In den USA ist es ein eingefahrener Brauch, einstige vielversprechende Schauspieler, die in die B-Movie-Gefilde abgerutscht sind, in TV-Serien zu verfrachten. Und das nicht einmal ohne Grund, denn sofern das Serienkonstrukt nicht enttäuscht, kann der Schauspieler sich auf dieser Plattform wieder rehabilitieren. Das Musterbeispiel unserer Zeit ist Kiefer Sutherland, der zu Zeiten von „Lost Boys“ bis „Flatliners“ als talentierter Charakterkopf mit Zukunft galt, aus irgend einem Grund aber in der Versenkung verschwand. Die revolutionäre Serie „24“ brachte ihn mit einem Paukenschlag wieder in die Schlagzeilen. Sutherland ist besser und begehrter denn je, und wenn sein Terminkalender ihm Zeit lassen würde, würden sich die Filmstudios um ihn schlagen, wie seine kleinen Nebenrollen in „Nicht auflegen“ und „Taking Lives“ beweisen.
Keine Ausnahme bildet da der Sitcom-Sektor. Mit „My Wife and Kids“, oder im neuen Anglizismen-Deutsch gesprochen, „What's Up, Dad?“, versuchte sich Damon Wayans am altbewährten Comedy-Rezept. Und das im Prinzip als einer der Vorreiter einer post-millennialen Sitcom-Welle mit ehemaligen Kinostars in der Hauptrolle. Denn ein Jahr später folgten Ex-Peggy Bundy Katey Sagal und der inzwischen verstorbene John „Herzbube mit zwei Damen“ Ritter in „Meine wilden Töchter“, bevor schließlich Charlie Sheen als „cooler Onkel Charlie“ im Jahre 2003 zum zweiten Mal die Hauptrolle einer Sitcom übernahm, nachdem er 2000 Michael J. Fox in „Chaos City“ ablöste.
Zu verdanken ist das in erster Linie der vorhergehenden Sitcom-Generation um „Friends“ und „King of Queens“, die das Interesse des Publikums nach einem Loch Mitte der Neunziger wieder aufleben ließ und eine neue Welle erst wieder möglich machte. Erfreulicherweise bedient sich „My Wife and Kids“ aber nicht der Erfolgsmechanismen dieser Shows aus den späten 90ern, was ja naheliegen würde, sondern importiert ein Retro-Feeling der 80er in die Moderne. Die Familienkonstellation um den autoritären, aber liebevoll-witzigen Michael Kyle (Wayans), seine schlagfertige Frau Janet (Tisha Campbell) und die dreiköpfige Kinderschar erinnert deutlich an die schwarzen Mittelständler bis Oberschichtler rund um „Alle unter einem Dach“ oder Bill Cosby“. Ebenso geben sich konsequenterweise die Themen nach dem Motto „Back to the Roots“, wenn Michael Jr. (George Gore II.) anfängt, sich für Stripclubs zu interessieren, wenn Claire (Jazz Raycole / Jennifer Freeman) die Welt der Jungs für sich entdeckt und wenn Kady (Parker McKenna Posey) um einen Job in der Modeboutique kämpft.
Dreh- und Angelpunkt in jeder Hinsicht ist unser 8-Ball Damon Wayans, der dynamische Glatzkopf, für den Autorität ganz groß geschrieben steht und der jederzeit über alles informiert sein will, was seine Frau und seine Kinder so den ganzen Tag über anstellen. Wenn man „My Wife and Kids“ irgendeinen Mehrwert gegenüber den anderen Genrevertretern zuschreiben will, dann hier: Wayans tritt auf als junger Typ mit Power, der jedoch nach wie vor an den alten Werten festgenagelt ist und die neue Emanzipation der Jugend, also auch seines eigenen Nachwuchses, nicht nachvollziehen kann. Hatten Cliff und Claire Huxtable, Carl und Harriette Winslow keinerlei Probleme, den Respekt ihrer Kinder zu bekommen, sieht sich unser Michael Kyle nun einem Haufen eigenwilliger Rotznasen gegenüber, die ganz einfach das tun, was sie wollen. Videospiele? Job-Sharing? Fernseh-Erziehung? Einflüsse aus der Rap-Kultur? Was auch immer, für Michael Kyle gilt es, die Ursachen zu finden, um sich letztendlich doch noch den Respekt zu sichern, den er verdient hat.
Insofern ist „My Wife and Kids“ parallel zur Entstehungszeit also eine Nachbetrachtung der Folgen, die die Neunziger auf die Handy-Generation ausgeübt haben. Es hat sich ganz offensichtlich ein Wandel vollzogen, der sich im Verhältnis zu den Kindern zeigt, und dieser Wandel wird ganz besonders dadurch deutlich, dass die alten Erziehungsmuster der 80er Jahre wieder aufgegriffen werden und das Ergebnis mit dem verglichen wird, was in der „Bill Cosby Show“ herausgekommen ist. Und wie sieht das Ergebnis aus? Nachdem die Jugend durch die Neunziger gegangen ist, funktioniert die Autorität nicht mehr. Sie wird nicht mehr ernstgenommen.
Was nicht bedeutet, dass Michael Kyles Familie in stetigem Frust mit gegenseitigem Unverständnis leben würde. Es handelt sich schließlich um eine Sitcom. Lacher am Fließband müssen produziert werden, und dementsprechend gibt es fetzige Wortgefechte zwischen Vater und Sohn, Ehemann und Ehefrau, Bruder und Schwester. Warum auch nicht, denn fehlender Respekt bedeutet ja nicht gleich fehlende Liebe. Die Familienkonstellation ist zwar etwas lose, wird aber von allen Beteiligten durchaus ernstgenommen. So mag man sich letztendlich doch, und einmal mehr macht es Spaß, in den Alltag einer Familie hineinzusehen, die so ihre ganz eigenen Macken hat.
Abgesehen von der gesellschaftskritischen Nachbetrachtung der Neunziger hat „My Wife and Kids“ jedoch nicht genug zu bieten, um vollends überzeugen zu können. Was die Drehbücher betrifft, hat man ganz einfach schon alles gesehen in einer langjährigen Sitcom-Tradition. Wenn es dann mal um scheinbare Neuerscheinungen unserer Zeit geht, wie etwa Multimediatechnik (der neueste Stand der Computerspiele, DVD, Handys usw.), so entpuppt sich das in der Regel letztendlich doch immer als altes Thema in neuem Gewand.
Wenn dann schon die Inhalte eher altbacken als innovativ sind, sollte man zumindest in der Lage sein, strukturell ausgebuffte Episodenkonstruktionen zu bieten. Gelegenheiten dafür gäbe es sicherlich genug, denn nach Quentin Tarantinos verschachteltem Erzählstil, nach der Interaktivität eines Pixarfilms, nach der Mehrdimensionalität neuerer Computerspielproduktionen und nach der ebenenübergreifenden Struktur einer Serie wie „24“ wurden in den letzten Jahren viele Türen geöffnet zu Feldern, in denen es noch etwas zu entdecken gibt. Doch leider bewegt sich Wayans' Sitcom auch hier auf dem Trampelpfad von Cosby & Co.; strukturell läuft beinahe jede Episode gleich ab, ohne mal wirklich zu variieren. Etwas mehr Unkonventionalität hätte sicherlich Wunder bewirkt.
Wenngleich viele Nebendarsteller eher unauffällig bleiben, kann die Kernfamilie zumindest grundlegend doch überzeugen. Damon Wayans ist ganz klar über jeden Zweifel erhaben. Wie Kollege Charlie Sheen hätte er durch seine Leistung wieder den Sprung schaffen können, doch leider fehlt ihm das geeignete Sprungbrett, wo die Serie doch zu unauffällig bleibt, um wirklich überzeugen zu können. So kämpft er mit dem Umstand, mehr oder weniger die einzige Attraktion zu sein, die „My Wife and Kids“ aus dem Einheitsbrei heraushebt und nur deswegen wohl auch nach Deutschland importiert wurde. Trotzdem: Wayans ist sympathisch, frech, witzig, identifikationswürdig und erfüllt insgesamt alle Kriterien des Hauptdarstellers einer Sitcom.
Seine Filmehefrau Tisha Campbell steht dem nur in wenig nach und gibt eine angemessene Leistung, indem sie eine etwas sympathischere Variante einer Queen Latifah zur Schau stellt. Leider gilt auch hier: die Schlagfertigkeit der Ehefrau wurde schon – und zwar noch viel überzeugender – von „Roseanne“ verkörpert, und die Emanzipation der Frau als solche ist inzwischen soweit abgeschlossen, so dass sie nicht unbedingt noch thematisiert werden muss (was aber zugegeben auch eher selten der Fall ist). Nichtsdestotrotz: die Zankereien zwischen den beiden sind sehr liebenswert und dokumentieren glaubwürdig ein frisch verliebtes Pärchen, wenngleich die menschliche Komponente insgesamt doch etwas auf Distanz bleibt.
George Gore II. unterstützt durch seine Performance als Sohnemann Michael Jr. eindrucksvoll die oben genannte These, dass die Jugend in den Neunzigern eine Entwicklung durchgemacht hat und mit Respekt nicht mehr viel am Hut hat. Oft würde man den Jungen am liebsten am Ohr packen und die Leviten lesen, und das ist ein Zeichen dafür, dass die Figur funktioniert. Nicht zufällig sind deswegen auch gerade die Auseinandersetzung zwischen Michael und Michael Jr. die Highlights der Serie.
Etwas blass bleiben dagegen die beiden Töchter, die nur dann aufleben, wenn es zu Konfrontationen mit dem Bruder kommt, was dann sehr oft an die Beziehung zwischen Eddie und Laura Winslow aus „Alle unter einem Dach“ erinnert.
Einige wenige experimentelle Innovationen sind „My Wife and Kids“ also nicht abzusprechen. Das betrifft vor allem die Rückkehr zu den Erziehungsmechanismen der 80er, die originalgetreu in die heutige Zeit versetzt werden, um sie dort mit Pauken und Trompeten scheitern zu lassen. Damon Wayans macht seine Sache als autoritärer Vater sehr gut und erinnert dabei ein wenig an seine Rollen aus „Major Payne“ und „Last Boy Scout“. Eine glanzvolle Rückkehr in die erste Riege der Hollywoodschauspieler dürfte ihm jedoch vorerst noch verwehrt bleiben, denn dafür bleibt die Serie in ihrer Konstruktion viel zu konventionell und unauffällig. Witzig und gut ansehbar ist sie für Genrefans dennoch, aber wie viele Sitcoms sind das nicht?