Review

Don Siegels "Dirty Harry" (1971) ist ein sorgfältig inszenierter, rasanter Reißer, in dem Clint Eastwood den zielstrebigen Inspektor Harry Callahan gibt, dem der Zweck die Mittel heiligt. Siegel hatte in diesem Klassiker des Polizeifilms zwar auch immer wieder die Gegenseite (in Form von Vorgesetzten und Anwälten) zu Wort kommen lassen, der Erfolg von Harrys Methoden und die überzeichnete Niederträchtigkeit des Bösewichts fördern letztendlich jedoch die Annahme, dass rüde Verhörmethoden erstrebenswert wären, zumal die Kritiker von Harrys Methoden im Film auch nicht immer die sympathischsten Figuren sind - Siegel stellt sie zum großen Teil als realitätsferne Schreibtisch-Elfenbeinturmler hin. Kritische Untertöne klingen insgesamt nur selten an. Dank Siegels Regieleistung ist der Streifen jedoch eine packende und kurzweilige Manipulationsmaschine, die sich völlig zu Recht ihren Klassikerstatus gesichert hat.

Ein zweiter Teil lag auf der Hand, und der Inhalt der Fortsetzung verspricht zunächst [Achtung: Spoiler!] einen höheren Grad an Reflexion, der Harrys Methoden etwas ambivalenter zeichnen könnte: "Magnum Force" handelt von einer Vereinigung von Polizisten, die das Gesetz in ihre Hand nehmen und gefährliche Straftäter ohne Vorwarnung über den Haufen knallen. In der Angelegenheit darf dann ausgerechnet Harry Callahan ermitteln, der nach und nach auf die Wahrheit stößt und erkennen muss, dass sich die Verschwörung bis in höchste Kreise erstreckt.
Der Plot an sich hätte also genug Momente um den Film weniger problematisch als den Vorgänger werden zu lassen. Tatsächlich jedoch wird die ideologische Schiene des ersten Teils noch bekräftigt.
Ted Post (der mit seiner "Planet of the Apes"-Fortsetzung bereits schonmal einen nicht unproblematischen Vorgänger mit ideologischen Verschlimmbesserungen ausgestattet hat) beweist einmal mehr, dass er ein solider Regie-Routinier ist (so glänzt er hier etwa mit einer Combat-Sequenz, in der Harry versehentlich auf einen Papp-Polizisten schießt, was einen Vorgeschmack auf die folgenden Kämpfe in den eigenen Reihen bietet), ist aber wieder mit einem tendenziell ärgerlichen Drehbuch geschlagen, an dem diesmal Michael Cimino und John Milius, der für seine etwas befremdlichen Ansichten spätestens seit "Conan the Barbarian" (1982) berüchtigt ist, mitgearbeitet haben.

Dass der Film die Struktur des Vorgängers übernimmt (also Harry zunächst bei anderen Einsätzen begleitet, ihm wieder einen neuen Partner an die Seite stellt) ist zwar nicht sonderlich originell, aber verzeihlich und in den meisten Filmreihen anzutreffen. Ärgerlich ist jedoch der Umstand, dass Harry angesichts der Vorfälle extremster Polizeigewalt nicht die eigenen Methoden reflektiert. Dass der Weg von Harrys Folterverhören und seinem nicht immer notwendigen Griff zur Waffe bis zur Selbstjustiz seiner Kollegen nicht weit ist, wird hier nie thematisiert. (Man achtet nur darauf, dass Harrys Methoden im Vergleich zu Siegels Original nicht so ganz offensichtlich krude erscheinen und beschränkt sie auf unbekümmerten Gebrauch der Schusswaffe und Gehorsamsverweigerung gegenüber seinem Vorgesetzten - der am Ende des Films ohnehin als Schuldiger entlarvt werden kann; Harrys Verhalten wird somit wieder mal dramaturgisch legitimiert. Aber diesmal erfoltert er sich keine Geständnisse, verweigert nicht das Recht auf einen Anwalt usw., was aber kaum ins Gewicht fällt: schließlich knüpft der Film direkt an den Vorgänger an ohne einen Gesinnungswandel des Helden zu präsentieren und muss sich daher die Vorwürfe gefallen lassen.)
Der Film will keinen Prozess der Selbsterkenntnis schildern, der bei dem Stoff so naheliegend wäre (der Held erblickt in seinen Gegnern eigene Züge und durchläuft daraufhin eine Veränderung) - damit hätte man sich aber freilich auch die Möglichkeit zugkräftiger Fortsetzungen verscherzt, denn "Dirty Harry" ist nunmal interessant, weil er "dirty" ist.
Der Film will viel mehr zwei Formen von Polizeigewalt gegenüberstellen (die von Harry und die der geheimen Organisation), von denen sich die eine als tadelnswert, die andere als lobenswert erweist. Stärker als der erste Teil befürwortet "Magnum Force" also Harry Callahans Methoden, gleichwohl er unter dem Deckmantel der Kritik an Selbstjustiz und Polizeigewalt daherkommt. Selbstjustiz, so legt es der Film nahe, ist gut oder schlecht, je nachdem wer sie ausübt und warum er sie ausübt. Diese perfide Strategie unterstützt Post dann auch noch durch inszenatorische Kniffe, wie etwa dem Umstand, dass die mordenden Polizisten zu Beginn gesichtslose - und damit auch emotionslose, nicht menschliche - Unbekannte sind. Als uniformierte Gesichtslose, von denen man meistens nur Beine, Unterleib, schwarze Handschuhe oder die großen undurchsichtigen Sonnenbrillen (in denen sich manchmal gleich das komplette Filmteam spiegelt) sieht, erscheinen sie weit bedrohlicher, als Harry Callahan, der sein sonderbares Charisma versprühend immer als Sympathieträger fungiert. Gänzlich unschuldig ist er als Regisseur also nicht.
Hinzu gesellen sich noch kleinere Elemente, die nicht minder fragwürdig sind, jedoch weniger Raum einnehmen. So äußert Harry einmal, dass alle Kollegen schwul sein könnten, solange sie bloß gut schießen würden, und begegnet so dem latent homophoben Kommentar eines Kollegen - dass diese scheinbar großzügig-tolerante Einstellung nicht weniger homophob ist, verwundert zwar angesichts der Konzeption von Harry Callahans Charakter nicht sonderlich, jedoch wird seine Homophobie hier verschleiert, während sie im Vorgänger offen und ehrlich direkt angesprochen wird. Auch die Figur von Harrys Nachbarin - eine exotische Schönheit, die bei der ersten Begegnung wissen will, was man tun müsse, um mit ihm schlafen zu können - ist wohl weniger Bildnis einer selbstbewussten, sexuell freien, modernen Frau (eine an sich zulässige Lesart, die hier jedoch unglaubwürdig geraten würde, da die Frau einzig und allein auf ihre Schönheit und ihre willige Hingebung reduziert wird, ohne dass es sich jedoch um einen expliziten Sex- oder Erotikfilm handeln würde, in dessen Kontext Fantasien ja ganz anders konnotiert sind), sondern eher die Männerfantasie einer immer willigen Schönheit.

Inhaltlich ein noch größeres Ärgernis als der schon bedenkliche Vorgänger, kann der Film trotz aller Routine Posts auf formaler Seite nur sehr wenig reißen. Aus ideologischer Sicht ist "Magnum Force" vielleicht der fragwürdigste Teil der Reihe, in der ausgerechnet Clint Eastwood selbst mit "Sudden Impact" (1983) die ausgereifteste Thematisierung der Selbstjustiz bietet (die allerdings auch nicht rundum erfreulich geraten ist: deutlich intelligenter als alles, was die anderen Teile davor und danach geboten haben, aber nicht weniger reaktionär).

Insgesamt ein noch überdurchschnittlicher Polizeithriller (gute darstellerische Leistungen, eine ausgewogene Mixtur aus seichter Action und phasenweise auftretenden Suspense-Schüben, handwerklich ebenso konventionell wie sicher umgesetzt), der - positiv ausgedrückt - seine inhaltlichen Möglichkeiten verspielt, bzw. - negativ ausgedrückt - seine ärgerliche Aussage vorsätzlich zu verschleiern gedenkt. Mit einigen dreckigen Gewaltakten ausgestattet (da trichtert etwa ein Zuhälter einer Frau gewaltsam Rohrreiniger ein) bietet der Film zudem mehrmals aufwühlende Momente.

6,5/10

Details
Ähnliche Filme