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Die beiden Zwillinge Elliot und Beverly Mantle sind schon als Kinder hochbegabt, als Medizinstudenten sind sie die Wunderknaben ihrer Fakultät. Später teilen sie nicht nur ihre Gynäkologenpraxis, sondern ihr ganzes Leben, selbst die Geliebte, die Schauspielerin Claire, die gleichzeitig ihre Patientin ist. Sie sind fasziniert von ihrer „Schönheit des Inneren“ wie sie ihre drei Uterusausgänge bezeichnen. Die Dreiecksbeziehung fliegt jedoch schnell auf und die Unterschiede der ansonsten zutiefst miteinander Verwurzelten geraten an die Oberfläche. Wie ein empfindliches Gefüge beschreibt David Cronenberg die Abhängigkeiten zwischen den eineiigen Zwillingen. Während sich der sensitivere Beverly zu Claire hingezogen fühlt, fehlt dieser Bezug seinem Bruder, der dem Geschehen im Wege steht. Hinter den hochangesehenen Karriereärzten stecken zerbrechliche Seelen, die kaum ohne einander auskommen, selbst Betäubung hilft kaum weiter. Annähernd in jeder Szene spielt Alkohol eine Rolle, später auch Tabletten, Amphetamine und Downer. Für Chirurgen ist das Thema sicher gar nicht so ungewöhnlich, Cronenberg schildert es ohne jede Glorifizierung als erschreckend realitätsnahes Drama, was sehr persönlich wirkt. Innerhalb seines Werkes ist „Die Unzertrennlichen“ in seiner ruhigen Art wohl am ehesten mit „Spider“ zu vergleichen. Das Thema der Mutation, der inneren Missbildung, die statt als Makel auch als etwas Besonderes verstanden werden kann, ist typisch für den Regisseur, dessen Drehbuch auf dem Roman „Twins“ von Bari Wood und Jack Geaseland basiert, welches wiederum wahre Begebenheiten um ein amerikanisches Zwillingspaar zur Vorlage hatte. Im Gegensatz zu den vorangegangenen „Videodrome“ und „Die Fliege“ ist dieser Film fast ohne typische Horrorelemente inszeniert worden und ohne jegliche Actionszenen. Er kommt auch weitgehend ohne Splattereffekte oder Ekelszenen aus, ein subtiler Medizinthriller, der nicht die reine Fiktion darstellt. Trotzdem wirkt es geradezu beängstigend, wie die Chirurgen in ihrer roten OP-Kleidung wie Hohepriester an den Patienten herumpfuschen, so weit es der Zustand zulässt. Mit zunehmender Drogensucht wird nämlich auch die Eingriffstechnik bizarrer, selbstgebaute Instrumente zeugen von einem besessenen Geist. Die Abhängigkeit der beiden zueinander läuft zunächst konträr zu der vom Rausch und bekommt noch eine tragische Wendung. Eine schockierende, abschreckende Parabel auf Sucht und Co-Abhängigkeit, von Menschen, Drogen sowie dem inneren Bewusstsein zur Seele. Besonders augenscheinlich ist das glaubwürdige Schauspiel von Jeremy Irons ("M. Butterfly") in der Doppelrolle und ein Wiedersehen mit Stephen Lack ("Scanners") als Anders Wolleck. Geneviève Bujold als devote Liebhaberin wirkt dagegen etwas unprätentiös, gerade wenn klinischer Bondagesex etwas angedeutet wird, was vom Erotikanteil her nicht so ausgebreitet wie im späteren „Crash“ dargestellt ist. An den erinnert schon entfernt der Fetisch der metallischen OP-Werkzeuge, die als Kunst mit dem Titel „Gynäkologische Instrumente zur Operation mutierter Frauen“ ausgestellt werden, wie passend für die schicken Geräte. Einer der bislang besten und ergreifendsten Filme des Kanadiers, wer nur viel Action oder auch Splatter erwartet, wird ihn enttäuschend finden.

Fazit: Einer der schwerer verdaulicheren Filme Cronenbergs aus der Neuzeit. Ein Psychodrama als emotionales Horror-Highlight. 9/10 Punkten

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