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Die Bagger rücken an, die Kettensägen kreischen, die Schneiden der Äxte spalten Holz, die Bäume fallen. Dem Regenwald geht es an den Kragen, und Schuld sind einmal mehr die Menschen, die ohne Rücksicht auf Verluste brutalen Raubbau an Mutter Natur betreiben. Was niemand weiß: Im Amazonas lebt seit Jahrmillionen der Cocorada-Käfer, und durch die Abholzung der Wälder ist seine Existenz gefährdet. Diese bislang unentdeckte Spezies ist menschengroß, anpassungsfähig, nicht dumm, aber verständlicherweise stinksauer. Der Rodung muß Einhalt geboten werden, koste es was es wolle, ist die Devise. Und wenn man nicht mit den Menschen leben kann, dann muß man eben ohne sie auskommen. Also machen sich fünf der kakerlakenähnlichen Kreaturen auf nach Amerika, um einen perfiden Plan in die Tat umzusetzen. Eine Kernschmelze in einem Atomkraftwerk soll für Ruhe sorgen, denn wie wir alle wissen, können Insekten Strahlung weitaus besser verdauen als Menschen. Die Käfer, die den Anschlag vorbereiten sollen, tarnen sich als die Applegates, eine amerikanische Durchschnittsfamilie wie aus dem Lehrbuch, quasi der Traum eines jeden Statistikers. In einem ruhigen, spießigen Vorort in Ohio lassen sie sich also nieder. Richard P. Applegate (Ed Begley Jr.) ist das Familienoberhaupt, und er besorgt sich gleich mal einen Job im nächsten AKW. Seine Frau Jane (Stockard Channing) hütet derweil das Haus, während die Kinder Johnny (Robert Jayne) und Sally (Camille Cooper) sich unauffällig verhalten und in die Gesellschaft integrieren sollen. Und Spot, ein kleiner süßer Hund, ist natürlich auch noch mit von der Partie. Doch es kommt alles anders als geplant, denn das Menschsein ist nun mal wahrlich kein Zuckerschlecken (obwohl die Applegates gerne Zucker schlecken).

Michael Lehmanns Meet the Applegates, in Good Old Germany in Anlehnung an Tim Burtons famosen Beetlejuice launig Applejuice genannt, ist ein amüsant-augenzwinkerndes Plädoyer für den respekt- und verantwortungsvollen Umgang mit Mutter Natur, verpackt als trashig-schräge Riesenkäferkomödie. Erinnert ihr euch noch an die Married with Children-Episode, in der ein topfitter Fitnessfanatiker innerhalb kürzester Zeit von der "schrecklich netten Familie" zugrunde gerichtet wird? Nun, den Applegates geht es, in Versuchung geführt von all den Annehmlichkeiten, die der Human Way of Life so mit sich bringt, ähnlich. Wie soll man sich bloß auf die Aufgabe konzentrieren, wenn man ständig abgelenkt und mit ach-so-süßen Verlockungen bombardiert wird? Dick muß sich z. B. mit seiner notgeilen Sekretärin Dottie (Savannah Smith Boucher) herumschlagen, Jane verfällt - der wunderbaren Erfindung namens Kreditkarte sei Dank! - dem hemmungslosen Kaufrausch, Johnny beginnt zu kiffen und Sally wird gleich beim ersten Date von einer zudringlichen Sportskanone geschwängert. Da fällt es halt schwer, die Tarnung aufrechtzuerhalten, zumal in Extremsituationen auch schon mal der Käfer im Menschen die Oberhand gewinnt. Unliebsame Zeugen derartiger Vorfälle werden ruhig gestellt, in einen Kokon eingesponnen und im Keller zwischengelagert. Es dauert nicht lange, und alle - mit Ausnahme des Hundes - haben die eine oder andere "Leiche" im Keller (ein herrlicher Running Gag!). Klar, daß das der Königin des Volkes, "Tante Bea" (Dabney Coleman), so ganz und gar nicht gefällt und sie hart durchzugreifen gedenkt.

Meet the Applegates ist von allen Beteiligten toll gespielt. Das Ensemble funktioniert einfach perfekt, weshalb ich auch niemanden hervorheben möchte. Die spärlich eingestreuten, bewußt nicht sonderlich realistisch gestalteten aber immens coolen Käfer-Effekte stammen u. a. von Kevin Yagher, und das twistreiche Drehbuch schrieb Regisseur Michael Lehmann zusammen mit einem gewissen Redbeard Simmons. Lehmann, der mit dem großartigen Heathers aka Lethal Attraction (mit Winona Ryder und Christian Slater) erstmals auf sich aufmerksam machte, legte nach dem 1989 gedrehten Meet the Applegates mit Hudson Hawk einen fulminanten Flop hin, von dem sich seine vielversprechende Karriere nie mehr erholte. Nach diesem finanziellen Debakel drehte der 1957 geborene Kalifornier überwiegend fürs Fernsehen, inszenierte z. B. Episoden für Serien wie Homicide: Life on the Street, The Larry Sanders Show, True Blood, Californication, Nurse Jackie, Dexter und American Horror Story. Meet the Applegates ist enorm unterhaltsam, glänzt sowohl mit vielen launigen Bonmots ("Wie soll ich Romeo und Julia studieren, wenn du hier rumflennst wie eine einen Tag alte Larve?" oder "Nichts verdirbt einen Tag so wie ein menschenverseuchtes Picknick!") als auch hübsch bizarren Ideen (die Geburtsszene etwa oder das "Insektenpornoheft"), obwohl er weder die Klasse noch den Biß von Heathers erreicht. Ein wenig bösartiger hätte der recht originelle Streifen durchaus ausfallen dürfen, aber er hat das Herz am rechten Fleck, ist überaus charmant, und einige Szenen sind hinreißend komisch. So ist Meet the Applegates ein schräger Spaß mit Ökobotschaft. Sehr sympathisch, leicht satirisch, definitiv kultig, aber vielleicht etwas zu harmlos.

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