Review

Es blobbt mal wieder.
In den seligen 50ern hatten nicht nur die Amis mit ihrem Paranoiakino bei den Rieseninsekten und fiesen Invasoren multiper Statur gemeinsam mit den Japanern in ihren lustigen Monsterkostümen die Nase vorn - nein, die Italiener konnten das auch.
Just also bevor die gesamte Cinecitta-Industrie auf römischen Sandalen davonlief, wurden schon herzhaft Anleihen jenseits der großen Teiche gemacht und damit gar nicht mal so schlecht gefahren. Zumindest kann man den Eindruck gewinnen, wenn man sich die fertige Tiefkühllasagne namens "Caltiki - Il Mostro immortale" mal frisch aus dem Ofen einpfeift.

Heute schaut der geneigte Genrefan vorzugsweise bei "Caltiki" vorbei, weil der göttliche Mario Bava hier erstmals so richtig den Regietaktstock schwingen durfte, ehe er ein Jahr später bei "Die Stunde, wenn Dracula kommt" so richtig gothisch abräumte. Bava hatte den Taktstock von Riccardo Freda in die Hände bekommen, der zwar ursprünglich als Regisseur angedacht war, jedoch mitten in der Produktion entweder ausgetauscht wurde oder die Gelegenheit für den Lehrling als günstig erachtete, je nachdem welcher Quelle man Glauben schenkt.
Die wunderbaren visuellen Qualitäten Bavas kamen bei diesem Monsterheuler noch nicht richtig zum Tragen, aber deswegen ist diese klassische B-SF-Story noch lange kein Rohrkrepierer. Zusammengeklaut ist sie jedoch auf jeden Fall; wer nicht auf beiden Augen blind ist, dem werden die weitläufigen Anleihen bei "Schock / The Quatermass Xperiment" und "The Blob" unweigerlich ins Auge fallen. Aber der Film läuft bei gerade mal 76 Minuten Lauflänge eh über vor Genreverweisen.

So wird man als Zuschauer erst einmal ins Mittelamerikanische versetzt, also ungefähr (genaue Definition fällt flach) dort, wo die Mayas gehaust haben wie die Hottentotten und dann ex und hopp verschwunden sind, bis auf ihre monumentalen Ruinen selbstverständlich. In dieser wunderschönen Dschungel-Studio-Kulisse steht nun das Zelt unserer Helden, die die Überreste zu erforschen planen. Natürlich hat nicht jeder wie unser Held-cum-Wissenschaftler und sein blondfrisiertes Gschpusi nur das Erringen von Erkenntnissen im Sinne, denn Kollege Max lechzt nicht nur dem Maya-Golde sondern auch dem Gschpusi hinterher, obwohl das von seiner Frau/Freundin/Latino-Schönheit mißtrauisch beäugt wird.
Mit im Boot ist auch noch eine nicht im Mindesten wie Mittelamerikaner dreinschauende Folkloretanzgruppe und der titelgebende "Caltiki", der erstmal als monumentale Statue (weiblich oder so) sein Stelldichein gibt - Bava läßt da eine schicke Höhlenszenerie nutzen - und nach einem Höhlentauchgang dann als einzelliger Riesenklumpen den Anwesenden lässig Haut und Fleisch vom Gesicht fressen läßt.

Obwohl die alten Monsterfilme ja angesichts der Kinderschar im Publikum die offensichtlichen Folgen der Bedrohung und ihrer Gewalt nur schildern ließen, hält Bava hier zweimal voll drauf und präsentiert fleischig-schleimig-abgefressene Knochenvisagen. Helau! Anschließend flieht alles in Panik und bringt die zweite hochgradig unterhaltsame Qualität des Films ins Spiel, nämlich auf Nippon-Art mit Spielzeugautos auf die Aldi-Tour geschickt gefilmte Mini-Sets abzufackeln.

Wir konstatieren also: wir haben einen Einzellerklumpen von Lastwagengröße, geröstet (aka "Blob") und in der Folge einen Raffzahn mit abgefressenem Arm, dem die Zellularinfektion alsbald auf den eh schon eingedellten Menschenverstand geht.
Ein Schelm, wer da nicht an den mutierenden Carroon aus dem Quatermass-Klassiker denkt, der auf der Flucht mit seiner Mutantenhand für Angst und Schrecken sorgt. Zwischendurch wird viel gerätselt und trübe geguckt, dann mit einer irre lustigen Wundermaschine das Alter des Klumpens bestimmt und schlußendlich auf Radioaktivität verfallen, unlogisch gepaart mit dem Auftauchen eines Kometen, der auch am Himmel stand, als die Mayas verschwanden (verfrühstückt wurden).

Da Dr.Professor jedoch den Klumpi vom Arm des guten Max zu Frau und Kind nach Hause gebracht hat und Sicherheitsvorkehrungen in Mexiko und Umgebung nicht eben zur Standardausrüstung gehörten, spielt sich zum Finale ein ach so menschliches Drama ab, das dazu führt, daß das ganze Wohnhaus von einer Horde wachsender, blubbernder, sich ausdehnender Schleimklumpen überrollt wird, die übrigens verblüffend gut getrickst sind, auch wenn in den Kostümen sicher Statisten ihr Werk taten.
Bevor dann wieder im großen Stil Flammerwerfer-Zeit ist (unverzichtbar in guten Monster- und Alienfilmen), hat man sich, von gewissen Pausen und Plotlöchern abgesehen, überraschend gut amüsiert, wenn auch die englische Synchro der Italiener dem Geschehen etwas den Ernst nimmt.

"Caltiki" mag ein "Cheapo" gewesen sein, man hat ihn, von den Matchboxautos mal abgesehen, mit sehr viel Sorgfalt inszeniert und in einigen Szenen, bei graphischer Gewalt, der Analyse eines "Found Footage"-Films und dem großen Finale kommt aber durchaus solide Monsterspannung auf, die auch die akute Unlogik der wissenschaftlichen Basis nicht ganz ausmerzen kann. Mit den schön ausgeleuchteten Hintergründen (noch in s/w) blitzt auch sein großes Talent für Atmosphäre durch Licht und Installation bereits auf, zumindest zeitweise.

Alles in allem kein praller Klassiker, aber besser als der zähe und relativ unspektakuläre Original-Blob, irgendwo steckengeblieben zwischen dem Monsterfilm der 40er, den britischen Einflüssen und der großen Zerstörungsskala der Japaner wird daraus ein italienisches Seltenheitsprodukt, das sich durchaus sehen kann, ohne daß man über die Schmerzen den Spaß vergißt (5/10)

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