Vor einiger Zeit habe ich mir den Film „this Girl´s Life“ angesehen und war von seiner nüchtern-realistischen Inszenierungsweise recht beeindruckt, weshalb ich mich mal etwas genauer mit Regisseur/Drehbuchautor Ash beschäftigte und mir im Zuge dessen auch den Trailer seines Vorgängerwerks „Pups“ ansah, welcher vom Bildmaterial her nicht besonders aufregend erscheint, aber mit einer ganzen Reihe gewichtiger Zitate von amerikanischen Kritikern wirbt. Klar – aus dem Kontext gerissen können derartige Lobessätze durchaus ein manipuliertes Bild zeichnen, und trotzdem erweckte vor allem eine Aussage von Kritikerpapst Roger Ebert meine Aufmerksamkeit: „Two of the most natural performances I have seen from actors of any age.“ Aha, dachte ich mir, mal sehen, ob da etwas dran ist…und tatsächlich kann ich Herrn Ebert nun, also nach dem Sichten, durchaus zustimmen (zumindest auf Kinderdarsteller-Leistungen bezogen), denn Cameron van Hoy und Misha Barton spielen ihre Rollen derart überzeugend, dass ihnen auf jeden Fall eine anerkennende Beachtung gebührt. Wichtig ist allerdings, den Film unbedingt in der Originalversion anzuschauen, denn die deutsche Synchro ist auf Dauer kaum zu ertragen…
17 Tage noch bis zum Jahr 2000 – ein Morgen wie unzählige andere für den 13-jährigen Stevie (Cameron van Hoy): Seine Mutter ist schon lange zur Arbeit los, einen Vater gibt es nicht, die Langeweile überwiegt und das Fernsehen stellt auch keinen wirklichen Reiz mehr dar. Beim Durchstöbern der Schränke entdeckt er dann jedoch die Waffe seiner Mutter – eine imposante 44er Magnum, welche ihn augenblicklich dazu verleitet, mit ihr im TV gesehene Verhaltensweisen nachzuahmen. Als seine gleichaltrige Freundin Raquel (Misha Barton) eintrifft, die von allen nur „Rocky“ genannt wird, spaßen sie etwas mit dem Revolver herum, bis sich ein Schuss löst, worauf sie es lieber sein lassen und sich stattdessen auf den Schulweg begeben – dabei entscheidet sich Stevie spontan dazu, eine Bank zu überfallen, worauf sie das Gebäude betreten und den verdutzten Anwesenden schnell klar machen, dass es sich keineswegs um einen Kinderscherz handelt. Beide gehen mit der Lage erstaunlich locker um, selbst als die Polizei eintrifft und die Umgebung abriegelt – schließlich haben sie Geiseln in ihrer Gewalt und kennen die Situation aus diversen Filmen bzw Serien. Als Verhandlungsführer wird der FBI-Agent Daniel Bender (Burt Reynolds) hinzugezogen, der sich mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert sieht: Natürlich reißen sich die Medien um die Story und verfolgen jeden Schritt, doch gleichzeitig wollen die Behörden so schnell wie möglich eine Lösung des Falles herbeiführen, wobei ein Stürmen der Bank zwar im Bereich des Möglichen liegt, aber aufgrund der beteiligten Minderjährigen zweifellos zu einem PR-Albtraum avancieren würde. Die Geiseln werden von den Kids anständig behandelt, welche das ganze eher wie ein Spiel, dennoch mit dem nötigen Ernst, betrachten, doch die Lage spitzt sich weiter zu, als Stevie bei der überraschenden Konfrontation mit einem Wachmann, welcher sich bis dato auf der Toilette versteckt gehalten hatte, jenen im Effekt anschießt. Da das ungewollt geschah, wird der Verletzte augenblicklich freigelassen, und trotzdem wächst der Druck auf beiden Seiten mit jeder Minute. In einer Mischung aus Interesse sowie dem bewussten Erkennen ihrer medialen Wirkung, lautet eine ihrer Forderungen schließlich, direkt vorort von „MTV“ interviewt zu werden…
Ich muss gestehen, eine falsche Vorstellung von „Pups“ besessen zu haben, was bereits bei den Hauptfiguren begann: Stevie und Rocky sind keine „White Trash“-Kids aus heruntergekommenen Verhältnissen, sondern entstammen typischen Familien der Mittelschicht, welche Häuser in ruhigen und behüteten Vorstadt-Gegenden besitzen. In einem „Larry Clark“-Werk hätten beide wohl ständig aus Langeweile Drogen genommen und miteinander geschlafen – zum Glück ist Ash ein besserer Erzähler: Keine Drogen, kein Sex (es beschäftigt Rocky gar sehr, als Stevie bei einem Interview, in typisch pubertärer Angeberei, behauptet, sie hätten es schonmal getan), nicht einmal vulgäre Sprache untereinander, sondern höchstens verstärkter TV- und Videokonsum. Sie werden zudem als intelligent und träumerisch dargestellt – als Rocky bei einem Straßenhändler einen Welpen kaufen möchte, macht sich Stevie Sorgen darum, dass das Tier eventuell aus Mangel an Muttermilch verzogen sein könnte. Sie träumen von einer gemeinsamen Zukunft, erörtern ihre Ängste und Sorgen. In der ersten Szene des Films versucht sich Stevie zu erhängen und die Aktion gleichzeitig per Camcorder zu filmen, ruft dabei aber laut „Who wants to stop me?!“ durchs Haus und hört nach dem Ausbleiben einer Antwort damit auf – es wird nie ganz klar, ob es sich um ein echtes oder gespieltes Vorhaben handelt, ein Schrei nach Aufmerksamkeit oder nur Spaß. Auf jeden Fall ist ihm langweilig, und die gefundene Waffe mitsamt aller verbunden Möglichkeiten stellt ein Gegenmittel dar. Der Überfall ist nur ein Ausbruch aus dem Alltag, eine spontane Idee, welche keinen Schaden anrichten soll. Das Geld ist nebensächlich – die Abwechslung wird ausgekostet, und als es am Ende zu ernst wird, glauben sie tatsächlich daran, einfach davon spazieren zu können, wenn sie die Waffe(n) niederlegen. Dieses typisch kindliche Denken, fern von Vorstellungen eines glorreichen Todes im Kugelhagel (etc), gepaart mit vorhandener Reflexionsfähigkeit, unterscheidet den Film von der artverwandten Masse.
Es ist der Natürlichkeit der Darsteller zu verdanken, dass die Hauptcharaktere derart glaubwürdig erscheinen, was wiederum extrem wichtig für ein Werk ist, das sich primär auf genau diese Darbietungen stützt. Cameron van Hoy (“One small Hero“) und Misha Barton (TV´s“the OC“/“the 6th Sense“/“Octane“) überzeugen dabei vollkommen, wie es schon Roger Ebert feststellte. Die Dialoge zwischen ihnen, welche in langen Einstellungen präsentiert werden, wirken authentisch und ehrlich. Die Bandbreite der Emotionen ist weit gefasst und wird meistens punktgenau getroffen. Darüber hinaus spielt Burt Reynolds (“Driven“/“Deliverance“) den „Negotiator“ auf eine routinierte, bei ihm gern gesehene „raue Schale, weicher Kern“ Art und Weise absolut zufriedenstellend, doch letztendlich handelt es sich um eine reine 2-Personen-Show der beiden Jungschauspieler.
Der Film zeigt ernste Probleme der heutigen US-Gesellschaft auf: Kinder vertreiben sich die Stunden vor dem TV oder PC, u.a. weil ihnen eine Großstadt kaum Freizeit-Alternativen bietet, die Eltern haben keine Zeit, da sie arbeiten müssen, es gibt viele Waffen in den Privathaushalten. „Was it the kid, who found the gun – or did the gun actually find the kid?“ heißt es (sinngemäß) im Verlauf. Ist der Minderjährige für die Folgen verantwortlich, oder der Besitzer, welcher die Waffe nicht sicher genug verwahrt hat? Nach Columbine war die Debatte ja heftig aufgeflammt – „Pups“ wurde kurz vor jener Tragödie gedreht. Die Kids werden hier immer weiter in die Sache hineingedrängt – auch von einem verbitterten Kriegveteranen im Rollstuhl, welcher Stevie anstachelt, da er in dessen Tat ein flammendes Statement sieht. Rocky ist anfangs eher skeptisch, lässt sich später aber mitreißen und beschuldigt ihren Vater gar (zu Unrecht) öffentlich des sexuellen Missbrauchs. Eine wichtige Szene ist das Interview mit MTV´s Kurt Loder, bei dem nur belanglose, standardisierte Fragen (wie nach dem Sexualverhalten) gestellt werden – für mehr scheinen sich die Zuschauer eh nicht zu interessieren. Selbst Stevie verliert im Verlauf die Lust, die Medienberichterstattung im TV mitzuverfolgen, weshalb er sich über ein von den Nachrichten unterbrochenes Basketballspiel besonders aufregt.
Diverse Elemente von „Mad City“ oder „Dog Day Afternoon“ sind offenkundlich, doch leider überfrachtete Ash sein Drehbuch mit zu vielen Thematiken, welche er anscheinend unbedingt ansprechen wollte: „Y2K“-Angst, Werteverlust, Golfkriegssyndrom, Gesundheitsschäden durch Smog oder Zigaretten und so weiter. Punkte wie Anrufe von Benders Frau, der Joint einer Geisel oder Rocky´s Stress-bedingte erste Periode wirken zu aufgedrängt. Eine Reduktion auf wenige, wesentliche Kernpunkte wäre die bessere Herangehensweise gewesen. Trotzdem: Für einen jungen Filmemacher gar nicht mal schlecht, und die hier offenbarte Unsicherheit des Regisseurs in machen Szenen hat sich in seinen Nachfolgewerken ebenfalls gelegt. „There´s no fucking message: The world is just a fucked up place!“ Man sollte also nicht mit zu hohen Erwartungen ans Sichten herangehen – doch überhaupt nicht über die Inhalte nachzudenken, wäre genauso falsch.
Fazit: Mit „Pups“ präsentiert Ash eine satirisch überzogene Darstellung realer Zu- und Missstände – eine fast schon grotesk anmutende Widerspiegelung der heutigen (amerikanischen) Gesellschaft, welche aber letztendlich mit zu vielen integrierten Themenstatements überfrachtet wurde, so dass es in meinen Augen am Ende nur für „5 von 10“ reicht, allerdings mit einer klaren Tendenz hin zur „6“.