Review
von Leimbacher-Mario
Wenn gelb zu rot wird
Zählt „Profondo Rosso“ in meine Weihnachtsrückschau? Immerhin spielt die Farbe Rot eine große Rolle und zumindest das Trauma des Täters hat etwas mit dem christlichen Feiertag zu tun, direkt zu Beginn sieht man den Baum im Hintergrund leuchten... Aber eigentlich auch egal ob Argentos blutrotes Meisterwerk in meinen persönlichen „Todeszember“ passt - es wurde mal wieder Zeit für ihn. Erst recht, da ich über ihn noch kein Review verfasst hatte und ihn dennoch sehr doll mag. Handlung: in Rom wird ein britischer Komponist Zeuge eines brutalen Mordes an einem weiblichen Medium und ist von nun an besessen, das Rätsel um den Mörder im Regenmantel und das „verschwundene Gemälde“ zu lösen. Dabei wird er natürlich auch selbst Zielscheibe des perfiden Killers mit scheinbarem Xmas-Trauma...
„Deep Red“ ist ein glorreicher Giallo, erst recht in seiner neuen 4K-Restauration. Argentos Können ging hiermit ganz klar auf seinen Höhepunkt zu, war ganz nah dran an der Perfektion. Ich liebe jede Minute an der italienischen Originalversion/dem Directors Cut, sogar die romantischen Blödeleien zwischen unserem Protagonisten und seiner Gespielin, die in dieser Version doch um einiges länger und ausführlicher gezeigt werden. Doch auch das macht den Film nie langweilig, höchstens verschleppt er allgemein als Werk etwas sein ohnehin einlullendes Tempo und verteilt die wenigen, aber dafür umso eindringlicheren, brutaleren Morde sehr großzügig über seine zwei Stunden. „Profondo Rosso“ hat sein Subgenre weitergebracht und nahezu vollendet. Wenn das kein Top-5-Giallo ist, dann weiß ich es auch nicht. Und auch im Schaffen Argentos gehört er in die Spitzengruppe, keine Frage. Die wenigen Kills sind meisterhaft und wirklich ziemlich fies, die Optik ist passenderweise artifiziell und gemäldegleich, die Auflösung ist genauso elegant wie der Rest des Films und die ewige Stadt im Hintergrund, leicht verzerrt und bizarr, trägt ihre ganz eigenen, mysteriösen Schatten. „Deep Red“ ist ein enorm stilvoller und sexy Thriller, getaucht in rot und getauft in Blut. Sinnlich, spannend, symphonisch. Traumwandlerisch und gefährlich schön. Verstörend und psychologisch gemein verschachtelt, trotz seiner oberflächlichen Geradlinigkeit. Ein stechender Goblin-Score setzt dem tollen Treiben die Krone auf. Gehört in jede Sammlung. Hitchcock ist nicht fern und wäre sicher stolz, beeindruckt, begeistert. Kubrick, der diesen ausgefuchsten Geniestreich sicher nicht übersehen hat, übrigens ebenso.
Fazit: ein wegweisender und monolithischer Giallo, der über fast allem und jedem in dieser italienisch-eleganten Nische steht. Argento in vornehmer, instinktiver, ausgeklügelter Perfektion. Hypnotisch guter Thriller der alten Schule mit brutalen Aufschlägen. Von diesem Krimi kriegt die Mimi einige schweißtreibende Alpträume! Fantastico!