Inhalt:
Auf einer parapsychologischen Vorführung empfängt die Rednerin Helga Ullmann von einem Anwesenden telpathische Signale, die zukünftige Morde ankündigen. Und diese Ankündigung bewahrheitet sich rasch, denn Frau Ullmann wird in ihrer Wohnung ermordet, was der Pianist Marc Daly (David Hemmings), der sich auf einem öffentlichen Platz vor der Wohnung befindet, zufällig beobachtet. Er eilt zum Tatort, doch das Opfer ist tot und der Täter verschwunden. Bei einem Polizeiverhör lernt er die Journalistin Gianna Brezzi (Daria Nicolodi) kennen und bald gehen die beiden dem Mordfall gemeinsam nach. Marc ist sich ziemlich sicher, dass er am Tatort an einer Wand ein Bild gesehen hat, dass mit dem Mord zusammenhängt, doch dieses Bild ist nicht mehr auffindbar. Das Duo lässt nicht locker, doch der Mörder auch nicht, denn jeder der ihm auf der Spur ist, lebt gefährlich...
Kritik:
Mit "Rosso- Die Farbe des Todes" der auch unter den Titeln "Profondo Rosso" und "Deep Red" bekannt ist, liefert Dario Argento seinen meiner Meinung nach besten Giallo ab. Nach seiner sogenannten Tiertrilogie ("Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe", "Die neunschwänzige Katze" und "Vier Fliegen auf grauem Samt"), in der er sich sehr experimentierfreudig zeigte, vereint er in "Rosso" alle positiven Elememente aus seinen Vorgängern wie tolle Kameraeinstellungen- und fahrten, den meisterlichen Schnitt und den feinen Einsatz von Licht und Ton und mischt dazu noch einige übernatürliche Ideen, für die sich seine damalige, neue Lebensabschnittsgefährtin Daria Nicolodi, die zugleich auch in diesem Film die weibliche Hauptrolle spielt, verantwortlich zeigt.
Der Film ist großartig und logisch aufgebaut und wird trotz seiner beachtlichen Länge von über 2 Stunden keine Sekunde langweilig, im Gegenteil: Ich habe mich am Ende gefragt, wie denn die Zeit so schnell ablaufen konnte, da ich ansonsten mit längeren Filmen meist meine Probleme habe.
Der Film fängt gleich mit einer Schlüsselszene an: Wir hören ein einprägsames Kinderlied und werden Zeuge, wie unterm Weihnachtsbaum ein Mord von statten geht. Wir sehen zwei Schatten an der Wand, wobei der eine auf den anderen einsticht. Nach der Tat fällt ein blutverschmiertes Messer zu Boden und zwei Kinderbeine betreten das Bild.
Diese Szene wird am Ende des Films aufgegriffen und liefert das Motiv für den Mörder, aber das wird dem Zuschauer bei der Tätersuche nicht viel nützen, denn Argento versteht es, wie schon in "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe", durch einfache Mittel geschickt den Betrachter hinters Licht zu führen.
Nach dem ersten Mord an Helga Ullmann folgt eine weitere Schlüsselszene, die am Ende des Films ebenfalls aufgegriffen wird und die Identität des Killers lüften wird, nämlich der Gang von Marc Daly durch einen schmalen Flur, an dessen Wänden eine Menge mysteriöser Bilder hängen, worunter sich auch eines befindet, was später aus unerklärlichen Gründen verschwunden ist und Marc noch einiges an Kopfzerbrechen bereiten soll.
Anschließend lernt Marc die Journalistin Gianna kennen, die wie bereits oben erwähnt von Argentos neuer Errungenschaft verkörpert wird. Die Gespräche zwischen den beiden liefern einige komische Momente, da man nicht nur über Gott und die Welt plaudert, sondern auch über die Unterschiede zwischen Mann und Frau und Emanzipation, was schon mal zu einem amüsanten Armdrücken der beiden führen kann.
Sehr lustig sind auch die Szenen in Giannas Wagen, dessen Beifahrersitz die Angewohnheit hat, unter seinem Benutzer (in diesem Fall Marc) zusammenzubrechen, dessen Blende die Angewohnheit hat, ständig nach unten zu klappen und dessen Türschloss die Angewohnheit hat, sich nach dem Verschluss nicht mehr öffnen zu lassen, was ein fortwährendes Ein- und Aussteigen durchs Dachfenster mit sich zieht.
Die Ermittlungen der beiden halten den Zuschauer auf Trab und es macht Spass, sich von einem Anhaltspunkt zum nächsten zu hangeln. So führt der Weg über das oben erwähnte Kinderlied, das Marc in seiner Wohnung von einem Tonband hört, als der Killer ihm einen Besuch abstattet, ihn aber noch verschont und einem Buch mit Legenden, über die Geschichte "Das Haus des klagenden Kindes" zu einem unheimlichen Haus, um das sich viele Mythen ranken und in dem Marc eine Menge entdeckt, wie z.B. eine Kinderzeichnung an der Wand und eine in einem Raum eingemauerte Leiche. Diese sehr lange Hauspassage im Film ist absolut gekonnt inszeniert und bietet das athmosphärisch dichteste Highlight dieses Streifens.
Hinzu mischen sich viele interessante und gut gezeichnete Charaktere, was für eine spannende Tätersuche auch von Nöten ist. Dazu gehören der des öfteren betrunkene Carlo, der ein Musikerfreud von Marc ist, dessen schwuler (Überraschung!) Freund Ricci, die zerstreute Mutter Carlos, die Marc für einen Ingenieur hält, obwohl er ihr immer wieder von seinem Beruf als Pianist erzählt, die Truppe der Parapsychologen, ein rothaariges Mädchen, das in ihrer Freizeit gerne Eidechsen quält und so weiter, und so weiter.
Die Morde sind, wie wir es von Argento gewohnt sind, kleine ästhetische Kunstwerke, die die Gewalt geradezu zelebrieren. So wird eine Frau einer Gesichtwäsche unterzogen und ein Mann bekommt eine Zahnbehandlung mittels Steinkanten und anschließend was an (oder eher in) den Nacken.
Aber auch der Killer bekommt wieder ordentlich sein Fett weg, so dass man schon beinahe ein wenig Mitleid empfinden könnte.
Der Einsatz von Kamera, Schnitt und Musik ist gerade in diesen Szenen unvergleichlich und schlichtweg genial.
Dies ist der erste Film von Argento, in dem die grandiosen Goblin ihr musikalisches Können unter Beweis stellen und sie liefern weiteren perfekten Score in seinen späteren Filmen ab. Nach der Sichtung des Streifens gehen einem die Melodien einfach nicht aus dem Kopf und mit dem Kauf des Soundtracks kann man nichts verkehrt machen.
Auch wenn es nahezu unmöglich ist, diesen Film in einer Kritik würdig in Worte zu kleiden, kann ich nur sagen: Gucken und mitreißen lassen!
Bleibt nur zu hoffen, dass nach den bisherigen miserablen Veröffentlichungen von Screen Power und Laser Paradise bald eine vernünftige Version auf den Markt gebracht wird, die dem Film in würdigem Bild und Ton gerecht wird.