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In den Achtzigern machten sich Regisseure wie Tony Scott mit „Begierde“ und Kathryn Bigelow mit „Near Dark“ daran, dem Vampirfilm neue Impulse zu verleihen und Joel Schumacher steuerte hierzu „The Lost Boys“ bei.
Der Titel spielt bereits auf „Peter Pan“ an, denn auch dessen verlorene Jungs sind eigentlich Outlaws, die unbeaufsichtigt tun, wozu sie gerade Lust haben – nur auf nette Weise. Die Vampire hier sind so etwas wie ihre bösen, erwachseneren Brüder, eine Rockergang unter der Führung von David (Kiefer Sutherland). Dass es sich dabei um Vampire handelt, wird explizit erst später gesagt, doch was die Jungs in Wahrheit sind ist sofort klar, sobald ein ihnen feindlich gestimmter Wachmann des Nächtens getötet wird.
Der Spielplatz der Vampirrocker ist das Küstenstädtchen Santa Carla mit seinen verschrobenen Einwohnern, in das die Brüder Michael (Jason Patric) und Sam Emerson (Corey Haim) mit ihrer Mutter Lucy (Dianne Wiest) nach deren Scheidung ziehen. Die sonderlichen Bewohner sorgen gelegentlich für Komik, gerade der Großvater mit seinem Faible für ausgestopfte Tiere und seinem Hass auf Technik bewegt sich gelegentlich am Rande einer Witzfigur, doch der Atmosphäre tut dies kaum Abbruch, da „The Lost Boys“ zu den modernen Vampirfilmen zählt, die nicht mehr so sehr auf klassischen Grusel setzen.

Die Brüder kommen mit dem Phänomen Vampirismus auf unterschiedliche Weise in Kontakt: Sam schließt Freundschaft mit den Frog-Brüdern Edgar (Corey Feldman) und Alan (Jamison Newlander), die beide den Braten riechen, während sich Michael Davids Rockergang anschließt…
„The Lost Boys“ reflektiert alte Vampirmythen und Geschichten zwar, doch im Grunde genommen ist auch Joel Schumachers Blutsaugermär streng den Gesetzen des Genres verpflichtet: Eine Hauptfigur wird gebissen und muss sich nun den Verlockungen der ewigen Jugend (von der auch die verlorenen Jungs in „Peter Pan“ träumen) erwehren, dabei helfen natürlich Freunde und Verwandtschaft. Die zu rettende Weiblichkeit darf nicht fehlen, doch insgesamt erzählt „The Lost Boys“ die Story etwas mutlos: Sämtliche Vampiropfer sind kleine Nebenfiguren, die nur zum Opfern da sind, kein Sympathieträger gerät hingegen in ernsthafte Gefahr und auch der deus ex machina hilft teilweise sehr dreist (vor allem bei der Zerstörung des Obervampirs).
Doch trotz der im Grunde genommen wenig originellen Handlung ist „The Lost Boys“ ein sehr kurzweiliger moderner Vampirfilm geworden, denn Altbekanntes wird hier flott erzählt. Die Initiationsriten der Vampire sind ungewöhnlich (Mutproben, wie man sie unter Jugendlichen kennt), die Attacken auf Opfer sind gut verteilt, sehr zurückhaltend inszeniert, wenngleich sie etwas spannender gemacht sein könnten. Nebenher finden sich noch interessante Anspielungen auf Vampirmythen, denn die Charaktere von „The Lost Boys“ kennen sich durch Medien bereits sehr gut damit aus, sodass in einigen Szene sehr mit diesen Motiven gespielt wird (z.B. bei der Überprüfung eines Verdächtigen während eines Abendessens).

Zudem ist Joel Schumachers Zitatencocktail (schon die Anspielung auf Edgar Allan Poe durch die Namen der Frog-Brüder ist mehr als deutlich) optisch wie akustisch sehr ansprechend umgesetzt. Interessant bebildert kommt der Film daher und bringt nette optische Ideen wie Angriffe aus Vampirperspektive oder Fledermaus-ähnlich von der Decke hängende Blutsauger mit sich, während im Hintergrund ein stimmiger, leicht rockiger 80er Jahre Soundtrack erklingt.
Jason Patric als sich wandelndes Vampiropfer spielt auch ziemlich überzeugend, da wirkt Corey Haim als kleiner Bruder nicht ganz so eindrucksvoll. Die besten Performances liefern jedoch Kiefer Sutherland als charismatischer Chefrocker und Corey Feldman als vorlauter Frog-Bruder mit großer Klappe ab, doch auch der Rest der recht prominenten Darstellerriege spielt ziemlich gut.

Alles in allem ist „The Lost Boys“ eine schick bebilderte Frischzellenkur für den Vampirfilm, der das Genre zwar nicht erfindet, aber mit Witz und Zitatenreichtum auch ohne große Innovationen unterhält.

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