Nach dem unglaublichen Erfolg von Spielbergs "Der Soldat James Ryan" überflutete uns in den letzten Jahren eine Welle eher brotloser und patriotisch überladener US-Kriegsfilme. Da ist es erfreulich zu sehen, dass sich endlich ein anderes Land dieser Thematik annimmt, und so schickt Südkorea mit "Taegukgi" einen Antikriegsfilm ins Rennen, der seinen amerikanischen Vorbildern in Sachen Action, Gefühl und Authentik scheinbar um einiges Vorraus ist.
Die Geschichte handelt um die beiden unzertrennlichen Brüder Jin-tae (Jang Dong-Kun) und Jin-seok (Won Bin), die gegen ihre Gewalt von der südkoreanischen Armee eingezogen werden, um an der Front gegen den kommunistischen Norden zu kämpfen. Zurücklassen müssen sie ihre kranke Mutter und Jin-taes zukünftige Braut Young-Shin (Lee Eun-ju) mit ihren kleinen Geschwistern. Da Jin-tae mit allen Mitteln versucht, seinen jüngeren Bruder, für den er immer gesorgt hat, zurück nach Hause zu schicken, einigt er sich still mit seinem Vorgesetzten darauf, freiwillig an der Spitze selbstmörderischer Missionen zu kämpfen. Der Krieg und die rohe Gewalt machen ihn zum kalten Mörder, dessen Gefühle verstumpfen, was seinen Bruder nur weiter von ihm distanziert.
Ähnlich wie auch schon "James Ryan" bedient sich "Taegukgi" einer Rahmenhandlung, um den Zuschauer in die Familienverhältnisse und die Geschichte einzuführen. Zu Beginn des Films finden wir uns in der Gegenwart wieder und treffen einen der beiden Brüder als Großvater an. Als dieser erfährt, dass ein Ausgrabungsteam erneut Überreste von Soldaten aus dem Koreakrieg gefunden hat, hofft er auf Zeichen seines verschollenen Bruders. Danach springt der Streifen circa 60 Jahre zurück in die Vergangenheit und zeigt die glückliche Familie vor dem eigentlichen Krieg. Doch nur einige Minuten später finden sich die beiden Brüder auf dem Schlachtfeld wieder und erleben die grausamste Zeit ihres Lebens.
Bereits nach knapp 25 Minuten treffen wir auf die erste Konfrontation zwischen Süd und Nord, die ein äußerst blutiges Ende nimmt. Mit gekonnten Handkameraaufnahmen präsentiert der Regisseur schonungslos die solide Action und die extrem brutalen Grausamkeiten seiner Schlacht. Körper explodieren, wirbeln durch die Luft, werden von Kugeln durchlöchert, verbrennen, krümmen sich am Boden und schreien vor Schmerzen. Die Härte der Inszenierung und der Grad der Brutalität stehen Werken wie "Windtalkers" oder "Soldat James Ryan" in Nichts nach; vielmehr ist "Taegukgi" in einigen Sequenzen wesentlich extremer. Kang Je-kyu inszeniert hier seinen ganz privaten Omaha-Beach. Diese Szenen begleiten uns in gut dosierten Abständen durch den ganzen Film hindurch, egal ob auf dem Land oder in der Stadt, bei Tag oder Nacht, während des Sommers oder des Winters. Die Action ist immer extrem gut eingefangen und durch perfekte Spezialeffekte in Szene gesetzt worden, so dass Fans ihre Freunde daran haben werden. Der tolle Schnitt, die gelungene orchestrale Musikuntermalung und der ordentlich abgemixte Sound verstärken das Gefühl, mittendrin statt nur dabei zu sein.
Dennoch schafft die unglaublich rohe Gewalt des Films genau das, was sie bewirken wollte - nämlich abzuschrecken. Vereinzelte Szenen sind durch ihre enorme Realität und Dynamik so grausam, dass der Zuschauer förmlich zum Wegsehen gezwungen wird. Die Wirkung eines echten Antikriegsfilms wird dadurch spielend erreicht und die Gewalt, trotz der exzessiven Darstellung (mit allen Extras wie Innereien), nie verherrlicht. Der Zuschauer lernt schnell die Schattenseiten des südost-asiatischen Massakers kennen - spätestens wenn Menschen wie am Fließband zerfetzt werden und anfänglich lebensfrohe und vor Patrotismus strotzende Jünglinge plötzlich vor dem Abgrund stehen und seelisch zermürbt werden.
Dabei fokusiert sich der Streifen nicht explizit auf eine Partei, sondern untersucht beide Seiten des Krieges. Weder der Süden, noch der Norden wird als heldenhaft dargestellt. Gen Ende des Films stehen sich beide Parteien als sieglose Monster gegenüber, die Verbrechen an der Menschhheit begangen haben, welche nicht wieder rückgängig gemacht werden können. Brutalität in der eigenen Armee oder gegenüber der Zivilbevölkerung sind ebenso Subjekt des Films, wie das Schicksal einzelner Soldaten. In erschreckenden Bildern zeigt das Werk die Grausamkeit von abstoßenden Zivilmassakern oder kaltblütigen Erschießungskommandos ohne dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ganz im Gegenteil: Die Kamera hält bewußt drauf, um so dem Publikum absichtlich kein Detail zu ersparen.
Wie der Krieg aus liebenden Menschen seelenlose Monster macht, zeigt sich in der sensiblen Darstellung des Bruderverhältnisses. Jin-Tae wird langsam aber sicher im Verlauf des Streifens zu einem blinden Werkzeug seiner Armee, der ohne Gnade und gesunden Menschenverstand alles kaltblütig niederstreckt, was nur ansatzweise wie ein Kommunist aussieht oder denkt. Darunter muss auch die eigentliche Beziehung der Brüder leiden, die zwar streckenweise äußerst ausführlich behandelt wird, aber den Fluss des Films nie stört. Vielmehr wird dadurch ein humaner Touch verleiht, der Werken wie "Soldat James Ryan" oder "We Were Soldiers" komplett fehlt. Natürlich ist es Geschmackssache, wenn das Verhältnis der Brüder im späteren Verlauf des Films einen typisch südkoreanisch-melodramatischen Hauch bekommt, aber der Regisseur ist bei der Dosierung der Elemente äußerst behutsam vorgegangen und erzeugte somit das genau passende Verhältnis. Verschweigen sollte man dennoch nicht, dass ein paar dieser Szenen vereinzelt vielleicht doch ein bißchen kitschig oder klischeehaft rüberkommen. Ein Bröckchen westliche Blockbusterphilosophie ist bei Kangs Werk einfach nicht zu übersehen, hält sich aber dennoch glückerweise im Rahmen und schadet dem Streifen nur äußerst gering.
Einzig wahrer Kritikpunkt ist die Verwendung von CGI bei der Darstellung amerikanischer Flugzeuge. Bei dem verhältnismäßig geringen Budget verzichtete man auf den Einsatz echter Flieger und setzte diese lieber digital in der Post-Production ein. Zugegebenermaßen ist das technisch sehr gut gelungen, aber das gekonnte Auge erkennt den Schwindel leider trotzdem. Doch auch dieser Negativaspekt ist durch den Gesamteindruck des Streifens vernachläßigbar.
Neben der makellosen Regie, der hervorragenden Technik und den überragenden Spezialeffekten, die allesamt auf oberem Hollywoodniveau sind, darf man auch nicht die Großtat der Darsteller vergessen, die durch die Bank perfekt gecastet sind und ihre Rollen mehr als ordentlich spielen. Vorallem Jang Dong-Kun, der unter anderem in "Love Wind Love Song" eher seine sensible Seite zeigen konnte, spielt die Rolle des langsam verrohenden Jin-Tae überragend. Aber auch Won Bin, der den humaneren der beiden Brüder darstellt, und die aus "Virgin Stripped Bare By Her Bachelors" bekannte Lee Eun-ju hätten kaum einen besseren Eindruck beim Publikum hinterlassen können. Da selbst die kleinsten Nebenrollen ideal besetzt wurden, gibt es absolut keinen Grund zur negativen Kritik.
Regisseur Kang Je-kyu inszeniert mit grobgeschätzt 13 Millionen US-Dollar einen Film, für den Spielberg gut das Fünffache verschleudert hat. Dabei ist "Taegukgi" trotz diverser Parallelen intensiver, ehrlicher, schonungsloser, realistischer, gefühlvoller und vorallem weniger patriotisch als das große Vorbild aus den USA. Einerseits ist der Streifen ein knallharter Kriegsfilm, der in Sachen Effekte und Ekel bisher alles Bekannte aus dem Sektor übertrifft, andererseits aber auch ein großartig proportioniertes Melodram, bei dem sich Gefühle wie Liebe, Hass und Trauer perfekt entfalten können und so für nötige Tiefe sorgen. In Kangs Werk gibt es keine Helden, ekligen Patriotismus oder verzerrende Fakten, sondern nur die bittere und schonungslose Wahrheit. "Taegukgi" ist trotz vereinzelter Klischees und seiner beinahe dreistündigen Laufzeit ein Pflichtstreifen aus Südkorea, der nie langweilig oder uninteressant wird und es gekonnt versteht, gleichzeitig Action- und Dramenfans anzusprechen und zu beeindrucken.