Seit rund 70 Jahren lässt sich der Durchschnitts-Amerikaner von seinem Küchen-, Wohn- oder Schlafzimmerspiegel diktieren, wie er sich in den eigenen vier Wänden zu verhalten hat. Er starrt auf die glatte Oberfläche und glaubt, darin einen Artgenossen zu betrachten… ohne zu bemerken, dass eigentlich er es ist, der beobachtet wird. Hinter dem vermeintlichen Spiegel versteckt sich nämlich eine Kamera. Sie fängt heimlich die Verhaltensweisen des arglosen Amerikaners ein und verwertet sie in Form von sich wiederholenden Sketch-Ellipsen und Slapstick-Einlagen. Es entsteht: eine Sitcom! Sie wird nun nach dem Rundfunk-Prinzip an ganz Amerika rückverteilt. Der Amerikaner schaltet seinen Fernseher ein und sieht eine Familie, die seiner eigenen Familie ziemlich ähnlich ist. Er lacht über die Situationskomik, die sich aus den unmöglichsten Zufällen ergibt. Die Verhaltensweisen der Figuren im Fernsehen sind ihm so vertraut, dass er sich mit ihnen identifiziert – und darüber selbst zur Fernsehfigur wird.
Die Idee hinter dem Sitcom-Format basiert darauf, ein möglichst breites Publikum zu erreichen, auf dass die Massen-Indoktrination erfolgreich durchgeführt werden kann. Das Gelingen der Operation ist von einer großflächigen Verbreitung der Empfangsgeräte abhängig. Bedenkt man den Siegeszug des Fernsehgeräts im heimischen Wohnzimmer nach Ende des Zweiten Weltkriegs, so reicht die Aufstiegsphase der „situation comedy“ wohl von den 50ern bis in die 60er Jahre hinein.
Ohne sich explizit damit zu brüsten, trägt die Quasi-Sitcom „TerrorVision“ den überaus prägnanten Charme jener Zeit in sich, obwohl sie eigentlich gar nicht in die Vergangenheit schielen müsste; schließlich startete die Hochphase des Formats mit „Cheers“, „The Bill Cosby Show“, „Wer ist hier der Boss“ oder „Unser lautes Heim“ ungefähr zu der Zeit durch, als die Gebrüder Band die vorliegende Produktion anleierten. Glatte, bunte Studiowände, Warhol’sche Wohnzimmerdekoration und gemalte statt gefilmte Outdoor-Sets sprechen aber eine andere, eine verflossene Sprache. Schon der mit Theremin-ähnlichen Hintergrundchören und femininen Singsang-Refrains ausgestattete Ohrwurm von einem Titelsong gemahnt an die alte „Batman“-Serie, so dass man auf die Sixties eingegroovt wird, noch bevor es richtig losgeht. TV-Moderatorin Medusa (Jennifer Richards) knüpft im Rahmen einer Schwarzweiß-Gruselsendung mit Gummifledermäusen und Plastiksärgen an die Kunstfigur Vampira von Maila Nurmi an. Da ist dann auch der Sprung zur 60er-Bizarro-Sitcom „Addams Family“ nicht mehr fern. An deren Konkurrenz „The Munsters“ wiederum erinnert das Verhältnis zwischen Großvater (Bert Remsen) und Junge (Chad Allen), wobei ersterer mit seinen an die Uniform gepinnten Mini-Militärfahrzeugen als wandelndes Schlachtfeld zugleich dem Anti-Kriegs-Performer General Hershy Bar nacheifert und den Vietnamkrieg somit ein Jahr nach „Rambo 2“ latent zu Thema macht. Mary Woronov und Gerrit Graham wiederum wirken mit ihren maskenhaften Gesichtszügen wie die betont glücklichen Eltern von einem Plakat der 50er, das für ein erfülltes Leben im Vorstadt-Häuschen die Werbetrommel rührt.
Da das junge Gemüse in der Besetzung allerdings aus der Generation MTV rekrutiert wird, kokettiert das Skript mit dem Generationenkonflikt einer dysfunktionalen Familie. Die Tochtergöre mit Punk-Outfit (Diane Franklin) bringt einen vertrottelten Metalhead mit W.A.S.P.-Shirt nach Hause (tumb wie ein verlorenes Mitglied von Bill & Teds „Wyld Stallyns“: Jon Gries), während ihre Eltern Swinger-Parties veranstalten und ihre Aufsichtspflicht zugunsten eigener Bedürfnisse verletzen. Zurück bleibt der Kleinste der Familie mit dem nicht immer ganz zurechnungsfähigen Opa, der ihm allerhand Flausen in Bezug auf Waffengewalt in den Kopf setzt.
Bewertet man „TerrorVision“ ausschließlich nach der Qualität seiner „situativen Komik“, gerät er zur verwirrenden, irritierenden, vielleicht sogar verstörenden Angelegenheit. Die gemütliche Comedy-Komfortzone des Zuschauers wird im Stil des bösen Wolfs einfach in alle Winde gepustet. Das Timing ist mies, die Gesichtsausdrücke steif, das Timing katastrophal. Die vom Drehbuch forcierten Situationen – Vorstellung des neuen Freunds, Probleme mit Opa, Erwischen der Eltern in einem peinlichen Moment – sind klassisches Sitcom-Material, oszillieren dabei aber ebenso viel Anti-Witz wie die Rodney-Dangerfield-Sequenz aus „Natural Born Killers“ oder Jackie Vernons nüchterner Amoklauf in „Microwave Massacre“. Und wer sich ernsthaft über Medusas Plastik-Kopfteil amüsieren kann, der hat vermutlich auch damals auf Kindergeburtstagen über Clowns gelacht. Auf funktionale Comedy ist „TerrorVision“ offenbar nicht aus. Die Witzlosigkeit der Familie Putterman hat gewissermaßen System.
Ted Nicolaou ist eher auf eine satirische Abrechnung mit dem amerikanischen Wohnzimmer aus. Erstmals, keineswegs jedoch letztmals in seiner Karriere befasst er sich ausdrücklich mit der Medientechnik, die hinter den Kulissen arbeitet, während die Inhalte konsumiert werden. In „Remote“ ließ er später einen Spezialisten für Fernsteuerungen von der Leine, in „Bad Channels“ eine Radiostation von Außerirdischen besetzen. Im Garten der Puttermans wiederum bastelt ein Fernsehtechniker an der Satellitenschüssel herum. Es geht also nicht darum, eine gute Show zu liefern, sondern um die Aufdeckung des Mediums, das die Show ausstrahlt.
So wird also die irdische Wechselwirkung zwischen Publikum und Showrunner mit einem außerirdischen Element aufgebrochen. Das hässliche Gummimonster, das sich durch verzerrte analoge Frequenzen plötzlich im Wohnzimmer der Familie manifestiert, ist natürlich in Sachen Design ein glasklares Produkt der 80er und bildet damit einen scharfen Kontrast zu seiner Artpop-Umgebung. Dass es (trotz seiner bisweilen statischen Gummi-Erscheinung) dazu in der Lage ist, Menschen zu verflüssigen, zu assimilieren und schließlich sogar nachzuahmen (da wächst dann einfach mal der Kopf eines Opfers aus dem Wulst und grüßt die Unversehrten schleimüberzogen mit einem freundlichen „Hallo“), lässt es in eine nahe Verwandtschaft zu „The Thing“ (1982) schlittern. Mit Blick auf die Sitcom-Thematik kann der muntere Formwandel natürlich als eine Art Imitation des „wahren“ Lebens interpretiert werden: So, wie die Kreatur menschliches Verhalten in sich aufzusaugen beginnt, heftet sich auch das Fernsehen an die Prämisse „It’s funny because it’s true“. Der wertneutrale Blick aus der Meta-Perspektive erlaubt eben einen objektiven Blick auf den Alltag der Menschen. Das ist eine Idee, die prompt im gleichen Jahr von Paul Fusco und Tom Patchett für eine echte und darüber hinaus sehr erfolgreiche Sitcom aufgegriffen wurde: „ALF“.
In diesem doppeldeutigen Spiel mit Medien und TV-Formaten hat „TerrorVision“ trotz des weitgehend missratenen Humors seine Momente. Zumal die Kreatur mit ihren Stielaugen, ihrem schleimigen Riesenmaul und ihrem deformierten (und schlauerweise nie in voller Pracht gezeigten) Körper ein erheiternder Anblick ist, macht es Spaß, die Kids dabei zu beobachten, wie sie es einem Haustier gleich zu domestizieren versuchen. Der trockene, antiklimaktische Schlussakt ernüchtert allerdings abschließend noch einmal und zeigt auf, dass sich Ted Nicolaous T(error)V(ision)-Zapping allenfalls für einen sehr überschaubaren Zuschauerkreis als Kult-Klassiker empfiehlt.