Nach zwei „A better Tomorrow“ Teilen, der Auftragsmörderoper „The Killer“ und dem Actionfeuerwerk „Hard Boiled“, die alle in kürzester Zeit Weltruhm erlangten, eine neue Ästhetik des Blutvergießens salonfähig machten und ganz nebenbei das Actiongenre revolutionierten, war es nur mehr eine Frage der Zeit bis es den chinesischen Regisseur John Woo nach Tinseltown verschlagen würde.
Die vom asiatischen Regieurgestein erfundenen so genannten Heroic Bloodshed Filme, in denen blutige, zumeist in Zeitlupe inszenierte, eindeutig von Sam Peckinpah inspirierte und mit heldenhafter Musik untermalte Actionsequenzen und Shootouts den Ton angeben, dienten in den späten 80er und frühen 90er Jahren nämlich nahezu jedem Hollywoodactionfilm als Vorlage und zählen noch heute zu den wegweisendsten und am öftesten kopierten Werke der nahen Vergangenheit.
Somit feierte John Woo 1993 mit dem Einzelgängervehikel „Harte Ziele“, das mit seinen durchgestylten Kampfszenen, der guten Inszenierung und zahllosen Referenzen an Woos asiatische Werke bis heute zu den besten Filmen des fröhlichen Belgiers Van Damme zählt, seinen Einstand in der Traumfabrik. Mit „Broken Arrow“, einem unterschätzten Actionknaller mit John Travolta und Christian Slater in den Hauptrollen, schuf er, lediglich drei Jahre später, einen weiteren Actionklassiker.
Daraufhin aber schien die Kreativität von Woo zu schwinden und er ließ sich immer mehr vom amerikanischen Mainstreamkino vereinnahmen. Es folgten überstilisierte und uninteressante Machowerke wie M.I:2 und immer größerer „Kreativitätspausen“.
Im Jahr 2003 brachte er schließlich „Paycheck“ auf die amerikanischen Leinwände, stieß mit dem Sci/Fi-lastigen Plot aber vielen langjährigen Fans vor den Kopf und musste sich den Vorwurf, nur einen müden Abklatsch von „Minority Report“ fabriziert zu haben, gefallen lassen.
“Paycheck“ trägt zwar in seinen Grundzügen sehr wohl John Woos Handschrift, hat aber im Großen und Ganzen nichts mehr mit dessen heroischen Hongkongopern oder zumindest dessen brutalen Hollywoodactionfilmen gemein (die er Anfang der 90er erschaffen hat) und bewegt sich auch thematisch abseits von allen Filmen die Woo je inszeniert hat.
Zwar ist es wie immer ein einsamer Held, der sich begleitet von Zeitlupeneinstellungen, Verfolgungsjagden und nicht zu vergessen obligatorischen weißen Tauben (Diesmal tauchen sie in einer hermetisch abgeriegelten wissenschaftlichen Einrichtung auf !!) durch eine korrupte Welt kämpfen muss, doch die futuristische Grundstory ist weit entfernt von Woos geradlinigen Actionfilmen und asiatischen Gewaltorgien mit Yakuzaflair.
Michael Jennings (gut wie immer: Ben Affleck) ist ein Computergenie, dass sich auf den Diebstahl neuer technologischer Errungenschaften spezialisiert hat. Er lässt sich für einige Wochen mit einem Prototyp der Konkurrenzfirma einsperren, analysiert und verbessert das betroffene Gerät und präsentiert es seinen Auftraggebern auf dem Silbertablett.
Damit sich die verschiedenen Firmen seiner Verschwiegenheit sicher sein können, werden ihm nach jedem erfolgreichen Auftrag, in einem gefährlichen Verfahren, die Erinnerungen, an eben diesen, gelöscht und Jennings kassiert für dieses Risiko Spitzenprämien. Seine neueste Aufgabe hat es jedoch in sich, denn sie wird ihn voraussichtlich 3 Jahre seines Lebens kosten und ihm einen mehrstelligen Millionenbetrag einbringen.
Doch anstelle der erwarteten 92 Millionen Dollar erhält Jennings nach erfolgreicher Arbeit und anschließender Gedankenlöschung lediglich einen Umschlag mit 20 Gegenständen, den er sich anscheinend selbst, vor der Erinnerungslöschung, zugeschickt hat. Zu diesem Rätsel gesellen sich noch schwerwiegende Probleme mit dem FBI und Angestellten seines Vorgesetzten Rothrick (Aaron Eckhardt). Einziger Lichtblick scheint die Wissenschaftlerin Rachel (farblos: Uma Thurman) zu sein, mit der ihn offensichtlich mehr verbindet als ihm zunächst bewusst ist…
Zwar wirkt der Film zugegebener Weise an manchen Stellen als hätte ihn ein Jungregisseur, der seine ganze Erfahrung aus der Sichtung von dutzenden amerikanischen Actionfilmen bezogen hat, umgesetzt, aber die tollen Ideen rund um die zwanzig harmlosen, aber höchst nützlichen, Objekte und die gut inszenierten Actionszenen merzen dieses Manko ohne Probleme aus und überzeugen auf der ganzen Linie.
Puritaner könnten jetzt darauf herumreiten, dass Jennings alle Objekte sofort ohne viel zu grübeln und immer im richtigen Moment einzusetzen weiß. Dem gegenüber steht aber die Tatsache, dass auch Actionhelden wie John McClain und John Rambo all ihre Ideen und Waffen immer genau im richtigen Moment parat haben und Romanheld Robert Langdon prinzipiell alle erdenklichen Rätsel in weniger als zwei Minuten lösen kann.
Es wird zwar vorwiegend geschossen, geprügelt, zerstört und sowohl mit dem Motorrad als auch zu Fuß geflohen aber man merkt dem Film trotzdem an, dass Woo sich nicht auf vordergründige Action verlassen, sondern eine interessante Geschichte bieten wollte. Das gelingt ihm zwar nicht vollständig macht den Film aber interessanter und „runder“ als viele seiner anderen Werke.
Das soll jetzt natürlich nicht bedeuten, dass der Film ein Storyhighlight bzw. eine Innovationshochburg ist (davon ist er dann doch ein Stückchen entfernt) und auch nicht, dass im Streifen nur auf eine intelligente Geschichte wert gelegt wird und Nichts passiert, denn in den zahlreichen adrenalinhaltigeren Szenen kann Woo sein Gefühl für Geschwindigkeit und Actioninszenierung beweisen und somit dafür sorgen, dass sich „Paycheck“ von ähnlich gearteten Produktionen abhebt, sondern nur verdeutlichen das mich die Story überraschend gut unterhalten hat.
Leider wird auch an Actionklischees nicht gespart. Ein Beispiel hierfür wäre eine Trainingseinheit mit einem Kampfstock zu Beginn des Films, die den „gebildeten“ Zuschauer schon ahnen lässt, dass diese „Kampfkünste“ gegen Ende des Films noch wichtig werden könnten (Solche Sequenzen, in denen dem Zuschauer nicht zugetraut wird auch weniger offensichtliche Hinweise zu verstehen, sind natürlich ärgerlich und zeugen von wenig Feingefühl).
Des Weiteren legen die offensichtlichen Ähnlichkeiten zu anderen Produktionen der nahen Vergangenheit einen gewissen Ideenmangel an den Tag.
Ein weiteres Problem des Streifens ist, dass Woo den Plot oft ungeschickt und schleppend inszeniert und damit der Story unnötig das Tempo geraubt hat. Vielleicht war er aber auch mit der Story etwas überfordert und hätte lieber blutige Häuserschlachten und Yakuzaexekutionen fabriziert.
Zu den Darstellern gibt es nicht viel zu sagen.
Ben Affleck darf sich als Actionheld in bester 90er Tradition präsentieren und von einem Problem ins nächste stolpern, wobei er durch seine 20, mit praktischem (Zukunfts-)Wissen ausgestatteten, Objekte, durchaus einen gewissen Vorteil gegenüber normalen Überlebenskünstlern hat. An seiner schauspielerische Leistung gibt es meiner Meinung nach Nichts zu bemängeln, auch wenn ich ihm seine Zuneigung zu Uma Thurmans Charakter in keinem Moment abgenommen habe und die Chemie der Beiden nicht einmal unter einem Mikroskop zu erkennen wäre. Sogar die Lust/Hass Beziehung zwischen Charlize Theron und Ben Affleck in Reindeer Games war prickelnder, als dieses pseudoverliebte Herumgeturtel.
Die Kill Bill Aktrice Uma Thurman war meiner Meinung nach auch das größte Problem des Films, da sie ihre Rolle emotionslos wie ein dampfender Haufen Kuhdreck herunterspult und den Eindruck erweckt sich nicht im Mindesten um Erfolg oder Misserfolg des Streifens zu kümmern.
Aaron Eckhardt und der Rest des Cast bleiben überwiegend im Hintergrund, fallen dadurch aber auch weder negativ noch positiv auf.
Fazit:
Was bleibt ist ein überdurchschnittlicher Actionfilm, mit einer tollen Grundidee, schön inszenierten Actionszenen und einem spielfreudigen Ben Affleck auf der Habenseite, der aber auch einigen langweiligen Passagen, Inszenierungsmängel, geklaute Szenen und eine unterdurchschnittlichen Uma Thurman zu bieten hat.