Review

"Drei-Taschentücher-Film" ? - Frauenfilm ? - So eine Art "Bunte" fürs Kino ?

Tränenreich erzählte Schmonzetten über die Irrungen und Wirrungen der amerikanischen High-Society, wer will so etwas heute noch sehen ? - In den 50er Jahren war das ja ein gut gehendes Genre und so erstaunt es nicht, daß in dieser Phase das "Melodrama" im amerikanischen Kino Hochkonjunktur hatte.

Besonders Regisseur Douglas Sirk tat sich dabei hervor, der beginnend mit "Die wunderbare Nacht", über "Was der Himmel erlaubt" bis "Solange es Menschen gibt" eine Vielzahl dieser kitschigen Geschichten erzählte und bis heute als "Vater" dieser Gattung zählt. Doch ist diese Sichtweise nicht etwas oberflächlich ?

Das "Drama" an sich ist die Urgattung des Theaters und auch der beginnenden Filmkunst. Im Drama sind sämtliche Stilmittel miteinander vereint - ob Komödie oder Trauerspiel - wie man schon am lachenden und weinenden Auge des Bajazzo erkennen kann, wurden immer beide Seiten berücksichtigt - das Eine funktionierte nicht ohne das Andere.

Begriffe wie "Tragikomödie" sind Worterfindungen der Neuzeit und sollen uns im Zeitalter der Kategorisierung auf bestimmte Inhalte vorbereiten - früher waren Komödien immer Tragikomödien, heute muß der Konsument extra darauf hingewiesen werden, daß es in einer Tragikomödie eben auch traurige Momente gibt. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff "Melodrama", der im Grunde eine Steigerung des Dramas bedeutet, also noch ernster, noch tragischer, noch viel schlimmer...Auf die Idee wäre Euripides nie gekommen, dessen Theaterstücke vor mehr als 2000 Jahren an Tragik nicht zu übertreffen waren und bei denen es sich trotzdem "nur" um klassische Dramen ,Unterbegriff Tragödie, handelt.

Das "Melodrama" ist ein Kunstbegriff der Neuzeit, inzwischen allgemein verwendet für besonders tränenreich geschilderte Dramen. Doch Douglas Sirk ist nicht der "Vater" dieser Gattung, sondern sein einziger Vertreter. So wie er seine Filme gemacht hat ,deren gemeinsame künstlerische Handschrift immer deutlich zu erkennen ist, so hat kein anderer Regisseur ähnliche Themen umgesetzt, außer er hat Sirk bewußt zitiert. Die Art wie Sirk seine Geschichten erzählte ist einmalig und wenn man diesen Filmen die Kategorisierung "Melodrama" unbedingt hinzufügen will, dürfte man keinen anderen Film so bezeichnen.

Allein an dieser Feststellung kann man erkennen, daß es sich bei dieser Art Film um eine Besonderheit handelt, bei der eine Betrachtung von Sirks Lebenslauf notwendig ist. Sirk wurde als Detlef Sierck in Hamburg geboren und beschäftigte sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts vor allem mit Theater, bevor er in Deutschland in den 30er Jahren zu Filmen begann. Verheiratet mit einer Jüdin stand er von Beginn an mit den Nazis auf Kriegsfuß, nutzte aber noch den Freiraum, den er unabhängig von braunen Einflüssen bei der UFA hatte.

Doch 1937 war damit Schluß und er nutzte seinen letzten in dieser Zeit gedrehten Film, um - nachdem man ihm schon den Paß abgenommen hatte - aus Deutschland zu fliehen. Paradoxerweise machten seine beiden letzten für die UFA gedrehten Filme "Zu neuen Ufern" und "Habanera" Zarah Leander zum großen Star, die ja von den Nazis darauf hin als Marlene Dietrich Ersatz mißbraucht wurde. Diese wollten deshalb Sierck auch mit offenen Armen wieder aufnehmen, aber er kam nicht mehr zurück...

Betrachtet man die beiden Filme, so erkennt man schon deutlich seine Handschrift. Beide Filme ragen weit über das sonstige Niveau ähnlich gearteter Filme hinaus, trotz Verwendung damals üblicher Versatzstücke wie eine dramatische Handlung, musikalische Einlagen und heroische Leistungen von Deutschen. In Hollywood benötigte der sich jetzt Douglas Sirk nennende Regisseur einige Jahre bis er - nachdem er Abstand davon genommen hatte, Anfang der 50er Jahre wieder nach Deutschland zurück zu kommen (er fand die Menschen hier immer noch unverändert) - seine Stilrichtung bis zur Perfektion weiter führen konnte.

Betrachtet man seine liberale, sehr eigenständige und intellektuelle Geisteshaltung, verbunden mit einer hervorragenden handwerklichen Fähigkeit, so verbietet es sich schon von vornherein seine Filme als reinen Kitsch oder "Tränendrüsen"-Film abzutun, auch wenn sie scheinbar so angelegt sind.

Da macht auch "In den Wind geschrieben" keine Ausnahme, in deren Mittelpunkt eine Familie steht, die durch Öl schwer reich wurde. Während das Familienoberhaupt die Geschäfte leitet, führen seine Kinder Kyle (Robert Stack) und Marylee (Dorothy Malone) ein neureiches Lotterleben ohne jegliches Verantwortungsgefühl. Schon früh hatte das Familien-Oberhaupt seinem Sohn den Farmersohn Mitch (Rock Hudson, der auch durch Sirk zum Star wurde),einen Jungen aus der Umgebung, zur Seite gestellt, der fast wie ein Bruder mit Kyle und Marylee aufgewachsen ist.

Doch Mitch hat sich ganz anders entwickelt. Er hat studiert und leitet den Ölkonzern als Geologe in verantwortlicher Position, immer bemüht mögliches Unheil von Kyle fern zu halten, der hauptsächlich durch Frauengeschichten auffällt und sich betrinkt. Marylee, die in Mitch unglücklich verliebt ist, lebt sich auch meist dadurch aus, irgendwelche Kerle aufzureißen und mit ihnen ins Bett zu gehen.

Zu dieser Konstellation tritt noch Lucy (Lauren Bacall) hinzu, die Kyle über Mitch kennenlernt und ihn spontan heiratet. Mitch hatte sich ebenfalls in sie verliebt, muß aber ohnmächtig mit ansehen, wie Kyle sein glücklichstes Jahr verlebt, aber Sirk wäre nicht Sirk, wenn er den Samen, den er zuvor gesät hatte, nicht aufgehen ließe...

Die weiteren vielfältigen Wendungen nehmen immer den möglichst negativsten Weg, ohne das man sagen könnte, daß es nicht stimmig wäre, aber in dieser Vielzahl wirkt es fast erschlagend. Nur - was unterscheidet diesen Film von Machwerken, die uns scheinbar ähnliche Geschichten erzählen ?

Zuerst einmal die Bildsprache, deren Optik einmalig zu nennen ist. Jedes Detail ist von absoluter Perfektion, die Farben sind so kräftig, die Atmosphäre so dicht (alleine der Blick in den diffusen Morgen-Himmel über die Bohrtürme hinweg ist von einmaliger Schönheit), die Personen sind so perfekt angezogen oder geschminkt, daß der Film eine artifizielle Schönheit ausstrahlt, die vollkommen Sirks Gestaltungswillen untergeordnet ist. Die Bilder wirken nicht real, selbst bei Außenaufnahmen z.B. an dem kleinen See, fragt man sich, ob dieser extra für den Film angelegt wurde, so wenig natürlich wirkt er.

Sirk geht andere gestalterische Wege als andere Filmkünstler seiner Zeit, wie z.B. Michelangelo Antonioni. Auch dieser kreiert seine Szenen, aber er bevorzugt Schwarz-Weiß, um damit eine starke Sachlichkeit zu erhalten. Sirk ist das Gegenteil von Sachlich, er schwelgt regelrecht in Farben und Dekors, er erhebt den Kitsch zu einer Kunstform.

Bei der szenischen Abfolge geht er deshalb den entgegengesetzten Weg, er kürzt ab. Gerade weil die Story voller übertriebener Elemente ist mit möglichst tragischem Hintergrund, beschränkt er sich hier auf das Wesentliche. Der Film beinhaltet ausschließlich wichtige Szenen, zwischen denen manchmal bis zu einem Jahr Zeit vergangen ist. Das erfährt man aber nur durch die Dialoge, Sirk vermeidet jegliche Überleitungen, Szenen aus dem Off oder irgendwelche inhaltlichen Überblicke.

Deshalb erzählt er in seinem 90minütigen Film ein Drama, für dessen Inhalt normalerweise drei Fortsetzungen notwendig wären .Gerade diese Dichte erzeugt manchmal den Eindruck von erzählerischer Überbordung, entfernt sich aber gerade dadurch von der normalen Kitsch-Literatur, die sich ja üblicherweise ewig an Unwichtigem aufhalten kann. Das vermeidet Sirk vollkommen, selbst bei Sterbeszenen hält er nur so lange drauf, bis der Tod eintritt, nichts wird ausgespielt - die nächste Szene spielt dann schon nach der Beerdigung.
Das Timing ist einfach überragend und vermeidet jegliches über die Story hinausgehende Kitsch- und damit unangenehme Gefühl.

Jetzt könnte man zu Recht anmerken, daß ein künstlerisch durchkomponiertes Werk noch lange keinen guten Kinofilm ausmacht. Doch nicht ohne Grund waren seine Filme in den 50er Jahren so erfolgreich, er trifft den Nerv. Trotz der darstellerischen Übertreibungen wirken alle handelnden Personen glaubwürdig, die tragischen Verwicklungen sind psychologisch nachvollziehbar und mitreißend - Sirk unterhält, lenkt vom Alltag ab und hinterläßt einen mit einem melancholischen Gefühl - Sirk war ein Pessimist und das spürt man.

Gerade der Erfolg beim "normalen damaligen Kinobesucher" hat lange den Blick verdeckt auf die künstkerisch überragende Leistung und hat auch dazu geführt, daß er in Vergessenheit geraten ist. Mit "In den Wind geschrieben" wurde jetzt erstmals eines seiner Meisterwerke - übrigens in sehr guter Umsetzung - auf DVD veröffentlicht und ich hoffe nur, daß bald weitere folgen werden.

Fazit : unterschätztes Meisterwerk aus den 50er Jahren von einem der besten Regisseure seiner Zeit. Die äußerlich kitschig wirkende Thematik verdeckt die Intention und die künstlerisch sehr eigenständige Umsetzung. Sirk entwickelt eine Bildsprache und erzählerische Strukturen, die bis heute stilbildend und vorbildhaft geblieben sind.

Trotz dieses deutlich artifiziellen Ansatzes waren seine Filme in den 50er Jahren sehr populär, eine seltene Allianz. Die Themen, die er damals für seine Filme verwendete, sind heute nicht mehr aktuell und wirken vordergründig altmodisch, doch das sollte Niemanden, der sich ernsthaft mit Filmkunst beschäftigt ,abschrecken.
Mich haben seiner Filme auch immer berührt und Freude bereitet (10/10).

Details
Ähnliche Filme