Review

„Diese Kreatur scheint harmlos.“

US-Regisseur Michael Lehmanns („Heathers”, „Hudson Hawk”) zweiter abendfüllender Spielfilm heißt eigentlich „Meet The Applegates“, wurde in Deutschland in Anlehnung an Tim Burtons „Beetlejuice“ aber kurzerhand „Applejuice“ getauft. Die Horrorkomödie aus dem Jahre 1990 verbindet ein Kreaturenspektakel mit satirischen Elementen.

„Das ist ein Atomkraftwerk und kein Bordell!“

Der Raubbau des Menschen am Regenwald bedroht die Existenz der Cocorada-Käfer, einer bisher unbekannten Spezies mit ganz besonderen Fähigkeiten: Sie kann sich in Menschen verwandeln. Diese Eigenschaft wollen die Käfer nutzen, um der Menschheit den Garaus zu machen. Fünf von ihnen werden in die USA entsandt, um dort einen Super-GAU in einem Atomkraftwerk auszulösen. Als Familie Applegate getarnt, eine typische amerikanische Durchschnittsfamilie, beziehen sie ein Haus in einem Vorort von Ohio. Familienvater Richard P. Applegate (Ed Begley Jr., „Straßen in Flammen“) tritt einen Job im Atomkraftwerk an, Mutter Jane (Stockard Channing, „Grease“) betätigt sich als Hausfrau, die Kinder im Teenager-Alter Johnny (Robert Jayne, „Im Land der Raketen-Würmer“) und Sally (Camille Cooper, „Shocker“) werden in die Schule geschickt und Familien„hund“ Spot darf natürlich auch nicht fehlen. Doch die zahlreichen Verführungen der US-Gesellschaft drohen, den Plan zu durchkreuzen…

„Sexbesessene Käfer!“

Texttafeln zu Beginn informieren über die Käfer, bevor es im im Dschungel spielenden Prolog mit einem Riesenkäferangriff in Point-of-View-Perspektive direkt in die vollen geht. Ein paar einfach gemachte, nichtsdestotrotz gelungene Mutationsspezialeffekte und schicke Käferkostüme sorgen im weiteren Verlauf für Schauwerte, Augenschmaus Camille Cooper in ihrer Rolle als Sally ebenfalls, und Hündchen Spot ist auch ein ganz Süßer. Ein spaßiger, leichter Ekelfaktor durchzieht den Film dennoch, ohne dass es Regisseur Lehmann damit übertreiben würde. Einer der Käfer tritt zunächst als Mann in Frauenkleidern in Erscheinung, hat anscheinend irgendetwas falsch verstanden. Und zwei powerlockige Heavy-Metal-Zwillinge sind wandelnde Klischees.

„Applejuice“ entwickelt sich sodann rasch zu einer hübsch bunten satirischen Parodie auf den konsumistischen US-Way-of-Life, der sich insbesondere in Jane widerspiegelt, die dem Kaufrausch verfällt, finanziell über ihre Verhältnisse lebt und schließlich kriminell wird. Ihr Mann lässt sich im Büro von seiner Sekretärin (Savannah Smith Boucher, „Long Riders“) verführen, wird gefeuert und anschließend von ihr erpresst. Töchterchen Sallys Sexualpartner landet als Kokon im Schrank, schwanger wird sie trotzdem von ihm. Und Sohnemann Johnny wird drogenabhängig. Natürlich eskaliert die Situation irgendwann…

…jedoch nicht, ohne dass Lehmann das Finale noch mit einer ökologischen Aussage versehen würde. Zur Kritik an hemmungslosem Konsum und der Zerstörung von Mutter Erde gesellt sich in „Applejuice“ eine generelle Verballhornung des Menschen innerhalb westlich geprägter Zivilisationen – jedoch stets derart ironisierend und herrlich bescheuert dargereicht, dass einem Horrorkomödien-geeichten Publikum das Lachen nur selten im Halse steckenbleiben dürfte. Das bedeutet aber auch, dass Lehmann gern noch ein paar Pfund hätte draufpacken dürfen, um aus seinem Film mehr als einen letztlich dann doch eher harmlosen, trashigen Spaß, der immerhin etwas zu sagen hat, zu machen. Ein spielfreudiges Ensemble und die ansprechende, kreative Umsetzung sorgen davon unabhängig für viel Kurzweil!

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