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Bildgewaltiges Erzählkino zu produzieren ist schon eine Kunst für sich, die nur noch wenige beherrschen. Anthony Minghella gehört sicherlich dazu, auch wenn er die Tendenz verinnerlicht hat, alles mit breitgefächertem Drama zu ersticken. Aufgrund einer daraus resultierenden opulenten Zähigkeit etwa, ist der oscargekrönte „englische Patient“ vielen nicht unbedingt in unterhaltsamster Erinnerung geblieben.

Jetzt also nun „Cold Mountain“, die dramatisch-tragische Geschichte zweier Menschen, die sich gerade ineinander verliebt hatten, als der Bürgerkrieg sie trennte. Während sie sich nun, des harten Überlebenskampfs unkundig mit einer schnoddrigen Hilfe durch die Winter kämpft, macht er sich desertierend aus dem verlorenen Krieg davon, stets gejagt von Bürgerwehren, die Fahnenflüchtige aufgreifen und umbringen.

Stoff genug für ein gewaltiges Epos, Schauspielerriege und Lauflänge bestätigen dies eindrucksvoll und wer sein Herz für Drama a la „Gone with the Wind“ erwärmen kann, der wird sich eine schöne Zeit machen können mit diesem Film, der allerdings mit ein wenig mehr Realitätsanspruch zu Werke geht und bisweilen blutig und direkt die Schrecken der Kriegszeiten visualisiert.

Den echten Schlachtenlärm gibt’s nur am Anfang, aber gerade da zeigt sich dem Publikum der vermutlich brutal-direkteste Infight, seit Spielberg die Normandie erstürmen ließ; Soldaten, ineinander verkeilt, schießend, stechend, von Kameraden zerstampft in Schlammlöchern, die sich in Blutbäche verwandelt haben. Davon hat Jude Law als schweigsamer Inman die Nase voll und das Herz läuft ihm wohl über (was wir später erfahren) und so macht er sich auf den Weg, rettet eine schwangere Sklavin, bestraft einen Reverend, wird gefangen, kommt frei, wird gesundgepflegt und leistet einer jungen Witwe kurz Gesellschaft, die allein mit ihrem Kind zurückgelassen wurde.

Episode reiht sich an Episode, doch Kommentare verkneift sich das Drehbuch, da stehen die Bilder erfreulicherweise für sich allein. Etwas geschlossener kommt da schon der Werdegang Adas (Nicole Kidman) daher, die sich, erst lebensunfähig, dann von Renee Zellwegers Ruby angeleitet, im Leben langsam aber sicher durchbeißt.

Es ist eine deutlich ungewöhnliche, nicht gerade hollywoodeske Liebesgeschichte und trotz dieser ungewöhnlichen Darstellung kommt leider keine Frische ins Genre. Der Film leidet beträchtlich unter diesen Hauptfiguren, die man praktisch entschlüsseln muß, wenn sie nicht vor der Kulisse der einzelnen Episoden untergehen sollen. Weder verdeutlicht sich die ungewöhnliche Anziehung zwischen den beiden, noch kommen sie als Charakter dem Publikum nahe. Geziert ist die beste Umschreibung für Kidman, verschlossen trifft es bei Law am besten.

Und so wirkt Renee Zellwegers Auftritt nach einer guten Dreiviertelstunde dann auch wie der nötige frische Wind. Als wind- und wettergeprüfte Frau der Tat mit rotzigem Mundwerk reist sie mühelos jegliche Szene an sich, obwohl sie es mit leichtem Overacting des öfteren übertreibt. Dennoch ist das ein wohltuender Gegensatz zu der marmornen Kidman, deren Charakter sich an diesem weiblichen Gegenpol erfrischend abarbeiten kann, um so menschlicher zu wirken. Law wiederum hat meistens nur herumzustehen und starr in die Schrecken der Zeit zu starren, aber wirkliche Tiefe ist nirgendwo zu entdecken.

Erzählerisch führt der Film zu einem Höhepunkt, der praktisch in der ersten Viertelstunde bereits angedeutet und dann mehr und mehr etabliert wurde. Ist das Wiedersehen der Liebenden an sich schön spröde geraten, geht es dann in der letzten halben Stunde auch mal an die Geständnisse des Herzens.
Leider geraten gerade diese Dialogszenen zum hölzernsten und unrealistischsten des ganzen Films und wollen nun so gar nicht zu den Menschen passen, die wir da seit zwei Stunden verfolgt haben.
Und natürlich muß auch noch die Wendung ins Dramatisch-Moralisch-Tragische kommen, denn ohne Tragödie kann Minghella wohl nicht. Das wohlgeordnete Quasi-Happy-End ist damit aber nicht mehr zu verhindern.

Wären da also nicht zwei unerschließbare (oder unnahbare) Hauptfiguren, hätte der Film einen großen Stein im Brett haben können, denn wenn mal eine Botschaft anklingt, dann transportieren sie die Bilder und sie wird extra ins Bild gehängt, damit der Letzte sie noch bemerkt. Die Nebenrollen jedoch, Zellweger, der stets famos Philip Seymour Hoffman und Nathalie Portman in einer bemerkenswert intensiven Sequenz, erwecken den Film an den richtigen Stellen zum Leben, können den einen oder anderen Blick zu Uhr jedoch nicht verhindern.

Wer immer sich, mit großen Augen, tatenlos in diese Geschichte versenken kann, um mitzuleiden und ein paar Tränchen an gewissen Stellen zu verdrücken, der findet sicher einen Meilenstein der jüngeren Kinozeit in „Cold Mountain“.
Alle übrigen werden nur sich mit einem ansatzweise romantischen Bürgerkriegsdrama rumschlagen müssen, bei dem die Identifikationsfiguren einfach keine Funken schlagen.(7,5/10)

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