Review

Das Siebente Siegel, 1957
Ich dachte mir:“Füge den Reviews auf OFDB mal noch ein paar Gedanken hinzu, mal in andere Richtungen“. Zum Beispiel etwas wie: „Ich muß immer weinen.“ Oder, etwas ausführlicher: „Früher wollte ich auch mal Filme machen. Aber ein Film wie das 'Siebente Siegel' ist geeignet, mich davon abzuhalten. Gegenüber so einem Meisterwerk kann mein eigenes Schaffen nur stumpf, halbgar und dilettantisch wirken“.
Angesichts solcher Eingebungen empfehle ich also durchaus, liebe Leserinnen und Leser, erst die anderen Reviews zu lesen, wie ich es zur Inspiration tat, bevor ich mich zu eigenen Bemerkungen hinreißen ließ.
Doch ich wollte unbedingt was sagen! Schließlich handelt es sich beim „Siebenten Siegel“ um einen meiner absoluten Lieblingsfilme, der in seiner Bedeutung für mich kaum mit Lappalien wie anderen FILMEN zu messen ist, eher mit herausragenden Ereignissen wie „Erste Liebe“ oder „Auszug von Daheim“ oder „Produktion des eigenen Films 'Nazi Bikers Go To Hell'“ usw.
Die Leser merken also schon: für mich liegt der Wert dieses Films nicht allein in der filmischen Gestaltung, auch nicht im Gehalt der ausgesprochenen Ideen. Obwohl beide aus der Menge filmischen Schaffens weit herausragen und die Hand eines Meisters zeigen.
Dazu kommt noch eine Ebene, die ich hier, weil aufs Verbale beschränkt, kaum zu fassen vermag. Ich denke, daß nicht ich allein von ihr angesprochen werde, sonst würde der Film nicht seit über 50 Jahren auf jeder Bestenliste und in jedem Filmkanon auftauchen; nicht in jeder Stadtbibliothek oder bei jedem sozialen, kirchlichen usw. Filmverleih. Von den internationalen Preisen ganz zu schweigen.
Es handelt sich dabei um Bergmans Vermögen, eine tiefere Ebene des Menschen anzusprechen, eine Ebene des modernen Menschen (im 20. Jahrhundert), der versucht, sich über frühkindliche Bewußtlosigkeit zu erheben, sich zu bilden, sich im Leben zurechtzufinden, vielleicht sogar dem unverdienten Geschenk des Lebens etwas zurückzugeben (z.B. in der Rolle eines Ritters, wie Block im „7. Siegel“, der das Heilige Land befreien wollte). Bevor er wieder sterben muß.
Dabei stößt der Mensch aber auf Unverständliches, Schreckliches, Enttäuschungen (im „7. Siegel“ die 10 Jahre erfolglosen Kreuzzugs, Pest, Inquisition, Tod), ebenso wie auf Momente des Glücks, der Hoffnung, der Liebe, der Uneigennützigkeit, des Einklangs mit der Schöpfung – mit der „Natur“ könnte man auch sagen, oder des „Göttlichen“ (die Schaustellerfamilie, der Milch mit Erdbeeren, Jofs Vision der Heiligen Maria, Jöns' Hilfe).
All dieses „Leben“ bleibt dem Modernen Menschen aber weitgehend unverständlich, unerklärlich, egal wie sehr er sich einen „Sinn“ zurechthämmert (was oft nur unter Ausblendung zahlreicher Widersprüche gelingt) (und diesen Sinn bezeichnen andere gern als „Illusion“).

Schließlich haben wir alle oft genug gehört: „Die einzige Gewißheit ist der Tod.“ Das sagt uns auch das „7.Siegel“. Und doch sagt das „7. Siegel“ im nächsten Moment: Trotz alledem versuchen wir jetzt einmal mehr, ins Leben, bzw. ins Licht zu gehen.
Irgendwie mutmaße ich, daß Bergman diesen solcherart verwirrten „Modernen Menschen“ tief anzusprechen vermag (Ritter Block ist übrigens auch so ein verwirrter, "moderner" Mann (****)). Bergman tippt dessen/unsere kaum ausgesprochenen, halb unbewußten Fragen und Hoffnungen an, direkt einerseits über die verbalisierten Fragen und Gespräche, andererseits über filmische Mittel wie Licht, Musikeinsatz und Montage (bis hin zu Dingen wie plötzlicher Totenkopfmaske ist oder Verbindung von Tod und Lächerlichkeit: sogar der sterbende Schausteller im Wald wird komisch) und drittens indirekt.
Diese indirekte Ansprache wiederum läßt sich nicht endgültig fassen, weder wenn ich sie beschreibe, noch als Bergman sie inszenierte (sage ich jetzt mal so). Sie erfolgt über die Schauspieler, deren Kunst immer in Teilen unerklärlich bleibt, über ein Lachen oder den Blick, wenn sie den Tod ansehen; da scheint die Sonne auf die Gesichtern, da ist das Licht am morgendlichen Strand, der Wind auf der Klippe, das abendliche Picknick auf einer Wiese; da sind die Assoziationen, die ein Totenschädel in uns auslöst, oder ein verwaistes Dorf, oder ein sterbendes Mädchen, das gerade verbrannt wird, oder der Begriff „Kreuzzug“; da ist die Musik, deren Wirkung sich nicht endgültig berechnen läßt, da ist vor allem: Das Zusammenspiel all dieser Elemente.
Wenn jemand die Elemente so zusammenfügt wie im „7. Siegel“, so kann das nur ein Meister sein. Denn dazu gehört auch noch eine gewisse Einstellung, eine Haltung zu Stoff und Personen. Die auch Bergman selbst nicht immer besaß, wie er bereitwillig zugibt.
Dazu kommt noch: Bergman handhabt seine filmischen Mittel in diesem (auffallend) einfach und preiswert produzierten (*) Film mit einer Leichtigkeit und Unangestrengtheit, ohne Effekthascherei, die ihn im Vergleich zu jedem Filmhochschulfilm, Werbe- oder Videoclip, zu jeder Daily Soap primitiv aussehen läßt. Da wackelt die Kamera bei einer Ranfahrt, da spielen zufällig Anwesende bei der finalen Todesszene die Hauptfiguren (**), da erkennt man einen „Lichtreflex […] von einem Fenster in einem der nahegelegenen Hochhäuser“ (I.B.), da gibt es keine Gags zur Ablenkung, keine endgültigen Antworten, keine Predigten, keine Klischees, keine künstliche Dramatik, kein Geheul (***).
Damit vermeidet Bergman aber auch erfolgreich die berüchtigten Gefahren „anspruchsvoller Filme“: Pathos, Melodramatik, Overacting, plakative Botschaften. Zugleich vermeidet er eine weitere Gefahr künstlerischen Schaffens: Den Macher, der sich zu wichtig nimmt, der demonstriert: „Seht her, so großartig bin ich!“
Gelegentlich könnte man, mit Verlaub, Bergman nachsagen, das Letztere sei ihm nicht immer so weitgehend gelungen wie im „7. Siegel“. Das gibt er auch selbst zu.
Und schließlich hilft Bergman selbst auf der Suche nach dieser dritten, der indirekten Ebene. „Das 7. Siegel ist einer der wenigen Filme, die meinem Herzen wirklich nahestehen. Ich weiß eigentlich nicht warum. Es ist wahrscheinlich kein makelloses Werk. […] Aber ich halte es für unneurotisch, vital und willensstark [… es] behandelt sein Thema mit Lust und Leidenschaft. […] Und dann die Heiligkeit des Menschen. Jof und Mia stehen für etwas, das mir sehr wichtig ist: Schält man die Theologie ab, bleibt das Heilige.“

Zitate aus: Ingmar Bergman „Bilder“, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1991.
(*) Ingmar Bergman selbst: „Ich mußte versprechen, den Film schnell zu machen […] Es mußte eine billige Produktion werden […] man erkennt die Eile.“
(**) „Wir hatten für diesen Tag eingepackt, ein Unwetter zog auf. Plötzlich sah ich eine eigenartige Wolke. Gunnar Fischer riß die Kamera heraus. Einige der Schauspieler waren schon in ihre Unterkunft gegangen. Hilfsarbeiter und Touristen tanzten an ihrer Stelle, ohne daß sie eine Ahnung hatten, worum es ging. Das später so berühmte Bild wurde binnen weniger Minuten improvisiert.“ (Ingmar Bergman)
(***) Außer meinem Weinen vor dem Bildschirm, natürlich. Sagte ich schon, daß mich immer wieder Tränen überkommen, angesichts der Schaustellertruppe? Vor allem daraus folgerte ich, auf einer tieferen Ebene angesprochen zu werden. Ich garantiere aber, zwischen meinen feuchten Augen und unscharfer Kamera unterscheiden zu können!
(****) Ich wohl auch, scheint mir.

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