An „American Crime“, der zweiten Regiearbeit des preisgekrönten Werbefilmers Dan Mintz („Cookers“), hat mich auf den ersten Blick recht wenig gereizt: Zwar wartet die Besetzungsliste mit einigen bekannten Gesichtern auf, doch die Story klang für mich nicht sonderlich originell oder Neugier erweckend – zudem ist es eigentlich nie ein gutes Zeichen, wenn eine amerikanische Produktion schon lange vor ihrer US-Veröffentlichung in Europa als Videopremiere erscheint, was Fälle wie „Edison“ oder „Mortuary“ immer wieder anschaulich beweisen. Was mich letztendlich umstimmte, war der interessant konzipierte Trailer, welcher einen eigenwilligen Inszenierungsstil inklusive einer ungewöhnlichen Optik versprach – angesichts dieser Erwartungshaltung, also auf einen schrägen kleinen B-Film, hat mich das Endergebnis dann auch nicht enttäuscht, wobei jenes allerdings überwiegend ein klassisches „Style over Substance“-Vergnügen darstellt…
Nach ihrer Ausbildung erhält Jesse St.Claire (Rachel Leigh Cook: „Get Carter“) dank ihrer positiven Ausstrahlung einen Job bei einem kleinen Lokalfernsehsender, bei welchem sie nach einer Reihe belangloser Sendungen die Aufmerksamkeit der Produzentin Jane Berger (Annabella Sciorra: „Copland“) erweckt, die sie unter ihre Fittiche nimmt und fortan im Außendienst einsetzt, worauf sie sich als aufstrebende Jungreporterin schnell einen Namen erarbeitet. Eines Nachts werden sie und ihr Team von einigen merkwürdig anmutenden Hillbillie-Fischern an einen abgelegenen See gerufen, da diese dort eine Frauenleiche im Wasser gefunden haben. Gemeinsam mit dem Praktikanten Rob (Kip Pardue: „Remember the Titans“) wittern die beiden Frauen die Chance auf eine Karriere-fördernde Story und bleiben weiter an der Sache dran, statt der örtlichen Polizei die Ermittlungen zu überlassen (obwohl diese eh nicht viel Interesse für den Fall zeigt). Beim Durchgehen der persönlichen Sachen der Getöteten finden sie kurz darauf ein Videotape, auf welchem das spätere Opfer zu sehen ist – offensichtlich ohne ihr Wissen von einem Stalker gefilmt. Ferner lassen sich auf dem Band noch ähnliche Aufnahmen einer anderen jungen Frau entdecken, welche bereits vor einiger Zeit ermordet aufgefunden wurde. Dann wird dem Fernsehsender jedoch ein weiteres Band zugeschickt, welches den Mord an sich zeigt – und dazu noch heimlich gefilmte Situationen aus Jesses Privatleben, was sie somit, dem Schema nach, zum nächsten Ziel des Killers macht. Mit dem Druck dieser Befürchtung wird sie allerdings nicht fertig, erleidet einen Nervenzusammenbruch und verlässt recht überstürzt die Stadt, um bei einem anderen Sender weit entfernt einen neuen Job anzutreten…
Wenig später erscheint der sehr eigene Reporter Albert Bodine (Cary Elwes: „Saw“), seines Zeichens Moderator einer erfolgreichen britischen Reality-Show namens „American Crime“, auf der Bildfläche, stellt Kontakt zu Jane und Rob her, führt unabhängige Nachforschungen durch und filmt dabei alles, um daraus einen Beitrag für seine Sendung zu schneiden. Es ist klar, dass alle Beteiligten hauptsächlich auf größeren beruflichen Erfolg durchs Weiterverfolgen der Geschichte aus sind – Jane hat ihr Aushängeschild verloren, Rob träumt von einer Karriere in L.A. und Albert wirkt inzwischen so, als hätte er seine besten Zeiten auch schon länger hinter sich. Als im Zuge diverser hinter den Kulissen des Senders laufende Intrigen einige schädigende Informationen an die Öffentlichkeit gelangen, durch welche sowohl die Produzentin als auch der Praktikant ihre Jobs verlieren (er hatte bei seiner Einstellung eine alte „Jugendsünde“ verschwiegen, sie wiederholt ihre lesbischen Neigungen gegenüber Interviewpartnerinnen in den Vordergrund gedrängt, was man als sexuelle Belästigung auslegte), schließen sich die drei zusammen und gehen einer aktuellen Spur nach, welche sie zuerst zu einem neuen potentiellen Opfer, später zu der Erkenntnis, dass sich Jesse allem Anschein nach in der Gewalt des Killers befindet, führt. Ein Wettlauf gegen die Zeit setzt ein, und jeder erscheint auf eine gewisse Weise verdächtig, denn bestimmte Verhaltensweisen lassen sich deutlich in der Handschrift des Täters wiedererkennen…
Was in der Inhaltsbeschreibung noch recht gradlinig klingt, entfaltet sich unter dem Kommando von Regisseur Mintz allerdings auf ungewöhnliche Weise, welche dem Film einen nicht von der Hand zu weisenden Reiz verleiht: Das erste Drittel ist im Stil einer „True Crime“-Episode aufgebaut sowie umgesetzt, was dem Werk einen bedrohlichen, unheilschwangeren Einstieg verleiht – diesen Teil könnte man fast als überlangen Prolog beschreiben, welchen man, dank der Sendungs-Aufmachung, dem Betrachter in dieser Form quasi vorwegnimmt, denn Moderator/Erzähler Bodine taucht ja erst im mittleren Abschnitt des Verlaufs zwecks seiner Recherchen vorort auf, und das nach Jesses Verschwinden. Der zweite Akt ist im Gegensatz zu seinem Vorgänger „normal“ in Szene gesetzt worden, mit allen (Standard-) Elementen eines typischen Thrillers, während das letzte Drittel, wenn man die Spur des Killers raus aufs Land verfolgt, erneut an den guten Anfang anknüpft – atmosphärisch gefilmt, interessant und spannend.
Wie eingangs beschrieben, überzeugt der komplett auf Digital Video gedrehte „American Crime“ vor allem auf stilistischer Ebene – der optische Schein siegt klar über das inhaltliche Sein. Technische Spielereien und ansprechende Bildkompositionen lenken die Aufmerksamkeit angenehm von der 08/15-Handlung ab und kaschieren so mehr oder minder erfolgreich einige vorhandene Logikschwächen. Bereits die Anfangscredits sind ein visueller Genuss, denn diese erscheinen während einer virtuellen Kamerafahrt durch das Innere eines Videorecorders. Die Gestaltung der TV-Show erweckt einen absolut „echten“ Eindruck in ihrer Aufmachung, die Übergänge verschiedener Zeit- und Handlungsebenen (der Interviews, Dokumentationen, Nachrichtenberichterstattungen, Rückblenden, Nachstellungen der Ereignisse, pseudo-„Behind the Scenes“-Footage, tatsächliche Spielfilmsequenzen etc.) finden teils sehr ansehnlich sowie kreativ statt (nahtlose Kamerafahrten vom Studio aus durch Monitore hindurch ins echte Geschehen und zurück), bestimmte Szenenarrangements werden genutzt, um desorientierende Eindrücke zu unterstützen (jemand filmt mit einer Kamera eine Person, welche sich gerade im Fernsehen eine Frau ansieht, wie diese eine Videoaufzeichnung betrachtet, die wiederum zeigt, dass jemand sie heimlich gefilmt hat). Diese ungewöhnliche Stimmung wird noch von einer Vielzahl anderer Verfahren unterstützt: Einige Momente strotzen nur so vor Symbolik und Surrealität (TV-Geräte, die irgendwo in der Landschaft liegen, jedoch laufen und mit den gezeigten Inhalten das Geschehen vorantreiben), Videoformate verschiedener Auflösung erzeugen ein rohes Feeling, der Einsatz von Split Screen, Farbfilter sowie ungewöhnliche Perspektiven und Kamerawinkel erfreut das Auge, weshalb gerade gegen Ende (bezüglich Optik und farblicher Gestaltung) positive Erinnerungen an „Saw“ oder (besonders) Marcus Nispels „TCM“ in den Sinn kommen, wobei man aber sagen muss, dass diese Produktion hier früher entstand. Inszenierung und Kameraarbeit kann man also problemlos mit „raffiniert“ und „stilvoll“ umschreiben.
Aus den Reihen der Schauspieler ragt vor allem Cary Elwes (“Days of Thunder“/“Edison“) heraus, allerdings weniger aufgrund einer besonders guten Leistung, sondern eher dank seiner Rolle sowie der Ausrichtungsart jener Figur: Der sonst vornehmlich auf Schönlinge oder gepflegte Gestalten abonnierte Mime beweist hier Mut zur Hässlichkeit, indem er Bodine als unattraktive, eigenwillige, fast schäbige Gestalt portraitiert, welche auf den Betrachter einfach nur merkwürdig wirkt. Von der Erscheinung her erkennt man Elwes kaum wieder, der britische Akzent unterstützt diesen befremdlichen Eindruck nur zusätzlich, wie auch sein überzogenes Spiel, welches fast karikaturesk anmutet. Vielleicht sollte das satirisch gegenüber dieser Form der Medienberichterstattung bzw solchen Moderatoren wirken, doch das Ergebnis ist irgendwie schon eigenartig, was aber letztendlich zu dem Film an sich passt. Kip Pardue (“Driven“/“Rules of Attraction“) tritt gewohnt solide auf, was ebenfalls auf Annabella Sciorra (“the Hand that rocks the Cradle“/“the Funeral“) zutrifft – unabhängig davon habe ich mich bei letzterer darüber gefreut, sie mal wieder zu sehen. Den Part der Jesse hat man mit Rachel Leigh Cook (“She´s all that“/“11:14“) optimal besetzt, weshalb es etwas schade ist, dass sie nach dem ersten Drittel fast völlig aus der Handlung verschwindet.
Was „American Crime“ von der breiten Masse ähnlicher Genre-Vertreter abhebt, ist die Art der Darstellung Bodines sowie die vordergründige Integration seiner Show in der ersten Hälfte. Diese Verbindung trägt zusätzlich zur unklaren Situation bei, da man sich nie wirklich sicher sein kann, ob etwas nun tatsächlich so geschieht oder eine (eventuelle gar manipulierende) Nachstellung der Ereignisse ist. Verstärkt wird die Atmosphäre zusätzlich vom Misstrauen der Protagonisten, da man jedem in bestimmten Situationen (aus ihrem Handeln oder Verhalten heraus) die Taten durchaus zutrauen könnte, ohne dabei groß auf falsche Fährten geführt zu werden, da individuelle Deutungen der Spuren, in Kombination mit Angst, Ehrgeiz und Paranoia-Anflügen, die „whodunnit?“-Frage ganz natürlich unter den Anwesenden verteilt. Selbst das „Twist“-Finale nach dem starken letzten Akt steuert in diesem Fall nicht unbedingt primär zur Erkenntnisgewinnung bei, sondern eher zum ungelösten Verwirrungszustand bezüglich der eigentlichen Hintergründe des ganzen Geschehens. Es ist schade, dass der Film im Mittelteil das Tempo (mitsamt den kreativen Umsetzungselementen) leicht zurückfährt, wodurch die weniger reichhaltige Geschichte (leider) stärker betont wird. Um das zu vermeiden bzw wenigstens davon positiv abzulenken, hätte man am eingeschlagenen Pfad festhalten müssen – so aber entsteht ein kleiner Dämpfer im Kernstück, welcher allerdings nicht allzu gravierend ausgefallen ist. Die Kombination aus Serienkiller-Thriller und Mediensatire trägt schon fast bizarre Züge, stellt auf diese Weise jedoch eine interessante Abwandlung des klassischen Schemas jenes erstgenannten Subgenres dar. Ich muss gestehen, dass mir der Film beim zweiten Sichten besser zugesagt hat, da ich ursprünglich mit falschen Erwartungen an die Sache herangegangen bin – einen klassischen, linear verlaufenden Mordserien-Plot bekommt man nämlich keinesfalls geboten.
Fazit: Trotz einiger Schwächen, hauptsächlich inhaltlicher Natur, ist „American Crime“ ein unterhaltsamer, verworrener und verschachtelter Thriller, der eine creepy-bedrohliche Stimmung erzeugt sowie einen optisch ansprechenden und interessanten Inszenierungsstil besitzt … knappe „7 von 10“.