Chicago, Illinois. Cooley High Abschlussklasse 1964. Die letzten Wochen vor dem großen Sommer der Veränderung. In dieser Zeit und an diesem Ort dreht sich alles um die Heranwachsenden des Viertels, die vom Leben noch nicht viel wissen, die aber vor lauter kreativer Energie zu platzen drohen. Keinesfalls wird die Energie ins Lernen investiert, lieber werden da schon praktische Erfahrungen gesammelt, an die man sich später vielleicht mal erinnern wird. Im Klassenraum geht’s drunter und drüber; noch ganz befreit von den düsteren Untertönen späterer „A Dangerous Mind“- und „187“-Generationen, fast schon auf einem Level mit der heiteren Unbefangenheit harmloser deutscher Pennälerkomödien.
Bei den Arbeiten von Michael Schultz lässt man sich gerne mal von der vermeintlich seichten Stimmung aufs Glatteis führen, die er immer wieder so nonchalant zu beschwören scheint. Eine ganze Schulklasse dirigiert er da zum Auftakt im natürlichen Licht des Alltags. Dazu bewegt er sich auf Pulthöhe von einer Sitzreihe zur nächsten, erprobt sogar den typischen Schulterblick zum hinteren Sitznachbarn und studiert aus nächster Nähe voller Interesse, wie sich die Kommunikationspfade quer durch den Raum wie ein Adergeflecht von Mund zu Ohr spannen. Dass die Schüler allesamt schwarz sind und die Lehrerin die einzige Weiße im Raum, mag bereits ein demografisches Indiz für tief verwurzelte gesellschaftliche Muster sein, die in Kürze das Leben der Schüler bestimmen werden. Aber noch ist die Zeit nicht reif für solche Gedanken: „Cooley High“, nach einem Drehbuch von Eric Monte, der selbst Absolvent der Schule war, soll für die afroamerikanische 64er-Generation von Chicago zunächst einmal genau das sein, was „American Graffiti“ für die weiße 62er-Generation von Modeste war, nämlich nichts anderes als der unbeschwerte, beswingte, hoffnungsvoll-sentimentale Übergang von einem Lebensabschnitt in den nächsten, der Aufbruch in ein neues Kapitel.
Dass der mit Anteilen von Comedy und Drama jonglierende Coming-of-Age-Streifen aufgrund seines unverbindlichen Ansatzes zunächst einmal profan wirken kann, ist einkalkulierter Teil des Plans. Es ist einer dieser Filme, über die es inhaltlich gar nicht so schrecklich viel zu sagen gibt, weil sie sich hauptsächlich über etwas definieren, das weit mehr ist als Handlung, mehr sogar als einfach nur eine Stimmung oder eine Atmosphäre: Ein Lebensgefühl nämlich, das gemessen an der kompletten Lebensspanne eines Menschen nur über einen sehr kurzen Zeitraum Gültigkeit besitzt. Die Melancholie im Wissen um ihre Vergänglichkeit ist es, die auch die ähnlich gearteten Werke von Richard Linklater („Confusion – Sommer der Ausgeflippten“, 1993; „Everybody Wants Some!!“, 2016) oder Allan Arkush („Rock ‘n’ Roll Highschool“, 1979) so wertvoll erscheinen lassen; hier ist es nicht anders.
Im Gegensatz zu Schultz’ nächstem Film „Car Wash“ (1976), der sich fest an seinen Schauplatz, eine Autowaschanlage, band, heftet sich „Cooley High“ lieber an die Fersen seiner Protagonisten. Die Schule ist lediglich Startpunkt für eine turbulente, an überlebensgroße Road-Movie-Abenteuer angelehnte Tour durch die Near North Side, in deren Verlauf alle erdenklichen populären Treffpunkte für Jugendliche zur Eroberung freigegeben werden. Das kann ein Kino sein, in dem gerade „Godzilla und die Urweltraupen“ läuft, dessen Gekloppe bald darauf im Saal imitiert wird, oder auch ein Diner, in dem Freund und Feind nur zwei Tische voneinander entfernt sitzen. Vielleicht auch eine Party, wo in abgeschiedenen Räumen Liebesgedichte diskutiert werden, während sich im Wohnzimmer nebenan eine Prügelei anbahnt, oder ein Zoo, in dem man einfach ein wenig Zeit totschlägt, nicht ohne zu registrieren, dass im unschuldigen Ausdruck der Tiere auch etwas vom Menschen selbst verborgen ist. Die Verbindungspunkte zwischen diesen bisweilen wahllos sich ablösenden Locations können je nach Laune mal harte Schnitte sein oder auch zum Spektakel ausgebaute Personentransfers – zu Fuß durch die Gassen, am Heck eines Busses hängend oder in einem gestohlenen Auto vor der Polizei flüchtend. Die Handlung deckt alles und auch wieder nichts ab, sie ist lediglich eine Blase aus Erfahrungen, die das spätere prosaische Ich des Erzählers offensichtlich ausreichend geprägt haben, um einen Film über diese vermeintlichen Nichtigkeiten zu machen, und die letztlich nichts Geringeres als die eigene Identität ausmachen.
Das Ensemble wächst oder schrumpft je nach Episode um mehrere Nebenfiguren, doch letztlich kristallisieren sich mit Glynn Turman als Preach und Lawrence Hilton-Jacobs als Cochise zwei Hauptdarsteller heraus, deren einziger Makel darin liegen könnte, dass sie als Mittzwanziger damals bereits ein wenig zu alt für ihre Rollen waren. Dennoch: Freunde fürs Leben, das spürt man. Hier der angehende Autor (offensichtlich das Alter Ego von Eric Monte), dort der Basketballer und Frauenschwarm (ein Parallelismus zu Montes Jugendfreund Apache) – sie bedienen stark voneinander abweichende Rollenbilder im Mikrokosmos High School, gegen jede Wahrscheinlichkeit zusammengeschweißt. Bei der Konstellation fühlt man sich gleichermaßen an Ben Affleck und Matt Damon in „Good Will Hunting“ (1997) wie auch an Leo Fitzpatrick und Justin Pierce in „Kids“ (1995) erinnert, was erstmals dramatische Untertöne in die Handlung pflanzt. Gerade im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht kommt eine gewisse Unruhe zum Vorschein, die die vermeintliche Endlosigkeit des Sommers dann doch mit einem Ende am Horizont ausstattet.
Und trotzdem bleibt „Cooley High“ beinahe durchgehend ein erstaunlich leichter Film, vitalisiert von einem phänomenalen Soundtrack, der mit „Baby Love“ von den Supremes beginnt, einem Song, den Quentin Tarantino für „Jackie Brown“ (1997) wieder aus dem Plattenregal holen würde, gefolgt von den Marvelettes und den Miracles, den Temptations und Stevie Wonder. Er ist konzeptionelles Verbindungsstück zu „American Graffiti“ und trägt doch enorm dazu bei, sich von George Lucas’ Rock-‘n’-Roll-Klassiker zu emanzipieren, indem er eigene Identifikationsmerkmale für jenen Bevölkerungsteil bereitstellt, der sich mit den schwarzen Jugendlichen aus Chicago zu identifizieren weiß.
Wahrscheinlich ist gerade das die größte Qualität des Films und der Quell der Inspiration folgender Generationen von Filmemachern, die dann zu Filmen wie „Boyz n the Hood“ (1991), „School Daze“ (1988) oder „Juice“ (1992) geführt hat. Es gab natürlich auch vorher schon einige Filme über Afroamerikaner auf dem Weg zum Erwachsensein, aber selten zuvor hatte man welche gesehen, die sich das Recht herausnahmen, sich derart sorglos dem Augenblick des Moments hinzugeben, ohne politische und ideologische Aspekte in den Vordergrund zu stellen. „Cooley High“ unterscheidet sich dahingehend praktisch kaum von vergleichbaren Filmen, die in den Milieus privilegierterer Bevölkerungsgruppen spielen. Gesellschaftliche Konstellationen bleiben dem neutralen Betrachter zwar nicht verborgen, sie beeinflussen aber nicht unmittelbar das Handeln der Figuren, das ganz und gar dem unschuldigen Trieb Jugendlicher entspricht, die sich zutiefst individuell auf ihre nahende Zukunft vorbereiten.
Desillusionierend wird es dann doch noch, als sich das Drama mit einem Schlag den Weg an die Oberfläche bahnt. Die Abruptheit, mit der sich letztlich alles verändert, deutet auf einen holprigen, wenig lyrischen Schreibstil des Drehbuchautoren hin… oder einfach auf die Unwägbarkeiten des Lebens selbst. Ein bisschen Hollywood-Kitsch kann sich auch Michael Schultz nicht verkneifen, um sein Zeitportrait abzurunden. Die Formeln eines Studiosystems kommen bei alldem aber trotzdem kaum zur Entfaltung. Jene Formeln, die „Cooley High“ verwendet, stammen viel mehr aus einer gesunden, vor Vitalität strotzenden Unschuld, die erst spät, aber leider unvermeidlich verloren ist, sobald das Leben sie einholt. Umso wichtiger, sie in Bild und Wort festzuhalten. Der Jahrgang ’64 ist nun schon weit mehr als ein halbes Jahrhundert Vergangenheit, seine Muster spiegeln sich aber weiter in den ersten Jahrzehnten neuer Generationen. Das macht ihn bei aller Besonderheit so nachvollziehbar und lässt ihn zum Spiegel der eigenen Erinnerungen werden, selbst wenn sie nicht in der Cooley High gesammelt wurden.
(7.5/10)