Review

Argento erklimmt seinen handwerklichen Gipfel und lässt für besseres Vorankommen seinen Willen zum Erzählen im Basislager: Plausibility Missing Part 4 


Die Rezension bezieht sich auf den Directors Cut (126 Minuten)

Es mag daran liegen, dass ich in den letzten Wochen vielleicht zu viele italienische Genrefilme gesehen habe: 

In Teilen begeistert mich Argentos „Profondo Rosso" regelrecht, aber der Genuss wird durch die typischen Argento-Unzulänglichkeiten wieder einmal gestört, so dass ich mich einfach weigere, hier von einem „Meisterwerk" oder irgendeiner Art von Superlativ zu sprechen. Ein Film, der eklatante Fehler bei der Narration macht und seine Figuren nahezu eigenschaftslos belässt und sie Handlungen vollziehen lässt, die sich einem normal sozialisierten Wesen nicht erschließen, hat solch ein Etikett schlichtweg nicht verdient. Und mittlerweile bin ich echt genervt von diesem Dilettantismus, der mit einem Anfängerkurs im kreativen Schreiben bereits hätte behoben werden können, was darauf schließen lässt, dass Argento seine Figuren schlicht egal waren und er sie lediglich als Funktionsmittel sieht, um seine Szenarien irgendwie in etwas Größeres lose einzubinden. Argento hätte hier aber wirklich gut daran getan, seiner Sorgfaltspflicht gegenüber seinen Figuren und seiner Handlung nachzukommen, denn tatsächlich wäre hier wirklich ein Meisterwerk im Rahmen des Möglichen gewesen.



Die eine Seite der Medaille: Logik, Plausibilität und Narration

Allein die sich im dauerhaften Anbahnen befindende Liaison zwischen der Hauptfigur Marc und der Journalistin Gianna ist so gestelzt und angesichts der hier dargebotenen schauspielerischen Leistung Daria Nicolodis nur schwer zu ertragen, dass man die Produzenten letztlich verstehen kann, die sie in „Suspiria" nicht besetzen wollten, obwohl Argento und sie ein Paar waren.
Eine wirkliche Chemie zwischen Hemmings und ihr entsteht einfach nicht und so quält man sich besonders im 126 Minuten Direcor`s Cut durch alle Szenen mit den beiden. Hier liegt der Verdacht nahe, dass der für den Giallo typische Kniff, sämtliche Figuren in den Kreis der grundsätzlich Verdächtigen zu rücken, dazu beitrug, dass Nicolodis Journalistin sich immer etwas merkwürdig verhalten sollte. Allerdings besteht angesichts ihrer Leistung in „Inferno" von 1980 auch ganz die Möglichkeit, dass sie einfach keine gute Schauspielerin ist. Was sie hier mit ihren Händen anstellt, lässt zumindest an einer ordentlichen Ausbildung zweifeln. Argento hätte hier als Regisseur die Schauspieler deutlich mehr führen müssen. 
Zudem kann man die Figur Gianna aus dem Drehbuch einfach herausstreichen, ohne dass die Handlung des Films darunter leiden müsste. Allein der Wille, der Hauptfigur ein Love Interest zur Seite zu stellen, erklärt diese weibliche Figur, die so Opfer ihrer bloßen Zusätzlichkeit wird und gleichermaßen Zeichen für fehlende Figurenanbindung an die hauptsächliche Handlung ist.

Neben dem blutlosen und mit unnötigem Witz angereicherten Techtelmechtel begegnet uns mit der Verbindung zwischen Marc und dem erfolglosen Pianisten Carlo die zweite vordergründig zentrale Beziehung in dem Film. Carlos Rolle des trinkenden und depressiven Jungkünstlers ist ein anschauliches Beispiel für die Art des Fährtenlegens im Giallo, denn über die Figur werden verschiedene Elemente in den Film einbezogen, ohne letztlich eine Konsequenz für Handlung und Entwicklung zu haben. Besonders der Aspekt der Homosexualität, die Argento in seinen Gialli bis dahin immer hat einfließen lassen, soll hier eine weitere Möglichkeit der psychologischen Herleitung eventueller Handlungsmotive für den Täter eröffnen, die sich aber letztlich als falsch herausstellt. Wenigstens erweist sich Carlo aber als in sich interessante Figur, die mit dem großen Handlungsbogen in einem nachvollziehbaren, wenngleich arg konstruierten Zusammenhang steht. Als Verdächtiger ist er allerdings durch seine Nähe zum Helden während des ersten Mordes von vornherein ausgeschlossen, wie dem Film dann am Ende selbst noch einfällt, der aber zuvor wirklich versuchte, Carlo als möglichen Mörder grausam sterben zu lassen. Hier wird deutlich, dass Argento sein Publikum permanent zu unterschätzen scheint.

Bei der Entwicklung der erzählten Kerngeschichte, die sich aus dem im Vorspann gezeigten Ereignis aus der Vergangenheit ergibt, verlieren Drehbuch und Regie dann aber die Fäden aus den Händen. So ergibt sich ein etwas episodenhafter Eindruck, denn die einzelnen Bausteine des Gesamtwerks werden, wieder einmal, nicht mit der nötigen Stringenz und Nachvollziehbarkeit miteinander verwoben und Argento lässt den Zuschauer an einigen Stellen ratlos zurück und setzt dann wieder ganz auf die Wirkung der jeweiligen Episode.

Besonders der Mord an der Frau im Landhaus ist so ein Fall. Wieso diese Frau und dieses Haus? Was soll das mit diesem Gruselbuch in der Stadtbücherei? Wieso weiß der Killer im richtigen Moment, dass die Frau zur Bedrohung wird und schaltet sie aus? Warum, in drei Gottes Namen, geht die Frau zurück ins Haus, aus dem sie gerade aus Angst herausgerannt ist, weil jemand eine Puppe am Strick aufgehängt hat und daher ja auch noch im Haus sein muss? Wieso wird die Frau nicht kurzerhand erdrosselt, sondern bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und dann mit kochend heißem Wasser aus dem Hahn (!) in der Badewanne, die der Mörder in aller Ruhe noch füllen muss, zu Tode gebrüht? 
Argentos Antwort auf die letzte Frage ist im Film selbst zu erkennen: Heißer Dampf und beschlagene Spiegel, auf denen Botschaften hinterlassen werden können, ermöglichen ein weiteres Rätsel, das sich als zusätzliches Puzzlestück für das große Ganze nutzen ließe. Aber auch hier gilt: Was stand da überhaupt? Und warum nutzt das niemand? Und wieso wird diese Szene so stümperhaft und unvollständig von der Haushälterin beendet? Nicht einmal ein Gegenschnitt auf eine geöffnete Hintertür und ein Schulterzucken des Haushälterin hatte Argento hier noch übrig und er beendet die Szene einfach mittendrin, wenn man etwas auf filmische Erzählkonventionen gibt. Dabei machte die Haushälterin ja selbst noch ihrer Sorge Luft, der Mörder könne an den Tatort zurückkehren. Die fünf Sekunden hätte man doch noch wohl gehabt. Die Landhausepisode läuft so sehr unrund und wirft mehr Ungereimtheiten als relevante Eckpfeiler für die Erzählung auf. Vor allem: Warum findet Marc die Leiche und erzählt zwar dem Professor, nicht aber der Polizei davon? 

Letztlich führt die (Nicht-)Lösung des in dieser Episode angelegten Geheimnisses nur zu einem weiteren Zeugen, der beseitigt werden muss. Und hier: Warum gibt der Professor seine Information nicht sofort weiter? Warum verhalten sich alle angesichts eines umherschleichenden Mörders so risikofreudig? Was soll die mechanische Puppe?

Beide Sequenzen sind nur zu erklären, wenn man anerkennt, dass Argento die reine Effekthascherei wichtiger war, als das Einhalten einer inneren Logik seines Films und für den mitdenkenden Zuschauer wird „Profondo Rosso" in diesen Momenten tatsächlich zu einer Tortur und man muss sich zwingen, über die reine Selbstzweckhaftigkeit der Szenen hinwegzusehen, bzw. sich an den ja recht interessant gestalteten Mordszenen zu erfreuen. Das fällt mir nur teilweise echt schwer und ich stolperte bei der Sichtung dann weiter über Dinge wie das rothaarige Psychomädchen, das durch Zufall den zentralen Hinweis in einer Schule beim Sortieren alter Kinderbilder mal gesehen hat und das Motiv einfach nachgemalt hat, wodurch der Protagonist nun zufällig auf die entscheidende Fährte gebracht wird.

Bitte? 

Da helfen dann auch nicht die gewollten Erklärungsversuche des Films weiter, der das Mädchen mit Hilfe aufgespießter Eidechsen als ausgeprägt grausam darstellt und so ihre Faszination für eben dieses eine Bild nahelegt. Der Kommissar Zufall wird spätestens ab diesem Moment zur Hauptfigur für den Film und drängt alles andere, vor allem Sinn und Verstand, in den Bereich filmischen Randgeschehens.




Die zweite Seite der Medaille: Film ist auch Kunst und Kunst muss frei sein

Jedoch muss ich eben auch anerkennen, dass der Film in weiten Teilen bei mir seine Wirkung voll entfalten konnte und mich stellenweise sogar wirklich packte, bzw. mir die Nackenhaare hochstehen ließ und das geschieht tatsächlich nur sehr selten, wenn ich ehrlich bin.

Argentos Lust am Gruseln und dem Vergrößern von scheinbaren Kleinigkeiten hin zu entscheidenden Elementen zur Auflösung einer sich immer weiter steigernden Mysteriösität funktioniert hier an mehreren Stellen ganz einfach hervorragend. In diesem Momenten packt einen „Profondo Rosso" sehr gekonnt und hier ist für mich die Lobhudelei auch durchaus nachvollziehbar.

Da wäre beispielsweise zu nennen das Foto, das auf das zugemauerte Fenster hinweist und dann zu einem versteckten Raum führt, der ein wirklich grausiges Fundstück bereithält. Allerdings muss man zuvor eine eher unpassende „Actionsequenz" über sich ergehen lassen, die wieder einmal mehr selbstzweckhaft von der eigentlichen Handlung ablenkt und etwas ungeschickt wird. Dann wird man aber mit wundervoller Kameraarbeit und Ausleuchtung belohnt und ich frage mich, ob die Szene noch mehr gewirkt hätte, wenn die Kletterpartie zuvor den Flow nicht unterbrochen hätte.

Auf gleiche Art funktioniert auch das Freilegen eines unter Putz liegenden Kinderbildes, das szenisch sehr stimmungsvoll in Szene gesetzt wird. Aber auch hier vergreift sich Argento, wenn er die Hauptfigur Marc das halbe Bild freilegen lässt, die Figur dann aber in den überfluteten Keller schickt, um dort nach einem besseren Werkzeug zu suchen, um dann anschließend das bereits identifizierte Bild weiter freizulegen. Der Effekt der Szene hat da bereits seinen Dienst getan und sie wird einfach unnötig und nicht zielführend in die Länge gezogen. Hauptsache nochmal der Gruselkeller, buhuhuhu. In der ersten Hälfte funktioniert die Szene aber hervorragend.

Ebenso hat mich die Auflösung der Identität des Mörders durch die Hauptfigur gut mitgenommen, wenngleich man der Erkenntnis des Helden immer voraus ist und es keine Überraschung mehr gibt, weil die Synchronstimme und die Art der Bewegung des Mörders schon recht früh klargemacht haben, wer sich denn unter dem Schlapphut verbirgt. Aber die visuelle Gestaltung mit den Bildern und dem Spiegel ist Filmkunst in Vollendung und meisterlich fotografiert und kompensiert so glanzvoll das fehlende Überraschungsmoment, wenn ein Schauer in einem gelungenen Klimax das (sehr) unterschwellig permanent im Raum stehende, aber elementare Rätsel auflöst. 

Der Eindruck einer sehr ausgeklügelten Bildlichkeit wird in den Einstellungen maximiert, in denen die Nachtbar in den Mittelpunkt rückt. Erinnernd an Hoppers ikonisches "Nighthawks" wirkt die Szenerie so artifiziell durch die Architektur und die immer gleichen, anachronistisch gekleideten, auf ihre reine äußere Wirkung reduzierten Figuren, dass der Film sich in seiner Zitation schon fast in seiner Kunst verliert. Aber man starrt mit allergrößter Freude und Faszination auf die Leinwand.

An diesen Stellen entschädigt „Profondo Rosso" mehr als genug für die eigenen Unzulänglichkeiten und der oftmals gelungene Soundtrack ergänzt die optischen Werte in einer Weise, dass man in diesen Momenten wirklich Argentos beste Arbeiten erlebt. 

Dabei dürfte in meinen Fall hilfreich gewesen sein, dass ich den Film in einer sehr gelungenen BluRay-Version von XT auf einer drei Meter breiten Leinwand gesehen habe. Ob ich so angesprungen wäre, hätte ich den Film auf dem iPad gesehen, wage ich zu bezweifeln. 


Fazit 

„Profondo Rosso" ist ein typischer Argento, der den Regisseur auf der Höhe seiner Schaffenskraft zeigt, zumindest was meinen bisherigen Kenntnisstand zum Werk des Italieners angeht. Das bedeutet aber auch, dass wieder einmal die Logik der Handlung insgesamt und auch die Logik der Figurenhandlungen im Einzelnen sehr brüchig sind und den mitdenkenden Zuschauer immer wieder aus dem Flow und dem Genuss reißen. Teilweise schlägt man sich wirklich vor den Kopf und ich war an einigen Stellen schon fast sauer, wie stümperhaft Argento mit kurzen Szenen zerstört, was er zuvor handwerklich beeindruckend an Atmosphäre und Spannung aufgebaut hat.

Hätte Argento seine einzelnen Bausteine und Figuren sinnvoller und nachvollziehbarer verbinden können, wäre dies wohl eine filmische Sensation geworden. So bleiben aber immer noch viele beeindruckende Szenen, die den Film immer noch empfehlenswert machen. 

Diese kommen im sogenannten Export-Cut, der 20 Minuten weniger Laufzeit hat, wesentlich pointierter zur Geltung, wenngleich die Logiklöcher natürlich nicht gestopft werden und die ein oder andere atmosphärische Szene auch fehlt. Letztlich könnte man mit einem Final Cut, der einzelne Szenen noch etwas stutzt und umarrangiert, hier noch eine Menge an Güte herausholen. 


Und mein Eindruck hat sich noch weiter verstärkt: Dario Argento ist ein technisch talentierter Filmer, aber definitiv kein Meisterregisseur. Dafür müsste er sich der Konsequenzen seiner Entscheidungen beim Zuschauer wesentlich bewusster sein und letztlich mehr Sorgfalt für das Gesamtprodukt walten lassen. Selten lagen Begeisterung und Enttäuschung meinerseits so nah beieinander. 

Mal sehen, was "Tenebrae" und "Phenomena" dann bringen, aber ich ahne schon, dass es nicht mehr besser wird, auch wenn ich mich auf eventuelle Höhepunkte freue.

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