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Harrison Ford spielt einen Staatsanwalt, der mit den Ermittlungen an dem Mord einer Kollegin betraut wird. Da er mit dieser einst eine Affäre hatte, wird er schnell zum Hauptverdächtigen und als dann auch noch ein Bierglas mit seinen Fingerabdrücken am Tatort gefunden wird und weitere Indizien auftauchen, kommt es zur Anklage. Während der Verhandlung lösen sich mehr und mehr der Indizien in Luft auf und schließlich kommt Ford der grausame Verdacht, wer der eigentliche Täter sein könnte.

Im Wesentlichen beschäftigen sich alle Justiz-Thriller mit Recht, Unrecht, Ethik und Moral, so auch "Aus Mangel an Beweisen". Sonst geht man entweder mit der Perspektive eines Juristen, eines Angeklagten, oder eines Opfers an die Sache heran und im Fall von "Aus Mangel an Beweisen" schafft man es alle drei Rollen in der Hauptfigur zu vereinen, die als Staatsanwalt arbeitet, Opfer eines Irrtums wird und sich schließlich als Angeklagter vor Gericht wieder findet. Und im Wesentlichen ist es genau das, was "Aus Mangel an Beweisen" über das Niveau eines 0815-Justizthrillers hinaushebt. Schon bei der Eröffnung durch die deutsche Stimme von Harrison Ford wird klar, worum es im Groben geht und nach zwei Stunden gelungener Unterhaltung schließt genau diese Stimme den Film mit dem Schluss-Plädoyer ab und lässt dem Zuschauer selbst die Wahl, über Recht und Unrecht, ob Ford eigentlich Schuld an dem Tod seiner Kollegin hat, oder ob diese selbst ihren grausamen Tod zu verantworten hat, da sie im Leben mehr Täter als Opfer war. Mit dieser Vielfalt an Perspektiven entsteht ein rundum überzeugender Justiz-Thriller.

Regie führte Alan J. Pakula, der mit "Sophies Entscheidung" und "Die Unbestechlichen (1976)" bereits zwei wirklich gelungene Werke inszenierte. Und auch an "Aus Mangel an Beweisen" gibt es nicht viel auszusetzen. Am Anfang lässt sich Pakula Zeit, um die Charaktere sauber zu konstruieren und beginnt dann allmählich den Staatsanwalt in die Opfer-Rolle zu drängen, geht dabei aber so langsam, vielleicht auch ein bisschen zu behäbig, vor, dass er dabei permanent die Spannung steigern kann. Den Mittelteil inszeniert er ohne größere Schwächen und hält so die Spannung aufrecht, zumal er geschickt die Dramatik steigern kann. Am Ende gibt es dann dutzende überraschende Wendungen und gleich mehrere Auflösungen hintereinander, die Pakula nicht ganz so schockierend auf die Leinwand bekommt, dass sie wirklich verstören können, aber drin gewesen wäre es bei der starken Story allemal gewesen. Nach diesen überraschenden Auflösungen lässt er den Zuschauer nach einem kurzen Schlusswort mit dem Abspann allein und gibt so noch den einen oder anderen Denkansatz, wie man ihn sich von Filmen des Genres erhofft. Auch wenn das Ende dramaturgisch nicht ganz so gut gelungen ist, wie es hätte werden können, kann Pakula mit dieser Leistung im Großen und Ganzen zufrieden sein, denn unterhaltsam ist das Werk mit dem ordentlichen Spannungsbogen allemal.

Harrison Ford war gerade zum Zeitpunkt von "Aus Mangel an Beweisen" an einem wichtigen Wendepunkt seiner Karriere, an dem er nach seinem vorerst letzten "Indiana Jones"-Teil mehr und mehr vom Action-Darsteller zum Charakterdarsteller wurde. Er spielt leider nicht so gut, wie in seinen letzten Charakterrollen, wie in "Der einzige Zeuge", spielt seine Figur aber sympathisch genug, um den Zuschauer auf seine Seite zu ziehen. Außerdem stimmt bei ihm die Mischung aus innerer Zerrissenheit und äußerer Ruhe, die jegliche Form der Überdramatisierung verhindert. Der übrige Cast ist komplett ordentlich besetzt. Über die starke Auflösung und die finale Frage nach der Schuld hinaus bleibt der Film die ersten 90 Minuten leider komplett im konventionellen Rahmen und bietet nichts, was man nicht schon einmal in einem anderen Justiz-Thriller gesehen hätte. Spannung kann zwar aufgebaut werden, aber bis kurz vor Schluss bleibt leider das Gefühl, dass man nur einen 0815-Thriller zu Gesicht bekommt. Die Beziehung von Ford und seiner Frau wird dabei sehr lang und ausgiebig behandelt, wodurch der Film zu allem Überfluss teilweise ein bisschen ausgebremst wird, wobei diese nähere Betrachtung der Hauptfigur für die Auflösung sehr wichtig ist. Vielleicht hätte Pakula noch ein bisschen Zeit mehr verwenden sollen, um tiefere Einblicke in die Mühlen der Justiz zu gewähren, aber man kann eben nicht alles haben.

Fazit:
Auch wenn er bis kurz vor Schluss in konventionellen Bahnen bleibt, ist "Aus Mangel an Beweisen" ein überdurchschnittlicher und rundum unterhaltsamer Justiz-Thriller mit einem überraschenden Finale, dass allerhand Fragen über Schuld und Gerechtigkeit aufwirft und die Antwort dem Zuschauer überlässt. Handwerklich ist er zudem stark gelungen und auch der Cast kann sich sehen lassen, deshalb eine klare Empfehlung.

72%

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