Träume sind toxische Styleschäume
Der verrückte Tyrann Krank lebt auf seiner Bohrinsel vor der Küste der verdreckten Stadt u.a. zusammen mit seinen sechs geklonten Söhnen. Er hat noch nie geträumt und entführt daher verbittert Kinder, um deren Träume zu stehlen. Doch er hat seine Rechnung ohne einen gewissen Kraftmenschen und dessen kleinen Freunde gemacht, die in dieses traurige Reich der Schatten eindringen und dem wahnsinnigen Wissenschaftler ein für alle Mal den Gar ausmachen wollen…
Bevor er mit „Alien 4“ etwas Schiffbruch erlitt in Hollywood, war Jean-Pierre Jeunet eines der vielversprechenderen Talente auf der europäischen Regiekarte. Und sein „The City of the Lost Children“ ist zusammen mit dem audiovisuell sehr ähnlichen „Delicatessen“ das stärkste Anzeichen dafür. Ein creepy Kinderfilm. Ein abstraktes Märchen. Ein augenzwinkernder Alptraum. Eine giftige Gülle der schönsten Farben, Filter und Formen. Dreckig, düster, französisch durch und durch. Kunstkino trifft Kinderkiste. Grimm trifft Grimmiges. Von Weihnachtsmännern und weinenden Kleinkindern. Am Rande des Tauchfeldes. Eine kongenial kurskorrigierte Kakophonie. Haptisch, schwitzig, handgemacht. Ein Theaterstück der tragischkomischen Toxine. Eine Tauchfahrt des Tollkühnen. Grünes Wasser. Was macht es? Es leuchtet grün! Faulige Fische. Einäugige Handlanger. Gewieftes Ungeziefer. Postapokalyptische Eitelkeiten. Gesprengte Ketten der festgehaltenen Fantasie. Ron Perlman spricht lustig französisch. Und dieser wilde bis völlig verstörende „Kinderfilme“ hatte mich in jeder Sekunde an seinen Lippen!
Fazit: Was für ein wunderbares, düsteres, europäisches Märchen… Speziell und formell very, very, very well. Jeunets beeindruckende Visitenkarte irgendwo zwischen Alptraum und Kunstwerk, zwischen Gilliam, Fellini und Disney, zwischen „Brazil“ und „Pinocchio“!