Ob die Genres Western und Horror auf Kriegsfuß zueinander stehen, ist mir nicht bekannt. Fakt ist jedoch, daß eine harmonische Verbindung der beiden Filmgattungen nur äußerst selten gelingt. Horrorwestern mag es einige geben, doch richtig gute Exemplare sind - leider - Mangelware. Ravenous kommt einem diesbezüglich in den Sinn. Oder Dead Birds, The Burrowers... tja, mehr wollen mir partout nicht einfallen (*).
Moment, einen hab' ich noch! Die Vorgeschichte zu John Fawcetts Ginger Snaps, der dem Werwolfgenre zu Beginn des neuen Millenniums frischen Wind einhauchte, spielt im wilden Westen, und dieses Prequel ist Extraklasse. Der in der Nähe von Edmonton back-to-back mit Brett Sullivans Ginger Snaps: Unleashed gedrehte Streifen erzählt die Geschichte der beiden Schwestern Ginger (Katharine Isabelle) und Brigitte (Emily Perkins), die es im unwirtlichen Winter des Jahres 1815 nach einem unglücklichen Zwischenfall ins spärlich bemannte Fort Bailey verschlägt und die dort alles andere als freundlich aufgenommen werden. Wie sich bald herausstellt ist die feindselige Aggressivität der Männer darauf zurückzuführen, daß in der näheren Umgebung Werwölfe ihr Unwesen treiben, die das alte Fort mehr oder minder belagern. Doch auch innerhalb der Festung gibt es bizarre Geheimnisse, wie den kleinen, deformierten Jungen, den man in einem kargen Raum eingesperrt hat und der die neugierige Ginger prompt beißt.
Daraufhin beginnt sich die junge Frau langsam zu verändern, und sie ist sich durchaus bewußt, was mit ihr passiert ("I'm turning into something dangerous"). Gingers Leben scheint keinen Pfifferling mehr wert zu sein... draußen schleichen blutrünstige Bestien durch die Nacht, und im Fort sucht man nur nach einem Vorwand, um die unwillkommenen Eindringlinge loszuwerden. Lediglich der Kommandant des Forts (Tom McCamus) und ihre Schwester Brigitte stehen Ginger bei, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis die angespannte Situation endgültig eskaliert. Ginger Snaps Back lebt vor allem von der intensiven Beziehung zwischen den beiden ungleichen Schwestern, die in einer brutalen, männerdominierten Welt ihre Frau stehen müssen. So stark das Band zwischen Ginger und Brigitte auch ist ("Together forever", schwören sie an einer Stelle), es droht zu zerreißen. Nicht nur aufgrund von Gingers unaufhaltsamer Wandlung, sondern auch wegen der Einflüsse von außen. Brigitte wird ständig bedrängt, ihre Schwester zu töten, das sei der einzige Weg, um Schlimmeres zu verhindern. Und tatsächlich stellt sich bei Ginger die Frage, wie lange sie den immer stärker werdenden Drang zu töten kontrollieren kann und zur reißenden Bestie wird.
Katharine Isabelle und Emily Perkins erwecken die beiden Protagonistinnen einmal mehr zu sympathischem Leben, wodurch man als Zuseher unweigerlich mit ihnen mitfiebert, mitleidet, mitzittert, mithofft. Die sich konsequent aufbauende Dramatik entlädt sich schließlich im furiosen Finale, welches zu gleichen Teilen befriedigend und berührend ist, wobei das wunderschöne Schlußbild - in Kombination mit den gänsehauterzeugenden Schlußworten - noch einen drauf setzt. Ginger Snaps Back ist von Michael Marshall erstklassig photographiert, punktet mit einer ernsten, tristen Grundstimmung (der schwarze Humor, mit dem die ersten beiden Filme durchsetzt sind, fehlt hier völlig), märchenhaften Untertönen (Rotkäppchen), einem spektakulären Sound-Design und einigen gut platzierten, wohldosierten Gore-Effekten.
Die Werwölfe sind bedrohliche, von der KNB EFX Group gut designte und getrickste Kreaturen, die sich meist im Hintergrund aufhalten. Einige originelle Einfälle (wie z. B. die Blutegel zur Identifikation von Infizierten) sowie ein paar geschickt getimte Schockmomente runden den fesselnden Film perfekt ab, und selbst der gut integrierte Indianer-Mystizismus weiß zu gefallen. Daß einige Figuren, wie z. B. der bösartige Prediger (Hugh Dillon) oder der sadistische Offizier (JR Bourne), schablonenhaft gezeichnet sind, stört nicht weiter, da es ihnen trotzdem spielerisch gelingt, im Zuschauer für starke Emotionen der negativen Art zu sorgen. Ginger Snaps Back bildet den packenden Abschluß einer tollen, sehenswerten Filmreihe, der sich hinter den anderen Teilen nicht zu verstecken braucht. Im Gegenteil. Dieses großartige Prequel ist der heimliche Höhepunkt der Ginger Snaps-Saga.
(*) In der Literatur bietet sich ein ähnliches Bild. Joe R. Lansdales Dead in the West und Richard Laymons Savage sind großartig, aber sonst? Interessant ist auch, daß sich die deutschen Schundromanreihen Grusel-Western und Geister-Western nicht allzu lange auf dem Markt halten konnten (ersterer verabschiedete sich mit der Nummer 40, letzterer gar schon mit der Nummer 30), obwohl sowohl die Horror- als auch die Westernthematik in den Siebzigern ungemein beliebt war.