Ulrich Seidls zweite Regiearbeit, Der Ball, der einen Schulabschlussball im niederösterreichischen Horn dokumentiert, kostete Seidl nichts weniger als seinen Platz als Student in der Filmakademie. Doch waren es weniger einzelne Szenen und Momente des Filmes, die für einen Eklat in der Horner Gemeinde sorgten, sondern vielmehr die spöttisch amüsierten Reaktionen des Wiener Publikums auf das hier dargestellte provinzielle Milieu. Angesichts dieser als demütigend empfundenen, zweifelhaften Aufmerksamkeit, setzte man nun alle möglichen Hebel in Bewegung, um die Verbreitung des Filmes zu verhindern. Für Seidl endete das ganze unrühmlich mit einem „nicht genügend“ auf seine Arbeit, dem Rausschmiss aus der Akademie und für fast neun Jahre sollte er keinen Film mehr drehen.
Vieles in seinem Frühwerk hat sich bis heute erhalten. Die starre Kamera, der gnadenlose Blick auf die Schwächen und Unsicherheiten der Interviewten und der Verzicht auf erklärende (Off-)Kommentare. Zu Wort kommt neben den Schülern und Schülerinnen, der Schuldirektor, der Bürgermeister der Stadt und weitere ranghohe Mitbürger. Für viele davon stellt dieser Ball eines der größten festlichen Ereignisse der Ortschaft dar und sehen ihm auch mit einer gewissen Begeisterung und Vorfreude entgegen. Wie üblich hält Seidl so lange mit der Kamera drauf, bis das absurde, peinliche, erschreckende, radikale oder einfach dumme ans Tageslicht kommt.
Mit Der Ball hat Seidl weder seiner Heimatstadt noch sich selbst einen großen Gefallen getan. Die Interviews liefern nicht viel zu Tage, was die Aufregung wert wäre. Schlecht einstudierte und stotternd Vorgetragene Reden der Gemeindepolitik und naives Teenagergeschwätz sind die höchsten der Gefühle. Darüber kann man, wenn überhaupt, nur aus Verlegenheit lachen, denn wirklich interessant ist das nicht. Dies scheint auch Seidl selbst gemerkt zu haben und setzt am Ende noch eine rund zehnminütige Schunkel- und Vogerltanzorgie auf die bis dahin recht zähen Interviewpassagen. Provokant und fahrig macht er in dieser Collage auf die alkoholgeschwängerte, kleinstädtische Borniertheit aufmerksam, gerade weil er sie hier in ihrer festlichen Ausgelassenheit zeigt. Doch tatsächlich wirkt vieles an diesem Film, wie die späte Rache eines einst zurückgezogenen, sensiblen und tief gelangweilten jungen Künstlers an seinem ihn lange schikanierenden Umfeld. Der aufgestaute Zorn mag verständlich sein, eine gute Grundlage für (s)einen Film ist er aber nicht. Vor allem dann nicht, wenn man trotz kaum wirklich erstaunlicher oder besonderer „Einblicke“ das Gefühl nicht los wird, dass hier ein lustvoll aneckender Filmstudent schlaumeierisch mit dem Finger auf andere zeigt. Selbst in den späteren, abgründigsten Werken von Seidl, konnte man - im Gegensatz zu diesem - noch eine gewisse Wertschätzung bzgl. seiner Figuren herauslesen. Dies war der kleine, aber enorm wichtige Unterschied, der seine Filme von sozialpornographischen oder heuchelnd aufklärerischen Fernsehformaten unterschied. Der Ball besitzt dieses wichtige Unterscheidungskriterium noch nicht und poltert stattdessen polemisch drauflos. Vielleicht tat Seidl die anschließende lange Pause ganz gut, denn mit Good News (1990) schaffte er eine Dokumentation, die wirklich von Belang war und sein Talent als ausnehmend guter Beobachter hervorhob.