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Der Hobbit, der kein Held sein konnte

Mittelerde steht die entscheidende Schlacht bevor. Die Truppen Saurons sammeln sich, und Gondor macht sich bereit für einen Krieg, der aussichtslos scheint. Frodo (Elijah Wood) hat das düstere Land Mordor erreicht, um den Einen Ring im Feuer des Mount Doom zu ertränken und ein für allemal zu vernichten. Doch Frodos Besessenheit für den Ring wächst von Stunde zu Stunde, noch angefeuert von der hinterhältigen Kreatur Gollum (Andy Serkis). Ob sich Frodo tatsächlich vom Ring trennen kann, scheint immer ungewisser. Die Zukunft der freien Völker hängt an einem seidenen Faden.

Wer die beiden ersten Teile der Ring-Trilogie gesehen hat, wird sich im letzten Streich – The Return of the King (2003) – wie zuhause fühlen. Nach wie vor liefert Regisseur Peter Jackson eine volle filmische Breitseite: epische Schlachten, rührselige Ansprachen, spektakuläre Bilder. Der letzte Teil wirkt wesentlich zentrierter und gradliniger, als insbesondere The Fellowship of the Ring, der einen riesigen, reichen Horizont öffnet. Jetzt ist die Welt Mittelerde gesetzt, und der Plot kann in strammen Schritten voranschreiten.

Das hat Vor- und Nachteile. Wie schon The Two Towers hat The Return of the King zwei Stränge: Das Ringdilemma und die Schlachtplatte. Einmal folgt Jackson Frodo und seinen beiden Gefährten Sam (Sean Astin) und Gollum. Das ist spannend und stellenweise überraschend sperrig. Das nervenaufreibende Psychospiel setzt sich hier bis in die letzte Konsequenz fort. Der zweite Strang ist fraglicher. Dort inszeniert Jackson eine riesige Schlacht, wirft mit zwar effektiver, aber manipulativer Kriegssymbolik um sich. Was Jackson zeigt, ist so mitreissend in seiner Pathetik, dass einem mulmig zumute wird. Es funktioniert. Aber man wünschte sich, dass es nicht so einfach funktionierte.

Immerhin bietet die letzte Schlacht einen grandiosen, wenn auch simplifizierten Gender-Moment. Der Kampf zwischen der Königstochter Éowyn und dem Hexenkönig von Angmar geht als ikonischer Moment der weiblichen Kinoheldin durch. (»No man can kill me.«- »I am no man.«) Ansonsten gibt es viel Eye Candy, das den Plot in keiner Weise voran bringt, sondern eher vom Wesentlichen ablenkt.

Bedeutungsvoller als die letzte Schlacht um Mittelerde ist die psychologische Schlacht zwischen Frodo, Sam und Gollum. Es ist eine beunruhigende Studie über Vertrauen, Freundschaft und Versuchung. Dass die Auflösung dieser Dreiecksbeziehung dermassen pointiert und berührend ist, haben wir eher Tolkien als Jackson zu verdanken – die traurige Poesie des Finales ist einzigartig. Einige bestechende Einstellungen findet Jackson trotzdem: Gollums überschwänglicher und bitterer Triumph ist berauschend. Danach reiht sich Epilog an Epilog, als wolle Jackson den Film am liebsten gar nie enden lassen. Im Film erhält der Ausklang eine leicht kitschige Note, die im Original nicht vorhanden ist.

Trotzdem treffen auch diese wehmütigen Szenen ins Herz. Denn hinter der pittoresken Farbpalette versteckt sich eine echte Tragödie: Die eines Hobbits, der ein Held sein wollte, aber daran gescheitert ist. Die eines unschuldigen Lebewesens, das eine böse Macht korrumpierte. Wenn auch viele Botschaften des Filmes über Freundschaft, Ehre und Liebe zu einfach daher kommen, der dramatische Kern der Geschichte hat überlebt. Und dieser Kern ist komplex und existentiell.

So ist das mit Lord of the Rings. Die Vernunft will »Ja, aber!« sagen, doch die Gefühle lassen sich wohlig in diese Welt sinken, die betörend ist, gerade weil sie so vieles so klar ausbuchstabiert. Die Feingeistigen mögen sich mehr Offenheit, mehr Ecken und Kanten wünschen. Manchmal bilde auch ich mir ein, zu jenen Feingeistigen zu gehören. Doch wann immer die Ring-Trilogie im DVD-Player landet, bin ich wider Willen hingerissen. Ich bin ein Junge, der mit glänzenden Augen eine phantastische Geschichte verfolgt – und auf jede ach so intellektuelle Analyse pfeift. Das ist ein Zeichen für grosses Kino: Wenn es unsere Reflexion entwaffnet und uns zu staunenden Kindern macht. Es gibt einen Grund, dass man Lord of the Rings als Monument des modernen Blockbusters feiert. Ich schliesse mich diesem Lobgesang an, wenn auch mit knirschenden Zähnen.

8/10

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