Das Drehbuch zu dieser zweiten Dirty - Harry - Auflage stammt immerhin von John Milius und Michael Cimino - einem Rechtsaußen und einem Epiker, um es kurz zu sagen. Mit diesen beiden waren allerdings Kenner und Könner am Werk, und das fällt handwerklich und inhaltlich auf: tolle Action, toller Plot, lücken- und (fast) längenloser Handlungsablauf. Und noch etwas haben die Macher richtig gemacht: sie haben kapiert, dass es nach der denkwürdigen Darstellung des Killers im ersten Teil einer Art wortloser Resozialisierung Harrys bedurfte: die wird hier prompt geliefert, und wohl nur deshalb hatte die Dirty - Harry - Reihe noch eine Chance; Kult oder nicht, Gerechtigkeit hin oder her - ich kann mir keinen Regisseur oder Autor dieser Zeit vorstellen, der das heiße Eisen des ersten Teils noch einmal angefasst und einen neuen Bürgerschreck a la "Skorpion" entworfen hätte.
Ganz folgerichtig also beginnt der zweite Film nur vordergründig ähnlich, schlägt dann aber eine völlig neue Richtung ein: ein stadtbekannter Krimineller kommt wegen der üblichen Ärgernisse frei (die Beweise gegen ihn waren illegal beschafft worden) und wird kurz darauf von einem uniformierten Polizisten während einer vorgetäuschten Verkehrskontrolle hingerichtet. Selbstjustiz ist hier das Thema, aber wir wissen gleich (obwohl sich dem einen oder anderen Zuschauer an dieser Stelle ein Zweifel eingeschlichen haben mag), dass Harry nicht der selbsternannte Rächer sein kann: die Stimme passt nicht, die Uniform schon gar nicht, und außerdem ist Harry der Held - so etwas würde er nicht tun. Hat er auch nicht, er kommt nicht einmal in Verdacht, aber er klärt den Fall auf und kann sich dabei - falls immer noch irgendwer zweifeln sollte - als Vertreter wahrer Gerechtigkeit präsentieren, der weiß, "dass ein Mann seine Grenzen kennen muss". Dieser Satz kommt ein paar Mal vor, und ER ist das Motto des ganzen Films: Das Böse an den Bösen liegt darin, dass sie keine Grenzen akzeptieren; deshalb müssen sie gestoppt werden, und das können sie freilich nur von Harry, nachdem sie vergeblich versucht haben, ihn zu ködern und für einen Gesinnungsgenossen zu halten.
Somit schafft es der Film, gelegentliche unangenehme Beigeschmäcker aus dem ersten Teil geschickt auszugleichen - der Plot beruhigt den Skeptiker, wenn er sieht, dass der Drehbuchautor auch mal auf die Idee kommt, die Übeltäter in den Reihen der Polizei zu platzieren und sie anders aussehen zu lassen als eine Hippie - Stilblüte (einer von den Mördern ist übrigens David Soul, der "Hutch", der später mit dem bekannten "Starsky" zusammen im Fernsehen ermittelte).
Manches hätte hier allerdings auch fehlen dürfen: die Sequenz mit den Motorrädern rund um die alte Lagerhalle (oder was immer das ist) ist zu lang, und ein viel zu großer Teil davon spielt im Dunklen (das sieht einfach langweilig aus); aber vor allem hätte alles fehlen dürfen, was mit dieser völlig zusammenhangslos eingestreuten Affäre von Harry und seiner Hausnachbarin zu tun hat: das will, wenn es so ohne jeden Kontext dem Zuschauer aufgedrängt wird, nun wirklich niemand wissen - aber vielleicht dachte ja jemand, es wird Zeit, dass der toughe Harry mal eine Frau abbekommt. Nun ja, meinetwegen, ich hab nichts gegen Frauen, aber dann hätte die junge Dame eine etwas wichtigere Rolle im Plot verdient gehabt.
Übrigens: Hal Holbrook, der hier den Chef der polizeilichen Finsterlinge spielt, hatte einige Jahre später noch einmal eine ganz ähnliche Rolle, nämlich in Peter Hyams' Film "Ein Richter sieht rot" (der Titel sagt's schon), in dem auch Michael Douglas mitspielte.