Review

Jean Genet ging es bei seinem Ausflug in die Kunstform des Films weniger um die Umsetzung von homosexuellen Phantasien in erregenden Bildern, sondern - und das klingt im Titel "Ein Liebeslied" bereits an - in erster Linie um die reine, nicht körperliche Form der Liebe, die hinter den manchmal sehr erotischen Bildern steht. Diese Liebe wird jedoch fast den gesamten Film lang niemals ungehindert ausgelebt werden, denn Genet inszeniert in seinem in s/w gedrehten, tonlosen Kurzfilm den Versuch einer Liebe und Kontaktaufnahme in Isolation und Gefangenschaft.

Zuerst zeigt Genet einen Gefangenen, der mit einer Schnur einen Blumenstrauß durch das Fenster seinem Nachbarn zuschwingen will und die Wächteraugen, die diesen Vorgang zur Kenntnis nehmen. Darauf folgt immer wieder der Blick des Wächters durch diverse Gucklöcher auf einsame Liebesspiele in den Zellen und Zärtlichkeiten durch die dicken Gefängnismauern hindurch. Ein muskulöser Mann im weißen Unterhemd streichelt zärtlich seine Tätowierungen, ein Farbiger onaniert ungehemmt in einem bizarren Tanz der Verzückung, zwei Gefangene blasen sich mit einem Halm durch ein Loch in der sie trennenden Mauer liebevoll Zigarettenrauch hinüber... Der fortwährende Blick des Wärters dient kaum der Überwachung sondern der bloßen Befriedigung seiner eigenen (uneingestandenen?) homoerotischen Phantasie. In einem sexuell sehr eindeutigen Bild schiebt er einem Gefangenen den Lauf seiner Waffe in den Mund (womit Genet einen Schritt weiter geht und eine krasse Ausnutzung von Macht in Szene setzt). Es folgen gegen Ende die Wunschträume des Gefangenen, die zwei nackte, sich im Liebesspiel befindende Männer zeigt - in paradiesischer Natur und festgehalten in schönen Weichzeichneraufnahmen die in Bilder übergehen, die ausschließlich die körperliche Schönheit festhalten.

Genets Film enthält zwar einige für die Zeit recht krasse Szenen, wirkt aber ausnahmslos zärtlich und es scheint als habe Genet vor lauter Unbekümmertheit seine Tabubrüche überhaupt nicht bemerkt. Skandale gab es wegen des Films natürlich immer wieder mal... in den USA wurden noch in den 60er Jahren Vorführer dieses Films verhaftet (Jonas Mekas etwa wollte mit den Einnahmen aus der Vorführung den Underground-Kurzfilm "Flaming Creatures" unterstützen und wurde dummerweise für sein Engagement für beide Filme vor Gericht zitiert.) Schon drei Jahre vor Genets einzigem Film waren in Kenneth Angers "Fireworks" (1947) - ein Kurzfilm über sadomasochistische Phantasien eines Homosexuellen - ähnliche radikale Bilder zu sehen, die vermutlich nicht völlig ohne Einfluss auf Genet geblieben sein dürften.

10/10

Details
Ähnliche Filme