Review

Es ist nicht immer schön, erwachsen zu werden. Das ist die Botschaft von J.M.Barries „Peter Pan“.
Und ich möchte hinzufügen: wenn man es erst mal ist, dann wird es verdammt schwer, sich zwischendurch, und sei es nur für ein paar Stunden, mal wieder als Kind zu fühlen.
Sollte das aber ein Film schaffen, so wie PJ Hogans aktuelle Verfilmung, dann hat man etwas Wertvolles gefunden.

Und wie selbstverständlich nimmt man dann zur Kenntnis, daß mit solchen Verfilmungen heutzutage kein Staat mehr zu machen ist, selbst wenn man 100 Millionen Dollar investiert hat, um einen (beinahe) buchgetreuen Pan auf die Leinwand zu bringen.
Doch für meinen Teil, ist die Adaption ungemein gelungen. Hogan nimmt Barrie beim Wort und inszeniert den Film mit einem Verve und Charme, der seinesgleichen sucht. Jeder Cent kann man auf der Leinwand sehen und auch wenn das aus dem Boden gestampfte Nimmerland natürlich zum großen Teil am Computer entstanden sind, liegt der Trick in der Verwendung der FX, die stets nur den Rahmen für die mitreißende Geschichte bilden und nie selbstzweckhaft die Story ersticken können.

Diese wiederum folgt dem klassischen Plot, in dem Wendy, eine Geschichtenerzählerin an der Kante zur Pubertät, Peter, dem fliegenden Jungen, beim Einfangen seines Schattens hilft und daraufhin von ihm samt Brüdern ins Nimmerland mitgenommen wird, wo es Indianer und Piraten gibt, allen voran den bitterbösen Hook, der Peter vernichten will. Desweiteren werden aufgeboten: ein riesiges Piratenschiff, eine verkommene schwarze Festung, die wilden, verlorenen Jungs, Tausende von geflügelten Feen, ein riesiges Krokodil, welches Hook seine Hand abgebissen hat und in dessen Bauch eine Uhr tickt und jede Menge Eyecandy.

Mit der Inszenierung Nimmerlands ist ein Traum wahrgeworden. Zwar sind die Sonnenaufgänge golden, die Wolken deutlich wattegleich und die Sonne hat ein Gesicht, doch das gehört eben zu einem Märchenland, in dem bei Peters Rückkehr eben Eiszeit herrscht und der Frühling erst einkehrt, wenn auch er anwesend ist. Der Flug durch ein winterlich verfremdetes viktorianisches London wird zum puren Rausch durch ein Universum voller Sterne und Galaxien. Mitreißen lassen ist die Devise, mitfühlen, dabei sein.

Und um so schöner gerät so die schon altertümlich angehauchte Geschichte, die eben nicht den üblichen Hollywoodgenrekonventionen folgt, sondern ihrer ureigensten abstrusen Logik, auf die sich jeder Zuschauer einlassen muß. An Feen muß man glauben, Fingerhüte sind Küsse und umgekehrt, mit wunderbaren Gedanken kann man fliegen. Lektionen und Botschaften sind natürlich inbegriffen, aber die entwickeln sich natürlich aus der Geschichte und den Charakteren, die tatsächlich bis in kleine Nebenrollen durchgestylt wurden.

Peter, der Junge, der nicht altern wollte, sucht hier eine buchstäbliche Mutter, die eigentlich eine Gefährtin sein soll, die das kann, was er nicht kann. Seine Bande, die verlorenen Jungs, sind seine Kinder, für die er einsteht.
Doch obwohl dieses Verhalten etwas Elterliches hat, liegt sein Hauptaugenmerk auf dem Spaß, der über aller Verantwortung steht, ergänzt durch eine Spur Arroganz und Übermut.
Trotzdem läßt Hogan Platz für Sehnsüchte nach etwas anderem, daß man sich jedoch nicht erfüllen will: Realität, richtige Verantwortung.

Seine Nemesis, Hook, ist dagegen so unglücklich, wie Peter selbst glücklich. Tief in ihm sitzt ein ähnliches Verlangen nach Nähe und einer Begleiterin, doch die schicksalhaften Rollen spielen beide bis zuletzt. Auch Hook, von Jason Isaacs mit beachtlicher Düsternis, doch nicht ohne Sympathie gespielt, muß am Ende einsehen, daß er nicht aus seiner Haut kann und das kostet ihn dieselbe.

Wendy wiederum, ist der charakterliche Dreh- und Angelpunkt: ein Mädchen an der Grenze zur Frau, wie ihre Eltern und ihre Tante ihr bereits einimpfen wollen, doch noch mit jugendlich-kindlichem Trotz gesegnet. Für den ganzen Film ist sie hin- und hergerissen zwischen Verantwortung in der einen und der anderen Welt und der Möglichkeit sich die kindlichen Träume noch einmal erfüllen zu können.

Das Ende ist sowohl happy wie auch unhappy, denn Peter wählt trotz Wendys Treueschwur, ihn immer zu lieben, in seiner selbstgewählten Isolation, um als Beispiel für alle Kinder zu gelten. Wendy selbst bekommt viele neue Geschwister, der Weg in die Mütterlichkeit ist bereitet. Hook dagegen, das Sinnbild des Negativismus und Nihilismus scheitert an der eigenen Perspektivlosigkeit.
Bis dahin allerdings hat Hogan ganz neues Territorium in punkto Chemie zwischen seinen Protagonisten erforscht, würzt die Geschichte mittels weniger moderner Züge mit prä-sexueller Anziehung. Die latent erotische Spannung zwischen Wendy und Peter (die Darsteller bieten eine absolute Traumvorstellung) ist so hoch, daß man damit eine Batterie finnischer Saunen beheizen könnte.

Präsentiert wird das mittels einer märchenhaften Leichtigkeit, die jüngeren Kindern einen Heidenspaß machen sollte, auch wenn es in den Kämpfen recht deftig zur Sache geht.
Die hat man wiederum in der deutschen Fassung um volle sechs Minuten entschärft und so um einige Piratentode, harte Kampfszenen und die komplette Meerjungfrauensequenz erleichtert. Das Ergebnis ist ein zugänglicherer Film, weniger düster. Er wurde so nicht komplett entstellt oder entschärft, doch bisweilen leidet die innere Logik der Geschichte unter den Schnitten, was vor allem Älteren auffallen dürfte.
Daß man die Gnadenlosigkeit Hooks jedoch minimiert hat, bringt der Figur mehr Liebenswürdigkeit entgegen, als Erwachsenen lieb sein dürfte. Die komplette Fassung dürfte auch für Erwachsene, die sich auf die Geschichte einlassen können, ein Traum sein.

Trotzdem ist der Film bisweilen angreifbar, in seinen althergebrachten Rollenklischees und, durch eine zynische Brille gesehen, übertrieben bunten Bildern. Eher mißlungen sind jedoch nur zwei Dinge: die Wiedererweckung Glöckchens mittels Glaubensschwur aller Beteiligten (wie weilend imTheater und in der ganz alten Fassung zum Mitmachen anregend) ist deutlich zu lang geraten und Ludivine Sagnier als Glöckchen selbst muß allzusehr durch ihre Rolle als Fee grimassieren. Obwohl mit Spaß an der Rolle fällt es trotzdem negativ aus, daß man ihr keinen Dialog gegeben hat, so daß sie zumindest für das Publikum unhörbar agiert.

Trotzdem ist diese Fassung deutlich besser als Spielbergs im Übermaß um Phantasie bemühte Quasi-Fortsetzung „Hook“, die zwar eine interessante Prämisse bieten konnte, aber spätestens im Nimmerland bei der Einführung der verlorenen Jungs in das übliche spielbergsche Territorium abrutschte, komplett mit Selbstreferenzen, Goonies-liker Figurenzeichnung und dem üblichen Skateboardkitsch, während mit der üblichen Vater-Sohn-Baseballmetapher der letzte Hauch Originalität verweht.
Hogans Pan ist die visuelle Umsetzung des Originals, soweit das eben möglich war und kommt in seiner ungefähren Werktreue dem „Herrn der Ringe“ ziemlich nahe.
Letztendlich zählt nur die Wirkung und die sorgte für ein paar wunderbare Gedanken. Fürs Fliegen sollte das reichen. (9/10)

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