige Satire bleibt immer in der eigenen Fiktion, ohne den Zuschauer anzuschwatzen, portraitiert den Serienkillerjob als normale Arbeit, wie jede andere auch, und erzeugt gerade durch den ironischen Unterton das anfangs erläuterte reflektierende Moment. Der Film gefällt sich gerade nicht im Zeigen der Tötungen, schafft es dadurch umso mehr, im richtigen Moment nachvollziehbar ernsthaft zu werden. Provokation braucht immer ein adäquates gedankliches Fundament. Freiheit, auch künstlerische Freiheit, ist der Sinn für Notwendigkeit. Da helfen auch die hypothetischen Moralfragen des Killers Max aus LHM nichts: Wenn man wirklich über sie nachdenkt, stellt man fest, dass sie keine Minute des Films rechtfertigen, sondern nur noch unnötiger machen.

Hinzu kommt, dass LHM sich ansonsten stark an den Stil von "Mann beißt Hund" anlehnt, ihn in Einzelaspekten sogar kopiert. Überheblichkeit unterdrückt hier eigene Originalität und ist insofern ein zusätzliches Argument für die Irrelevanz dieses filmischen Beitrags. 1/10, auch wenn diese schlechteste Bewertung dem Film wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit verleiht, als er verdient.

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