Neue Langfassung vom 11.07.2025:
Dass diese – nach „Der Vampir von Notre Dame“ (1957) – bereits zweite Regie-Kollaboration von Riccardo Freda und Mario Bava sich anfühlt wie eine alternative Fassung des amerikanischen „Blob“ (1958), ist mit Blick auf die Produktionsdaten beider Filme nicht allzu überraschend. Auch Parallelen zum britischen SciFi-Thriller „Schock“ (1955) hat man in Form wissenschaftlicher Neugier und militärischer Angriffslust schnell gezogen. Blitz und Donner der Hammer Studios sind ohnehin bereits heraufbeschwört, sobald der ausbrechende Vulkan die Pre-Title-Credits mit einem Feuerwerk begleitet. Die italienische Filmszene ist somit treffend im Spannungsfeld zwischen Scary Movies aus der Hollywood-Schmiede und britischem SciFi- und Gothic-Horror eingeordnet.
Heute ist „Caltiki – Rätsel des Grauens“ vor allem der Film, mit dem Bava, eigentlich noch Kameramann, seinen Fuß in die Tür bekam, um sie bereits ein Jahr später als eigenständiger Regisseur des Gothic-Klassikers „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ weit aufzureißen. Noch aber ist seine Identität nicht ausgeformt. Die Handschrift verschwimmt in der gleichermaßen formlosen Bedrohung, dem Titelmonster, einem bakteriellen Klumpen aus dem Maya-Tümpel, verehrt als Gottheit und seziert als biologische Masse. Nicht einmal die Filmgeschichte ist sich sicher, wem sie den Credit für die Inszenierung des Ungetüms zuschreiben soll, das seine Opfer weniger frisst als vielmehr assimiliert.
Wenn man den späteren Bava wiedererkennt, dann wohl am ehesten in den kompromisslosen Spezialeffekten, die für anno ’59 bisweilen überaus drastisch geraten. Totenköpfe, die unter gelatiniertem Gewebe grinsen, faltige Putzlappen, die umschlungene Unterarme nur noch skelettiert freigeben… Derartige Anblicke war man vielleicht in den 80ern durch Remakes wie „Der Blob“ (1988) und „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982) gewohnt, wohl kaum jedoch zur Zeit der Originale. Unzählige Miniaturbauten, in denen pulsierendes Gewebe sich anschickt, von der Inneneinrichtung bis zur guatemaltekischen Wildnis Kulissen jeglicher Größenordnung zu Kleinholz zu verarbeiten, geraten zum Spielplatz für das wilde Austesten von Spezialeffekten.
Wenn man „Caltiki – Rätsel des Grauens“ auf eine Eigenschaft reduzieren möchte, so ist es seine Fähigkeit, unterschiedlichste Perspektiven auf Existenzielles wie ein Saugschwamm zu sammeln, um es dann zu einer Masse zu verschmelzen. Scheinbar mühelos werden mythologische Komponenten mit SciFi-Futurismus verknüpft, Brücken geschlagen zwischen Genres, die sonst oft den Anschein der Autarkie aufrechtzuerhalten versuchen.
Bereits in den ersten Minuten wird man von waghalsigen Bildcollagen übermannt, die kulturelle Relikte, ausbrechende Vulkane und die Unendlichkeit des Himmels zeitgleich einfangen, so als wolle man dem Betrachter andeuten, dass im Grunde alle Unterarten des phantastischen Films dem gleichen Urschlamm angehören. Mathematik und Astronomie, Geologie, Naturwissenschaften, Ursprung und Zivilisation sind in Windeseile auf einen Nenner gebracht. Obwohl in Schwarzweiß gedreht, kann man die Farbkontraste, die man von Bavas späteren Arbeiten kennt, regelrecht entflammen sehen: Das saftige Grün des Dschungels, das tiefe Blau des Himmels, loderndes Orangegelb vom Feuer und zinnoberrote Bauwerke von Menschenhand, nun also püriert zu einem Strudel von Graustufen.
Menschliches Drama bleibt bei alldem natürlich keineswegs außen vor. Die Leinwandpaarungen sind von gezielt disharmonischer Qualität, Konflikte somit vorprogrammiert. Liebe, Schuld, Abhängigkeit und Niedertracht sorgen für ein hitziges Klima, menschliche Faktoren wie Neugier, Gier, Begierde, Aberglaube und die Angst vor dem Unbekannten setzen die Parameter für den Wachstum des Monsters, das als verknoteter Wischmop im handlichen Shar-Pei-Format fast niedlich wirken kann, als ausgewachsener Pizzafladen jedoch einmal mehr den Reaktionismus in Form militärischer Feuerkraft provoziert. Einige der Darsteller, wie John Merivale oder Didi Sullivan, schmiegen sich in die Aura von Heldenfiguren klassischer Science Fiction, andere wiederum, wie der deutsche Schauspieler Gérard Haerter, verkörpern diabolische Kantigkeit, und wieder andere, wie Daniela Rocca, stehen für etwas Exotisches, das der alles zersetzenden Entität auf der Gegenseite unter Farnen und Gestrüpp etwas Heterogenes entgegensetzt. Das hinter dem Terror lauernde Melodram fühlt sich sogar manchmal eher nach einem mexikanischen B-Western an als nach dem Übernatürlichen.
Gleichwohl fehlt den Akteuren sichtbar die Führung und den einzelnen Abschnitten der Handlung die logische Verknüpfung. Dass die Produktion einen Wechsel auf dem Regieposten zu verkraften hatte, kann sie nicht völlig verbergen; der wilde Stilmix aus Dschungel-Abenteuer, Science Fiction und Monster-Horror, der zunächst etwas Absichtsvolles verströmt, zerfasert schließlich in eine willkürliche Abfolge von Aktion und Reaktion, die es gar nicht erst erlaubt, einen sauberen dramaturgischen Bogen zu spannen. Obwohl die 80-Minuten-Marke nie überschritten wird, gerät das Treiben dadurch gelegentlich etwas zäh. An den Grundierungen des Genre-Kinos wird nicht gespart, aufgerissene Augen und dramatische Wendungen gibt es zuhauf, aber es fehlt die feinmotorische Entwicklung der Charaktere, die dazu hätte beitragen können, die Handlung in einen Rahmen zu fassen.
Also bastelt Bava weiter an seinen Trickeffekt-Schaukästen, um die Sensationslust des Zuschauers anderweitig zu befriedigen. Für ein breites Publikum ist „Caltiki – Rätsel des Grauens“ wohl ohnehin zu nah an den Rändern des kosmischen Horrors Lovecrafts gebaut, lässt sich dieser Blob doch anders als sein Namensvetter keineswegs so einfach zu einer Allegorie auf zeitgleich tobende gesellschaftliche Konflikte verarbeiten – dazu bleibt die italienische Produktion zu universell, was die Themen angeht, und zu spezifisch bezüglich seiner kommerziellen Absichten. Das Ergebnis ist im klassischen Sinne kein guter Film, wenn man das Gesamtbild betrachtet. Die Miniaturlandschaften, in denen gegen jede Vernunft Gott, Natur, Außerirdisches und Wissenschaft Platz finden, üben jedoch bis heute einen seltsamen Reiz aus, wie man ihn in Mario Bavas Spätwerk noch öfter spüren würde. Selbst wenn sein Beitrag als Regisseur noch vergleichsweise gering gewesen sein sollte: Die DNA ist bereits ausgestreut.
Ursprüngliche Kurzkritik:
Dass diese nach „I, Vampiri“ bereits zweite Regie-Kollaboration von Riccardo Freda und Mario Bava sich anfühlt wie eine alternative Fassung des amerikanischen „Blob“, ist mit Blick auf die Produktionsdaten beider Filme nicht allzu überraschend. Auch Parallelen zum britischen SciFi-Thriller „The Quatermass Experiment“ sind in wissenschaftlicher Neugier und militärischer Angriffslust schnell gezogen, die italienische Filmszene im Spannungsverhältnis zwischen Hollywood und britischer B-Horror-Dominanz somit bereits eingeordnet.
Heute ist „Caltiki, The Immortal Monster“ vor allem der Film, mit dem Bava seinen Fuß in die Tür bekommen hat, um sie bereits ein Jahr später mit dem Gothic-Klassiker „Black Sunday“ weit aufzureißen. Für sich genommen liefert er noch nichts ab, das sich retrospektiv zu einem Teil seiner Identität ausgeformt hätte; die primitive Geschichte um einen bakteriellen Klumpen aus einem Maya-Tempel, der seine Opfer eher assimiliert als frisst, kann kaum mehr sein als ein Spielplatz zum Austesten von Spezialeffekten.
Wenn man Bava in diesem frühen Status eines aber doch zusprechen kann, so ist es die scheinbar mühelose Verknüpfung mythologischer Komponenten mit SciFi-Futurismus. Bereits in den ersten Minuten wird man von waghalsigen Bildkompositionen übermannt, die kulturelle Relikte, ausbrechende Vulkane und die Unendlichkeit des Himmels zeitgleich einfangen, so als wolle man dem Betrachter andeuten, dass im Grunde alle Unterarten des phantastischen Films dem gleichen Urschlamm angehören. Obwohl schwarzweiß, kann man die Farbkontraste regelrecht spüren, die man von Bavas späteren Arbeiten gewohnt ist: Das saftige Grün des Dschungels, das tiefe Blau des Himmels, loderndes Orangegelb vom Feuer und zinnoberrote Bauwerke von Menschenhand.
Welche Bedrohungen von dem Geschöpf ausgehen (eine Art Lumpensack, dem teilweise mit Überblenden, meist aber mit On-Action-Tricks eine organische Anmutung gegeben wird und der von Handtaschen- bis Häusergröße in vielerlei Maßen präsentiert wird) und wie der Mensch auf sie reagiert, das sind Fragen, die mit Genre-Vorgaben wenig aufregend beantwortet werden. Seinen Reiz bezieht „Caltiki“ heute hauptsächlich daraus, wie die ungewöhnlichen Sets mit den naiven Spezialeffekten harmonieren und scheinbar problemlos Mythologie mit Futurismus paaren Für einen Klassiker reicht das längst nicht, wohl aber für eine sehenswerte Obskurität.
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