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Kerou (Guey Lunmei) ist die Sache sichtlich blöd. Nein, nein, betont sie immer wieder, sie sei nur die Überbringerin der Nachricht. Es ginge um Yuezhen (Liang Shuhui), ihre beste Freundin; die sei seit langem schon in ihn verliebt. Yuezhen sei nur viel zu schüchtern, aber bildhübsch. Shihao (Chen Bolin) glaubt ihr kein Wort. Tatsächlich sei es doch sie selbst, Kerou, die die Botschaften verfasst hat - und Yuezhen, folgert Shihao, so ein Mädchen existiert doch gar nicht. Kerou wendet sich verärgert ab. Nie hätte sie sich auf die Sache einlassen sollen.
Kerou und Yuezhen sind ein unzertrennliches Team. Eingeschworen. Gäbe es Pferdekoppeln in der Stadt... aber lassen wir diesen Allgemeinplatz in diesem Zusammenhang mal aus. Fest steht, es scheint eine dieser Mädchenfreundschaften zu sein, in der die eine der anderen keinen Wunsch abschlagen kann, selbst wenn die Erfüllung schmerzt wie sonst nichts. Und das ist die Heimtücke in der tollen Freundschaft, die die beiden pflegen, die eine spürt diesen Schmerz, die andere eher nicht. Das kann die eine der anderen allerdings nicht zum Vorwurf machen. Und würde die eine sich gegenüber der anderen öffnen, ehrlich begründen warum der Bengel stört, stören würde, dann wäre die Freundschaft vielleicht vorbei, und alles nur wegen eines Gefühls, das noch zu neu, zu unerfahren ist, stechend schmerzhaft und paradoxerweise völlig vage, so blöd und wahrscheinlich doch schnell vorübergeht ...
Shihao ist hartnäckig. Es ist nicht zufällig, dass sie sich immer wieder treffen. „Was willst du?!“, herrscht Kerou den Jungen an. Schließlich rückt er raus, spricht es aus, macht es manifest, was Kerou bisher noch ignorieren konnte, konfrontiert sie, nötigt ihr eine Stellungnahme ab: „Mit ... mit dir gehen will ich!“
Natürlich geht das ganz und gar nicht.
Die Konstellation, die Yee Chihyen für seine drei Protagonisten entwirft, funktioniert in und ist bedingt durch die zeitliche Dimension, das Coming of Age (Pubertät hört sich einfach zu sehr nach Pickeln an, und von Erwachsenwerden redet man in diesem Alter schon seit vielen Jahrzehnten kaum mehr). Ein Zeitrahmen also, in dem die Selbstverständlichkeit in sich zusammenfällt, Wahrheiten an Gültigkeit verlieren und darüber hinaus neue Frage aufgeworfen werden, deren Antworten man nicht einzufordern wagt. In dieser Zeit ist alles so unklar und ungewiss, dass jede Möglichkeit erwogen werden muss. So ist diese Konstellation mitnichten so voreilig erklärbar, wie es sich anbietet, und wenn es nur eine (d.h. zunächst erst einmal nur meine) Konditionierung durch das große Paradigma Hollywoods - den kanonisierten Mythos der „hetereosexuellen romantischen Liebe“ - ist, die hier greift, ja dann, Schande, sei es drum. Sich auf die Entwicklung der Charaktere einzulassen, ihnen für die knappen 90 Minuten allen Spielraum zu geben, sich selbst zu entdecken, daraus erwächst sich jedoch meines Erachtens nach das Erlebnis dieses großartigen Films. Es entsteht eine wirklich fesselnde Spannung aus den zaghaften, vorsichtigen Verschiebungen in der Konstellation der Figuren, man erwägt die Konsequenzen jeder noch so kleinen Geste. Auf der Ebene der Charaktere kann jedes Zeichen so mehrdeutig ausgelegt werden wie es in der Tat schon kodiert ist. Die Protagonisten - der Fokus verschiebt sich deutlich auf die Beziehung zwischen Kerou und Shihao - spielen hemmungslos mit den Gefühlen, die ihnen mehr oder minder deutlich entgegengebracht werden, und sie tun dies, um sich über ihre eigene Gefühle etwas klarer zu werden. „Aber du hast mich doch geküsst“, nervt Shihao. Er hatte sich schon in seinem Hoffen bestätigt gefühlt, und nun ist er noch verwirrter als zuvor. Für Kerou hingegen ist nach diesem ersten Kuss von den Lippen des Jungen endgültig alles klar. Ganz sicher. Absolut.

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