The Last Horror Movie
Spoiler inside...
Als ich neulich - als latent Süchtiger - Nasenspray aus der Apotheke holte, über Unsichtbarkeit nachdachte und mich anschließend in meiner Lieblingsfleischerei zum Mittag niederließ, überkam mich ein Gefühl, ein Setzling und die Frage, ob man einfach mal nichts dazu sagen sollte. Ich setzte mich, bestellte einen Sauerbraten und blickte einen Tisch weiter. Ein Ehepaar saß unweit und blickte in die hiesige Ausgabe der Bild-Zeitung. Kopfschütteln, Genuschel, Gerede und kleine Nadeln der sozialen Punktur. Beide waren in ihren späten Vierzigern, sahen sehr adrett aus. Beide aßen Schnitzel, Kraut und Pommes. Beide waren gut gekleidet und jeder hatte ein wirklich edles Smartphone beiliegen. Und doch eierten sie durch Artikel über Flüchtlinge, Atomtests, Bonität, Börsen, Leid und "ein bisschen Raum, Wohlstand und Angst".
Sie sprachen so laut über all das Leid dieser Welt, das ich die Augen einfach verdehen musste und den Kopf schüttelte. Ich wollte nichts sagen.
An die Leser, die es bis zu diesen Zeilen geschafft haben. Stellt euch vor, ihr würdet auf einem Fußballfeld stehen. Genau in der Mitte. Nun streckt in Gedanken euren Arm aus und ihr werdet merken, dass ihr, als zufriedene Ottonormal Bürger, nicht bis zum Ende des Feldes oder der Tribühne greifen könnt. Man stelle sich nun vor, dass dieses Feld die Welt ist und der Arm einen Wirkungskreis darstellt. Genau diesen kann jeder gesunde, starke und grinsende Mitteleuropäer beeinflussen. Die Nachrichten, der Staat, die Werbung und Medien machen einem ständig Angst, schüren den Ofen einer nicht greifbaren Nachdenklichkeit und informieren über Dinge, die eben weit ab der Armlänge zappeln. Börse, Wachstum, Hungersnöte, Leid, Elend und Etagen voller Manager. Wir sind eigentlich so gut informiert, dass wir darüber nichts wissen wollen. Ich müsste nichts dazu sagen.
In The Last Horror Movie geht es um einen Filmemacher, der bevorzugt Hochzeitsfilme dreht. Er lässt sich von einem anderen "Kameramann" bei seiner Arbeit filmen. Dabei erzählt der Protagonist(brilliant - Kevin Howarth) über sein Leben, über seine Oma, seine Schwester und derer Kinder wie dem mordlustigen Alltag seiner Selbst zwischen all dem Glitzer. Dieser Film im Film in einer überspielten Videokassette(gut - der Gag kommt in unseren Zeiten nicht mehr so klar) macht Eindruck, ist verdammt gut gespielt und wirkt wie die empathische, überhebliche und leichtfüßige Variante von Mannbeißthund, Natural Born Killers oder auch God bless America. British Psycho. Dieser Film ist die Digi Variante einer Mockumentary seiner Zeit. The Last Horror Movie ist schlau, gewitzt, reich an Wort und Boshaftigkeit wie kulinarischer Finesse. Wer schon immer mal wissen wollte, wie man "größere" Mengen an Fleisch ordentlich kocht, zieht und entsorgt - nun ja - der wird hier seine helle Freude haben. Zynismus, Heuchlerei und tiefe Verbundenheit zur Gewissenlosigkeit wackeln im Bild.
The Last Horror Movie versteckt sich erst in seiner vierten Wand, macht es sich gemütlich in Humor und rollt dem Zuschauer einen Teppich aus Blut, Sarkasmus und brennender Gestalt vor die angeklebten Lieder. Ein Orkan an wortreicher Kulisse, neidischem Geläster und der fahrigen Abklärung des Killers. Ich finde das ganze Spektakel interessant, auch wenn es keine Reinigung der Seele gibt. Sympathisch ist das alles nicht, aber wahrhaftig. Nach knapp der Hälfte des Filmes kommt es zu einer Mordszene an einer Frau. Die Nachrichten, der Witwer und alles gelackte der Öffentlichkeit gleiten in einen Spiegel der Reue, der Gewalt und der Trauer - zurecht. Nach dem Mord an der jungen Mutter sagt der Killer sehr energisch und aufgeladen folgenden Monolog auf;
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"Jetzt hassen Sie mich wirklich, nicht wahr? Das ist schon in Ordnung. Aber bevor Sie mich verurteilen...sollten Sie mir eine Frage beantworten: Was ist ihnen ein Leben Wert, verglichen mit etwas, das es vorher noch nie gegeben hat? Alles? Also, ich will ihnen was sagen; Wenn sie ihren Fernseher(den Terminus kann man für ALLE suchterzeugenden Bildschirme jeglicher Art artikulieren) verkaufen und das Geld einer Organisation geben, würde ein Kind in Afrika länger leben. Oder nicht? Aber das werden Sie nicht tun, oder? So gesehen ist ihnen ein Leben doch nicht alles Wert. Es ist ihne nicht mehr wert als zum Beispiel ihr Fernseher.
Hätten Sie ihren Fernseher verkauft, um diese Frau zu retten, wenn es möglich gewesen wäre? Wenn Sie es getan hätten, warum nicht für das Kind in Afrika? Und wenn Sie es nicht getan hätten, warum machen sie mir dann Vorwürfe?"
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Dieser Monolog zieht mich mit. In Abscheu und in Ehrlichkeit. Sympathie fällt aus, aber der Gedanke zündet. Das ist fernab jeglicher Moral, jeglicher Romantik und jeglicher Menschlichkeit einfach ehrlich, spiegelnd und heuchlerisch in einem Atemzug. Ich sollte dazu nichts sagen. Die Frage ist, ob man in seinem Wattebett der westlichen Zivilisation nicht zu voreingenommen für diese Art Probleme ist. Ich? Ich stehe auf einem Fußballfeld, strecke meinen Arm aus und WEIß, dass ich in erster Linie nur für mich und mein direktes Umfeld dasein kann. Wenn es brennt, ruft man die richtigen. Man kann nicht überall wirken, dabei sein und oder gaffen. Alles andere ist eingeredete Angst, kollektiver Blödsinn und Geld. Geld, von dem ich nie etwas sehen muss, will und auch nicht werde.
The Last Horror Movie ist drastisch, detailreich, lächelnd, blutig und pointiert. Aber die Frage lautet über den Damm hinaus...was würdest du verkaufen, um nur ein Problem auf Google News in die Hand zu nehmen? Ich für meinen Teil verstehe von keinem einzigen Problem dort sovie, dass ich es lösen könnte. Lästern, meckern und Phrasen lallen - das ist keine Lösung. Nur eines noch. Bevor jetzt einer auf "es rappelt in der kiste.de" nach Dildo's der Marke Doppelmoral schielt und mir damit ins Gesicht schlendern will - ich weiß um meine Position im Gelände der Menscheit bescheid und bin der festen Überzeugung, mich nicht von den Nachrichten einlullen zu lassen. Ich lebe meine Ecken, Kanten und Wälder aus und weiß, wie lange mein Arm auf einem Fußballfeld ist. Und auf dem Platz kommt es wirklich an. Die Frage, die dieser Film neben seinen weiteren sehr eindringlichen Fäden spinnt, ist einfach gut gemacht. Man kann das ganze auch als überheblichen und dummen Killermurks abstempeln - da darf man offen bleiben. Formell sicherliche eine Klasse unter seinen Vorbildern, aber doch ein zumindest zündelnder Film. Ich mochte das Paar am Nachbartisch, doch ihr Blick vor und hinter die Realität hält sich nicht die Waage. Dazu wollte ich nur mal etwas sagen.
Was würdest du verkaufen...7...?