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Wenn der Wissenschaftler Pierre Arronax eine Reise macht, dann hat er was zu erzählen: Nachdem in den 1860er Jahren etliche Schiffe von einem unbekannten Objekt versenkt wurden, macht sich der Meeresforscher auf, ein vermeintliches Seeungeheuer zu fangen. Der skeptische Schiffskapitän will die muntere Suche schon abbrechen, als nach drei Monate langem Auf-dem-Ozean-Daherschippern immer noch kein Beweis für die Existenz eines Meeresmonsters gefunden ist. Doch just in diesem Moment wird das Schiff attackiert...

Es folgt der Auftritt des wohl berühmtesten Unterseebootkapitäns der LIteratur- und Filmgeschichte: Der durch den gewaltsamen Verlust seiner Familie misanthropisch veranlagte Käpt'n Nemo nimmt die drei Schiffbrüchigen nur widerwillig auf. Schließlich sind sie unliebsame Zeugen einer unglaublichen technischen Errungenschaft - der Nautilus.

Soweit deckt sich Disney's Realverfilmung "20.000 Meilen unter dem Meer" von 1954 mit Jules Vernes gleichnamiger Romanvorlage. In der Gesamtausstattung hält sich der Film allerdings nur lose an die literarischen Vorgaben. Um das Geschehen familientauglich zu halten, wird das Leben an Bord des überdimensionierten U-Boots in feinster Disney-Manier mit einigen Witzchen aufgepeppt; und um das Grande Finale besonders dramatisch zu gestalten, wurden ein paar Elemente aus Vernes Erzählung "Die Erfindung des Verbrechens" hinzugefügt - wofür letztendlich aber auch das eine oder andere Abenteuer aus der eigentlichen Vorlage gestrichen wurde.

Doch trotz dieser Ungereimtheiten und Verfälschungen zeichnet sich Regisseur Richard Fleischer ("Die phantastische Reise", "Dr. Dolittle" (der alte!), der Frauenmörder von Boston") für eine äußerst gelungene Adaption verantwortlich. Die "20.000 Meilen unter dem Meer" sind nämlich die nahezu perfekte Familienunterhaltung für den Sonntagnachmittag - sofern die eigenen Kids nicht durch augenkrebsverursachende Cartoons aus Fernost abgestumpft wurden. Denn diese Disney-Produktion trumpft groß mit eindrucksvollen Kulissen, bezaubernden Unterwasser- und Tieraufnahmen sowie einer liebevoll-nostalgischen Tricktechnik auf, die selbst nach über 50 Jahren überzeugen kann.

Dazu ist der technikkritische Grundton der Romanvorlage erhalten geblieben, tatsächlich ist er - dank der Übernahme einiger Ideen aus "Die Erfindung des Verbrechens" - um eine zeitgenössische Diskussion erweitert worden. Während die Natilus im Original mit Elektrizität betrieben wird, hat Nemo sein 54er Flagschiff mit einer Kraft flott gemacht, deren Entdeckung "die Menschheit verändern, oder aber vernichten kann". Der gute Käpt'n scheint also das Wissen um die Atomenergie zu besitzen. So kann der Film einerseits als eine Parabel auf den Kalten Krieg gesehen werden, laut dem deutschen Wikipedia-Eintrag soll Disney allerdings andere Intentionen verfolgt haben: Die Filmschmiede habe der US-Regierung helfen wollen, die atomskeptische Bevölkerung vom Nutzen der Atomkraft zu überzeugen. Wie dieses Vorhaben mit Nemos abschließendem Resümee - die Welt sei noch nicht reif für eine derartige Macht - in Einklang zu bringen ist, vermag ich momentan aber nicht zu erklären.

Allzu kopflastig ist diese Verfilmung allerdings auch nicht ausgefallen, handelt es sich bei ihm in erster Linie doch um ein Unterhaltungsprogramm, das aus heutiger Sicht mit den Begriffen des Blockbusters oder des Popcornkinos umschrieben würde. Ernste Anleihen sind permanent wahrnehmbar - nicht zuletzt durch die Präsenz eines James Mason, der den zerissenen Käpt'n Nemo mit einiger Überzeugungskraft spielt - allerdings werden sie immer wieder von komödiantischen Einlagen unterwandert. Sicherlich mag der Humor in einigen Szenen etwas arg naiv ausfallen - vor allem die Figur des Dieners Conseil ist an Grenzdibilität nicht zu überbieten - jedoch darf nicht vergessen werden, dass es hierbei um eine Familienproduktion handelt. Entweder man kann dressierten Robben etwas abgewinnen - oder man quttiert ihren Einsatz eben mit einem Achselzucken.

An sich sind die offensichtlichen Schwächen des Streifens den veränderten Sehgewohnheiten geschuldet. Wenn wilde Eingeborene mit Stromschlägen über Bord gejagt werden, dürfte manch ein Integrationsbeauftragter verstört dreinblicken. Da hilft auch Nemos erklärender Einwand nicht weiter: "Das sind nur harmlose Stöße." Und natürlich ist der Vorwurf, dass der Streifen an einigen Stellen zu langatmig geraten sei, berechtigt, wenn man denn die Spezialeffekte für überaus altbacken hält. Schließlich werden die Szenen mit ausgedehnter Tricktechnik vollends ausgekostet.

Fazit: Man muss schon etwas für Klassiker übrig haben, um mit "20.000 Meilen unter dem Meer" seine Freude zu haben. Und wer sich dessen bewusst ist, dass der Film keine bierernste Science-Fiction bietet, sondern Unterhaltung für alle Altersstufen, wird sicherlich nicht enttäuscht. Von der Aufmachung her ein Klassiker, ist diese Jules Verne-Adaption aber insgesamt noch ein gutes Stück entfernt von den ganz großen Meilensteinen des Abenteuerfilms wie "King Kong und die weisse Frau" oder "Sindbads 7. Reise". (7/10)

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