„Idioten! 28 Männer gegen einen einzelnen! Ihr Scheißkerle!“
Italo-Regisseur Sergio Martino („Der Killer von Wien“, „Fireflash – Der Tag nach dem Ende“) drehte 1977 mit „Mannaja – Das Beil des Todes“ einen Spätwestern, in dem Maurizio Merli („Die Viper“) seine erste und einzige Hauptrolle in diesem Genre bestreiten sollte. Jim, genannt Mannaja – indianisch für „Wurfbeil“ – ist ein erbarmungsloser Kopfgeldjäger, behänder Beilwerfer, scharfer Schütze und harter Hund, der mit Silberminenbesitzer McGowan (Philippe Leroy, „Das wilde Auge“) noch eine alte Rechnung zu begleichen hat. Doch um an ihn heranzukommen, muss er erst einmal an dessen Männern um George Valler (John Steiner, „Tenebrae“) vorbei, was sich als alles andere als einfaches Unterfangen herausstellt. McGowan beherrscht die Stadt Suttonville und verbreitet Angst und Schrecken, doch das Blatt scheint sich zu wenden, als sich Valler gegen ihn richtet und seine Tochter Debra (Sonja Jeannine, „Wenn die prallen Möpse hüpfen“) entführt. Mannaja eröffnet sich die Chance, bei McGowan anzuheuern...
Mit Maurizio Merli habe ich so meine Probleme, verkörpert er doch in meinen Augen den typischen Schnauzbartproll mit unsympathischer Ausstrahlung, wozu auch seine Inszenierung als schießwütigem, über Leichen gehendem, erzreaktionärem „Law & Order“-Bullen in zahlreichen Selbstjustiz-Poliziotti, durch die er bekannt wurde, passt. So trägt auch der Beginn des Films, als er in seiner Rolle als widerlich blondem Kopfgeldjäger einem erbarmungswürdigen, kleinen Banditen mit seinem namenspendenden Beil eine Hand abhackt, nicht dazu bei, ihn zur Sympathiefigur aufzubauen, wenngleich diese Szene vermutlich Reminiszenzen an seine berüchtigten Rollen wecken soll. Zudem empfinde ich die extrem raue und tiefe Stimme des blondgelockten Zahnpastamodels als etwas unpassend.
Was die Stimmung und Betonung betrifft, ist „Mannaja“ ein überaus düsterer, dreckiger Genrebeitrag, der das bekannte Motiv eines Einzelgängers in einer Welt, in der man niemandem trauen darf, auf die Spitze treibt und zudem sowohl mit inhaltlicher, als auch visueller Harte zentimeterdick unterstreicht. Nicht nur Gliedmaßen werden abgehackt, auch geschossen wird selbstverständlich viel und blutig, denn Mannaja zieht auch schnell seinen Colt. Der Soundtrack der De-Angelis-Brüder besteht hauptsächlich aus einem gesungenen Titelthema, wobei die Stimme des Sängers leider sehr gezwungen auf tief getrimmt wurde und dadurch reichlich übertrieben wirkt. Die Kameraarbeit ist dafür ganz hervorragend und liefert dynamische, tiefe und weite Bilder, interessante Perspektiven und photographiert das Ambiente überaus atmosphärisch und stimmig.
Ja, Sergio Martino konnte zu Höchstleistungen auflaufen, ein entsprechendes Team und Budget vorausgesetzt. Das bewies er mit einer ganzen Reihe Filme verschiedener Genres, so auch hier. Und spätestens, wenn Mannaja schwer an seiner Coolness einbüßt, verlässt Merli sein etwas hölzernes Schauspiel und leidet so richtig schön, als er bis zum Hals eingegraben und der erbarmungslosen Glut der gleißenden Sonne ausgeliefert wird, der Möglichkeit beraubt, die Augen zum Schutze vor den Strahlen zu schließen. Der Charakter seiner Rolle scheint sich hierbei ein wenig zu wandeln, was den eingangs beschriebenen Eindruck revidiert. Möglicherweise war es daher bewusstes Kalkül, die Identifikation mit ihm zunächst zu erschweren. Diese fällt ohnehin leichter ab dem Zeitpunkt, ab dem er nicht mehr kleinen Ganoven hinterherjagt, sondern sich den Großen, Mächtigen, Reichen zuwendet. In diesem Zusammenhang wird einmal mehr die Versklavung der Mehrzahl einfacher Menschen unter der Knute weniger Ausbeuter thematisiert, die über dem Gesetz zu stehen scheinen und derer sich nur gewaltsam entledigt werden kann. Es wird viel gestorben in einer Welt, in der sich niemand für sein Gegenüber interessiert, wenn nichts mehr aus ihm herauszuquetschen ist. Selbst der abgeklärte Mannaja muss schmerzhaft erfahren, dass für romantische Gefühle kein Platz ist und das zarte Pflänzchen der Liebe niedergetrampelt und ausgerissen wird, bevor es aufblühen kann. Eine durch die Lande tingelnde Schaustellertruppe gerät zwischen die Fronten und wird zermalmt, Spaß ist streng verboten. Doch auch McGowan erfährt am eigenen Leib, dass selbst Familienbande einen feuchten Kehricht wert und Missgunst und Intrigen der Preis der Macht und des Besitzes sind, wenn vermeintlich nahe stehende Vertrauenspersonen wie die Geier um ihn kreisen.
Wenn Täter zu Opfern werden und Mannaja plötzlich auf die Hilfe des durch sein Wurfbeil eine Hand kürzeren Ganoven angewiesen ist, scheint das Drehbuch die Karten neu zu verteilen, nur um am Ende doch konsequent die eigene Prämisse zu bestätigen. Das alles ist starker Tobak und setzt auf so manchen Rachewestern noch einen drauf, was nihilistische Härte betrifft. Doch es lohnt sich ebenso, seine Aufmerksamkeit auf Details zu richten, die sich einem bei der Erstsichtung sicherlich nicht ohne Weiteres erschließen werden. So schärfte ein geschätzter Filmfreund meinen Blick für nur scheinbar redundante Szenen wie Mannajas Austesten seines selbstgebastelten Wurfbeils als wichtiges Charakteristikum unseres Protagonisten, welches zeigt, dass er, der sich durch die indianische Waffe und sein wildes Auftreten als grobschlächtiger Barbar präsentiert, einen Sinn fürs Feine hat, was als Symbol für die amerikanischen Ureinwohner fungiert, die zwar auf den ersten Blick wie eine unterentwickelte Spezies erscheinen mögen, bei genauerer Betrachtung aber faszinierende fortschrittliche Leistungen erbracht haben. Im Verstecken des Beils im Heuhaufen liegt die Quintessenz des ganzen Films verborgen. Es symbolisiert, wie in der gezeigten apokalyptisch anmutenden Welt überall Gefahren lauern und es unmöglich ist, sich zur Ruhe zu betten. Der Heuhaufen, das älteste Bett der Welt, steht hierbei als Synonym für einen sicheren und wohligen Schlafplatz sowie die Geburtsstätte des Erlösers aus der christlichen Mythologie. Die Tatsache, dass Mannaja sein Beil als Symbol für Krieg, Hass und Gewalt genau an diesem Ort aufbewahrt, zeigt, dass selbst die unscheinbarsten Orte dieser Welt durch die vorherrschende Gewalt entweiht werden.
„Mannaja“ wird häufig mit Enzo G. Castellaris ein Jahr zuvor erschienenem „Keoma“ verglichen. Mal abgesehen davon, dass ich Franco Nero für den besseren Hauptdarsteller halte, empfinde ich „Keoma“ als den künstlerischeren Film, während „Mannaja“ grobschlächtiger und zynischer erscheint. In jedem Falle ist aber auch „Mannaja“ ein hochinteressanter, sehenswerter Spätwestern auf technisch hohem Niveau, mit größtenteils guter Darstellerriege und einer wendungsreichen Geschichte, der dem Genre zur Ehre gereicht. Und wer weiß, vielleicht mache ich irgendwann ja doch noch meinen Frieden mit Signore Merli. Nach ein paar Abzügen in der B-Note komme ich auf 7,5 von 10 knochendurchtrennenden Wurfbeilen.