Jam Films ist eine Sammlung von insgesamt sieben jeweils viertelstündigen Kurzfilmen, die von sieben unterschiedlichen japanischen Regisseuren in Szene gesetzt wurden.
Titel: The Messenger – Requiem For The Dead
Regie: Ryuhei Kitamura
Darsteller: Kanae Uotani, Kazuki Kitamura, Tak Sakaguchi
Wertung: 6/10
Ein Gangsterboss bekommt Besuch von einer mysteriösen Frau, die als "The Messenger" bekannt ist und als unnahbare Auftragskillerin gilt, die ihre Opfer ohne Waffen in den Tod schickt. Doch was für eine Nachricht sie tatsächlich zu überbringen hat, kommt nicht nur für den Zuschauer überraschend.
Ohne Frage ist der erste Kurzfilm der insgesamt sieben von Regisseur Ryuhei Kitamura stilsicher und düster inszeniert und ist mit Japans gewohnt stoischer Coolness verpackt, die den Betrachter zwar sicherlich erfreut, ihn aber auch immer auf Abstand hält. Tatsächlich kommt die Geschichte also unterkühlt und recht seltsam daher. Die eigentliche Pointe des befremdlichen Kurzfilms entschädigt jedoch ein wenig, da diese wirklich gelungen ist und beim Zuschauer durchaus einen "Oha"-Effekt auszulösen vermag. Insgesamt ist The Messenger ein intelligent gesponnenes Stückchen Zelluloid, das im Endeffekt doch keine einzige wirkliche Sympathie aus dem Zuschauer locken kann.
Titel: Kendama
Regie: Tetsuo Shinohara
Darsteller: Ryoko Shinohara, Masayoshi Yamazaki, Yoshinobu Yamada, Megumi Ujiie, Morio Agata
Wertung: 5/10
Der zweite Kurzfilm Kendama, diesmal von Regisseur Tetsuo Shinohara, wird schon um einiges leichtfüßiger erzählt. Fujikara bekommt von seinem Boss ein Holzspielzeug namens Kendama geschenkt. Weil es für ihn keine Bedeutung hat, verschenkt er es weiter, doch dann will er es plötzlich wieder haben. Seine Kollegin will es jedoch nicht mehr hergeben. Eine Hetzjagd durch ein ruhiges Wohnviertel beginnt, bei der das Kendama bald schon den Besitzer an einen Dritten, Akio, wechselt. Dieser findet eine kryptische Wegbeschreibung im Inneren des Holzballs und macht sich auf zu einer kleinen Schnitzeljagd, die schließlich sogar sein Verhältnis zu seiner Freundin neu definiert.
Obwohl die mit leichtem Witz inszenierte Jagd um das titelgebende Kendama recht rund ist und dank der kurzen Laufzeit einen ziemlich straffen Handlungsverlauf aufweist, wirkt der kleine Film leider zu ziellos, wie ein nie fertig gestellter bzw. nie weiter ausgearbeiteter erster Entwurf. Wer einen Sinn in der harmlosen Geschichte finden will, muss schon sehr konzentriert in den Details des Films lesen. Am ehesten ist Kendama wohl eine kleine, leise Liebesgeschichte, die andersartiger kaum hätte ausfallen können. Sicherlich eine nette Idee, doch leider nicht tief genug. Dafür mit einer witzigen Schlusspointe, die allerdings wie zur Versöhnung erst nach dem Abspann gezeigt wird.
Titel: Cold Sleep
Regie: George Ishida
Darsteller: Takao Oozawa, Tomomi Tsunoda, Yasutaka Tsutsui, Samuel Pop, Albert Smith, Mekdachi Khalil, Teesha
Wertung: 3/10
Cold Sleep von George Ishida ist sicherlich die abgedrehteste Geschichte der sieben. Hier wacht ein junger Mann nach zwanzig Jahren in einer Art Schlafmaschine auf und findet sich in einer verlassenen Schule wieder, die einsam inmitten einer riesigen Wüste fernab unserer Erde steht. Die Schule ist mit buntem Spielzeug übersät und bald schon kreuzen kunterbunt verkleidete, durchgeknallte Erwachsene seinen Weg, die sich grenzdebile Spielchen mit Plastikpistolen liefern und draußen hysterisch lachend im Sand graben. Nur eine Frau scheint normal zu sein, und die braucht seine Hilfe. Dumm nur, dass auch unser Protagonist bald schon verblödet. Warum, das erklärt ihr Vater via neuester Technik.
Gesellschaftskritik schwingt in des Vaters Worten leider mit erhobenem Zeigefinger mit. Da Cold Sleep jedoch so sinnentstellt beginnt, lässt sich das verschmerzen. Vergeblich sucht der Zuschauer nach dem Sinn der Geschichte hinter dem bunten, völlig abgedrehten Verhalten aller Beteiligten. Erst zum Schluss baut sich langsam eine Struktur auf, die auf einen Aha-Knall hinauszulaufen scheint. Die Schlusspointe sitzt dann tatsächlich, nur ist der Weg bis dahin durch eine surreale Science Fiction-Groteske, die wie ein Drogentrip anmutet, für so manchen sicherlich alles andere als leicht.
Titel: Pandora – Hong Kong Leg
Regie: Rokuro Mochizuki
Darsteller: Takami Yoshimoto, Satoshi Shinohara, Akaji Maro, Masaki Koyanagi
Wertung: 4/10
Eine junge Frau hat ein Geheimnis: Sie ist besessen davon, an ihren Füßen zu kratzen. Ein seltsamer alter Mann will ihr helfen, dieses Geheimnis in einer höchst merkwürdigen zeremoniellen Behandlung loszuwerden. Sie soll sich die Füße von einem Unbekannten lecken lassen.
Pandora: Hong Kong Leg mutet wie eine absolut groteske Parabel an, der man zwar anmerkt, dass sich Regisseur Rokurô Mochizuki beim Schreiben und Filmen der Geschichte etwas Tiefsinniges gedacht haben mag, das dem unbedarften Zuschauer aber sicherlich so verborgen bleiben mag wie der jungen Frau die meiste Zeit der mysteriöse Zehenlecker. Nichtsdestotrotz wurde der Film atmosphärisch dicht und interessant inszeniert und fördert dabei auch noch eine absurde Erotik zutage, wie es wohl nur die Japaner schaffen.
Titel: Hijiki
Regie: Yukihito Tsutsumi
Darsteller: Kuranosuke Sasaki, Natsuko Akiyama, Megumi Ujiie, Ai Takahashi
Wertung: 7/10
Ein emotional labiler Mann hält zwei abgetakelte Frauen und ein neunmalkluges Mädchen in deren Wohnung als Geiseln. Die haben aber ganz und gar keine Angst vor ihm, sondern erzählen stattdessen beim gemeinsamen Abendessen—man isst das titelgebende Hijiki, ein Seetang-Art—von ihren verkorksten Leben und aufgegebenen Träumen, bis sie den Geiselnehmer von seiner ursprünglichen kriminellen Haltung abbringen können.
Wie aber schon ganz zu Beginn in einem Warnhinweis deutlich gemacht, hat der Kurzfilm keinen guten Ausgang. Schon diese kleine Warntafel in den ersten Sekunden zeigt die zynische Haltung des Regisseurs Yukihito Tsutsumi, die als Grundstimmung auch den ganzen viertelstündigen Film durchzieht. Was eigentlich wie ein Drama anmutet, gleitet gern auch mal ins Groteske, ins Überzeichnete ab und nimmt sich nie ganz so ernst, wie die Figuren agieren. Trotz allem bleibt die Stimmung stets angespannt und eher düster. Hijiki, als einer der eher seltenen Vertreter, in denen man die Zimmerdecke sehen kann, setzt genau diese auch noch als künstlerisches Stilmittel ein, da sie so niedrig über den Köpfen der Protagonisten hängt, dass sie die Stimmung nur noch drückender gestaltet. Hijiki geht von allen sieben Kurzfilmen sicherlich am emotional tiefsten oder tut dies wenigstens offensichtlicher als die anderen Filme. Endlich einmal kann der Zuschauer richtig mit den Figuren sympathisieren, selbst mit dem Geiselnehmer, der im Grunde gewöhnlicher nicht sein könnte.
Titel: Justice
Regie: Isao Yukisada
Darsteller: Satoshi Tsumabuki, Haruka Ayase, Christian Storms, Hirofumi Arai, Tsutsuo Miura, Yukari Fukui, Hitomi Kurihara
Wertung: 6/10
In der vorletzten Geschichte, diesmal von Regisseur Isao Yukisada ersponnen, leiert ein englischer Lehrer seinen Geschichtsunterricht vor seiner Jungenklasse herunter. Während ein Schüler sein Schulbuch lieber mit einer versauten Bildergeschichte verschönert anstatt mitzuschreiben, interessiert sich ein anderer mehr für die Mädchen, die draußen im Sportunterricht gerade Hürdenlauf machen. Aus lauter Freude fertigt er auf seiner Schulbank eine Strichliste an, um herauszufinden, ob die Mädchen im roten, grünen oder blauen Sportdress öfters an ihren engen Sporthöschen herumzupfen.
Was inhaltlich von allen Kurzfilmen sicherlich am ärmlichsten ist, wird gleichzeitig auch am lockersten, modernsten und poppigsten erzählt. Die dümmliche Halbwüchsigenphantasie ist unterhaltsam und flott in Szene gesetzt. Das Fazit funktioniert leider nur, wenn man mit japanischen bzw. chinesischen Schriftzeichen und der asiatischen Art, Strichlisten zu führen, vertraut ist. Immerhin bleibt der Film aber auch ohne diese Kenntnisse einigermaßen unterhaltsam.
Titel: Arita
Regie: Shunji Iwai
Darsteller: Ryoko Hirosue
Wertung: 7/10
Der letzte Kurzfilm, Arita, von Shunji Iwai erzählt von einem jungen Mädchen, das mit einer kleinen Bleistiftfigur namens Arita aufwächst, die überall dort auftaucht, wo sie auf einem Papier malt oder schreibt. Die einfache Kritzelei scheint dabei ein Eigenleben zu führen. Das findet die hübsche Protagonistin mit zunehmendem Alter immer merkwürdiger. Sie versucht hinter den Grund von Aritas Existenz zu kommen, doch schwört dabei nur eine Katastrophe herauf.
Die Geschichte wird konstant aus dem Off erzählt, während Bilder mit Weichzeichnerfilter das Publikum bei Laune halten. Arita ist definitiv die phantasievollste und niedlichste Idee der sieben Kurzfilme. Wie ein Märchen wird sie traumhaft erzählt, so dass der Zuschauer sogar eine Bindung mit der einfachen Bleistiftzeichnung aufbaut und später wie das Mädchen um Arita trauert. Arita ist ein netter Abschluss von Jam Films, bleibt dabei aber so eigenartig und rätselhaft wie der Rest.
Fazit:
Kurzfilme haben ja meistens die Eigenart, kryptisch und oft auch seltsam zu sein. Ihr Inhalt ist aufs Wesentliche reduziert, dabei aber so künstlerisch bzw. abstrakt in Szene gesetzt, dass sie oftmals nur schwer zugänglich sind. So leider auch bei Jam Films, auch wenn die Kurzfilme bedauernswerter Weise weitaus abstrakter als künstlerisch anmuten. Obwohl die sieben Filme mit teilweise genialen Ideen aufwarten, von angesagten Regisseuren erfunden und verfilmt worden sind und auch die Optik immer stimmt, ist die Qualität der Ausführung leider nicht immer so hoch. Die Aussagen einiger Filme sind nicht richtig greifbar, andere sind zu banal oder zu grotesk, um den Zuschauer völlig zu umgarnen. Man kann sich die sieben Filme ansehen, ohne seine Zeit zu verschwenden. Doch muss man sich im Klaren darüber sein, dass zwischen Zuschauer und Film (fast) immer ein unüberwindbarer Graben bleibt, der den Zuschauer daran hindert, mit den Kurzfilmen eine ehrliche Freundschaft zu schließen.