Review

Auf den ersten Blick mag es vielleicht einige Gemeinsamkeiten zwischen „Octane“ (a.k.a.“Pulse“) und dem Genre-Klassiker „Near Dark“ geben, doch bei näherer Betrachtung stellen sich diese schnell als viel zu grob für einen direkten Vergleich heraus:
Ja, beide Filme kombinieren Vampir- und Roadmovie-Motive, die „Kinder der Nacht“ ziehen jeweils in einer Gruppe auf der Suche nach Opfern durchs Land und der Soundtrack stammt in beiden Fällen von einer angesehenen Independent-Combo (bei Kathryn Bigelow war es damals „Tangerine Dream“, hier ist es Paul Hartnell von „Orbital“). Die strikte Vermeidung des Wortes „Vampir“ schließt dann aber auch schon die Parallelen ab, denn während es sich bei „Near Deark“ eindeutig um eine Gruppe jener Wesen handelte, lässt „Octane“ dieses Detail relativ offen: Es wird nur erwähnt, dass die Mitglieder ihrem Anführer das Blut (mit-) bringen, nicht aber dass sie sich selbst davon ernähren – ausschließlich bei der Figur des „Father“ handelt es sich ziemlich eindeutig um einen Vampir, die anderen könnten jedoch theoretisch auch „menschliche Helfer“ sein (dagegen spricht zwar der Rückblick um die Schwester des „Recovery Mans“, doch eindeutig ist die ganze Sache nicht). Abgesehen vom Ende gibt es keine einzige Szene, die bei Tageslicht spielt (man sieht also keine Auswirkungen von Sonnenstrahlen), die Grundstimmung ist weder melancholisch noch tragisch. Außerdem richtet die Geschichte ihren Fokus nicht auf ein neues Mitglied der Gruppe, sondern auf die „Gegenseite“, nämlich auf eine Person (hier: die Mutter), die einen Nahestehenden (ihre Tochter) vor dem Einfluss und den Verlockungen der anderen Lebensweise bewahren will.
Unabhängig dieser Kriterien muss man jedoch auch klar sagen, dass bei einem neutralen Vergleich beider Produktionen „Near Dark“ eindeutig der bessere Film ist…

Sega Wilson (Madeleine Stowe) ist gerade mit ihrer Tochter Natasha (Mischa Barton) auf dem nächtlichen Heimweg vom Besuch beim Ex-Mann – Diskussionen und Streitereien über einen gewünschten Festivalbesuch sowie allgemeine Einstellungsthemen führen zu einer kühlen Stimmung zwischen den beiden. Nachdem sie an einem Unfall vorbeikommen, nehmen sie eine junge Anhalterin (Bijou Phillips) mit, die Natasha mit ihrer freien, ungebundenen Art unheimlich imponiert. Nach einem Stopp an einer Raststätte kommt es dann zur Eskalation des Streits – Sega kann in Folge dessen gerade noch sehen, wie ihre Tochter nach dem Weglaufen zu der Anhalterin und einigen jungen Leuten in ein Wohnmobil steigt und mit diesen davonfährt…
Sofort nimmt sie die Verfolgung auf und findet heraus, dass zu der Gruppe noch eine Polizistin sowie ein Tanklastwagen gehören. Als sie kurz darauf angegriffen und von der Straße gedrängt wird, erscheint ein „Recovery Man“ (Norman Reedus) mit seinem Abschleppwagen vorort und informiert Sega darüber, dass er die Leute schon lange verfolgen würde, da diese Morde begehen und das Blut ihrem so genannten „Father“ bringen würden…
Unsicher, was sie wirklich von allem glauben soll, geht sie zur Polizei, doch dort schenkt man ihr keinen Glauben, worauf sie die Gruppe erneut selbst aufspürt und bis zu einem Fahrzeug-Testgelände verfolgt. Dort soll Natasha, die sich die Zeit hinten im ausgebauten Tank des Lastzugs mit Drogen und Bauchnabelpiercing vertrieben hat, den „Father“ (Jonathan Rhys-Meyers) treffen und schlussendlich zu eine von ihnen werden…

Wie schon bei seinem Erstlingswerk „Long Time Dead“ scheitert Regisseur Marcus Adams auch in diesem Fall größtenteils an einem schwachen Skript: Zwar hat das Vermengen von surrealistischen Film-Noir-Elementen (leere Highways, fast skurril wirkende Raststätten) mit Horror- und Thriller-Motiven durchaus seinen Reiz, doch nicht wenn es einem derart vorhersehbaren Handlungsverlauf folgt. Zwar bemüht sich der Film, seine zwei Hauptfiguren anfangs gut einzuführen und deren Charaktere mit Leben zu füllen, doch diese Gesprächsszenen strecken den ersten Akt unnötig und verhindern den Aufbau von Tempo und/oder Spannung – vor allem, da die Figuren nicht wirklich so interessant geraten sind. Zwar kann man ihre Motivationen später gut nachvollziehen, doch das hätte man auch kürzer und direkter erreichen können. Abgesehen von Segas Charakter sind alle anderen Rollen ohnehin extrem oberflächlich gezeichnet worden – vor allem die des Recovery Mans, der eigentlich nur ab und an auftaucht, seine Geschichte erklärt und im Anschluss seinen eingreifenden Auftritt hat, ohne dass es den Zuschauer wirklich kümmert. Angesichts dieser gravierenden Drehbuchschwächen müht sich Regisseur Adams redlich, Spannung und Atmosphäre zu erzeugen, jedoch nur mit bedingtem Erfolg. Einige Szenen und Kameraperspektiven gefielen mir sehr gut, wie auch der lange Showdown – nur das eigentliche Finale war dann wiederum viel zu kurz. Da hätte es ruhig „etwas mehr sein dürfen“, während der erste Akt eine Straffung vertragen hätte.

Neben den Drehbuchschwächen bieten die Darsteller sicherlich die meisten weiteren Kritikansätze: Jonathan Rhys-Meyers (“Velvet Goldmine“/“Alexander“) hat nur einen vergleichsweise kurzen Auftritt, doch als „Kopf der Bande“ müsste dieser eigentlich präzise sitzen – was in diesem Fall leider rein gar nicht zutrifft, denn Meyers wirkt noch blasser als Jonathan Schaech in „the Forsaken“, in dem jener an einem ähnlichen Part scheiterte. Norman Reedus (“Boondock Saints“/“Blade 2“) tritt leider ähnlich ausdruckslos auf, was angesichts seiner noch schwächeren Rolle umso stärker ins Gewicht fällt. Die beiden „It-Girls“ Mischa Barton („Lost and Delirious“) und Bijou Phillips („Bully“), die man beide auch schon gemeinsam in „Tart“ sehen konnte, geben sich gekonnt zickig und verrucht, wodurch sie sich ganz okay aus der Affäre ziehen können. Wenigstens kann man sich auf Hauptdarstellerin Madeleine Stowe (“Blink“/“the Generals Daughter“) verlassen: Sie holt aus ihrer (zwar ebenfalls nicht viel mehr als eindimensionalen) Rolle genügend heraus, so dass man ihr die Figur glaubhaft abnimmt. Schade, dass man sie in letzter Zeit so selten in größeren Produktionen zu sehen bekam…

Ich mag modern inszenierte Filme, weshalb mir die Optik von „Octane“ recht gut gefallen hat (etwa die zeitweise fast surreale Kombination aus moderner Bildersprache und passender Musikuntermalung – wie bei der Drogenparty im Tanklastzug), doch leider dominiert die Optik unverhältnismäßig stark gegenüber dem Inhalt. Die Verführungsszene im Windkanal versinnbildlicht es am treffendsten: Sie ist eigentlich vollkommen sinnlos (von der Location her, mitsamt des Wagens und allem drum und dran), sieht aber verdammt klasse aus! Schade, dass etliche anderen Eigenschaften des Films da nicht mithalten können…

Fazit: Ein klarer Fall von „Style over Substance“, doch weder ein dreistes „Near Dark“-Plagiat noch eine filmische Katastrophe, wie es einige leider behaupten, sondern einfach ein durchschnittlicher Horrorfilm – recht ruhig, gut gefilmt, aber mit Schwächen in den Bereichen Story und Charakterzeichnung … 4 von 10.

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