Profondo Rosso gilt bei vielen Argento-Fans als sein absolutes Meisterwerk, im Anschluß an seine sogenannte Tier-Trilogie und vor den Drei-Mütter-Filmen Suspiria und Horror Infernal. Leider muß ich gestehen, daß ich das nicht nachvollziehen kann, denn "Deep Red" hat trotzdem noch einige Schwächen, die Argento erst später ausbügeln konnte.
Schon fast Standard ist die eklatante Drehbuchschwäche, die jeden Argento-Plot auszeichnet. Viel braucht es für den Italiener, der Kritikerstimmen zufolge immer wieder denselben Film dreht und dabei nur geringfügig variiert, eh nicht: ein Verbrechen aus der Vergangenheit, ein äußerst aktiver und kreativer Killer, eine mit Vorliebe hanebüchene psychologische Aufklärung. Leider hangelt sich auch Deep Red an viel zu dünnen Fäden weiter, damit seine Figuren im Spiel bleiben. Überdies finden sich beinahe zu viele erzählerische Parallelen zu "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe".
Allein der Dreh, wie David Hemmings auf das Buch mit der Urban Legend kommt, um somit in dem Fall ein Stück weiter zu kommen, ist geradezu an den Haaren herbeigezogen. Auch später bleiben riesige Löcher im Drehbuch, die lediglich durch die hervorragende Optik gekittet wierden und die Verhaltenslogik der Figuren entspricht nicht gerade dem gesunden Menschenverstand (da häckselt sich ein Killer durch die Gegend und die gute Reporterin marschiert allein aus der Bibliothek zum Nachschauen und läßt Hemmings allen - logische Folge: ein Messer im Bauch).
Auch die körperliche Konstitution des Killers läßt am Ende Zweifel darüber, ob er zu diesen Morden überhaupt fähig gewesen wäre. Die Polizei nimmt das immer überraschend locker und ist mehr für die Comedy zuständig, was sie zur entbehrlichen Witzfigur stempelt, ein Punkt, den Argento schon mal ernsthafter in seine Filme eingebaut hat.
Schwach ist leider auch die Schauspielerwahl: David Hemmings spielt den Pianisten derart unterkühlt und minimalistisch, daß Zweifel aufkommen, daß er überhaupt weiß, worum es geht. Im Gegensatz zu den oft maßlos chargierenden Italienern (der Kommissar, die Reporterin) wirkt er seltsam leblos. Auch scheint ihm kein noch so grauenhafter Mord etwas auszumachen, was zur Identifikation kaum einlädt. So fiebert und fürchtet man nicht mit der Hauptfigur und das Geschehen läßt den Zuschauer unpassend kalt.
Darüber hinaus ist auch die Länge dem Film eher hinder- als förderlich. Die deutsche Schnittfassung läßt zwar 22 Minuten aus, doch drei Viertel davon sind tatsächlich überflüssig, bestehen sie doch aus völlig deplazierten Anmachversuchen der Reporterin und einigen zähen Diskussionen über die Unterschiede von Frauen und Männern. Das war wohl amüsant gemeint, zieht aber das Geschehen nur unnötig zäh in die Länge, so daß man bald nach der Fortsetzung der Killer-Story betet. Der Rest der Schnitte umfaßt einige Teile der Gore-Szenen und einige Sequenzen, die zur (Pseudo-)Erklärung beitragen, weswegen die restaurierte Fassung natürlich vorzuziehen ist.
Auch der Rest des Films hat jedoch mit enormen Längen zu kämpfen, vor allem in der Sequenz, als Hemmings die alte Villa erkundet. Hier wirken die Bilderfolgen extrem verwirrend montiert, es geschieht lange Zeit wenig, außer daß Hemmings durch die Zimmer und Flure schreitet, sich umschaut und horcht, ohne daß etwas Wichtiges passiert. In diesen Sequenzen spürt man wirklich, wie papierdünn die Story ist und daß den Autoren kaum etwas eingefallen ist, um diesselbe dramaturgisch ordentlich zu strecken. Andererseits ist die gespenstische und mysteriöse Atmosphäre sonst nie so stark wie hier.
Kamera und Schnitt beweisen meistens Argentos übliche Meisterschaft. Wie schon gesagt, ist die Sequenz in der Villa zwar verwirrend montiert, daß man kaum zu schätzen weiß, wenn Hemmings schließlich doch noch etwas findet, aber sonst ist ein Reifungsprozeß seines Könnens unübersehbar.
Der electronische Score (von Goblin, schätze ich) wirkt dagegen jedoch absolut desillusionierend, paßt oft nicht zu den Bildern und setzt mitunter völlig willkürlich an seltsamen Stellen ein und wieder aus, obwohl die Dramaturgie gar nicht danach verlangt. Viel beklemmender dagegen das Kinderlied, daß oft eingesetzt wird, wenn der Killer sich vorbereitet, dessen Möglichkeiten aber nicht ausgeschöpft werden.
Bei der Kamera ist Argento wie immer auf der sicheren Seite, trotzdem wirkt der Film manchmal so, als ob er sich nicht von überflüssigem Material hat trennen können, daß zwar ordentlich aussieht, aber nichts zur Geschichte beiträgt. Zumeist ist die Qualität aber ausgezeichnet.
Effekte und Gore werden in Profondo Rosso vergleichsweise spärlich eingesetzt, wenn sie kommen, sind sie jedoch außerordentlich erlesen. Besonders die Sequenz mit Giordanis Tod (die mechanische Puppe) ist haarsträubend unheimlich und dann sehr brutal. Auch der Mord an der Schriftstellerin beweist einigen Einfallsreichtum und kann sensiblen Gemütern, die auch nicht gern allein zu Haus sind, reichlich Unbehagen einflößen. Ausstattungstechnisch gibt es hier nichts zu meckern, aber das ist je eh die große Kunst des Giallo-Meisters.
Fazit: Ein klassisches Stück Giallo-Geschichte mit reichlich dramaturgischen Fehlern, die es einem durchgehenden Spannungsbogen nicht gerade einfach machen. Trotzdem zeitweise von beeindruckendem optischen Einfallsreichtum und mit Finesse gemacht, bzw. gemordet. "Deep Red" ist Pflichprogramm, aber auch nicht der in sich völlig runde Meilenstein, für den er gehalten wird. (7,5/10)