Mit „Il trucido e lo sbirro“ habe ich tatsächlich einen Lenzi gefunden, der mich begeistert. Der Poliziottesco um die Befreiung einer schwerkranken, 12-jährigen Millionärstochter aus den Händen fieser Entführer, die den noch fieseren Anordnungen des Oberschurken Brescianelli (Henry Silva) folgen, ist sehr gelungen und hat Atmosphäre! Manche Szene, etwa jene, wo, unterlegt von der grandiosen, feinfühligen Musik Bruno Canforas, Bestechungsgeld an die römische Unterwelt verteilt wird, ist von Lenzi mit so viel inszenatorischen Geschick - man darf durchaus auch schreiben: Gefühl - umgesetzt worden, dass man sich beinahe ein Freudentränchen rausdrückt. Kamera, Schnitt: handwerklich wirklich beachtlich.
Milian, als spinnerter, gutherziger Krimineller Monnezza, legt seine schräg-humorige Rolle (in einem ansonsten ernsten Film) so expressiv an, wie im, ebenso 1976 entstandenen, "Squadra Antiscippo", Auftakt zur langlebigen „Superbulle“-Reihe. Claudio Cassinelli als Commissario Sarti, dem wirklich jedes Mittel recht ist, um die 12-Jährige zu befreien, und der sich deshalb mit Kriminellen verbündet, von denen mindestens einer ein wirkliches übles Subjekt ist (was einiges an Scherereien/ Kollateralschäden nach sich zieht), wirkt oft herrlich angepisst. Henry Silva, hier wieder in einer Rolle, so sympathisch wie eine große Spinne, die einem beim morgendlichen Erwachen auf der Brust sitzt, hätte man noch ein wenig mehr screentime gönnen müssen.
Der Film strotzt vor Verfolgungsjagden, blutigen Schießereien, Überfällen, Andeutungen von Vergewaltigung, Drohungen; brutal werden Leute zusammengeschlagen, ein Kinderwagen wird Verfolgern in den Weg geschleudert, mit der Moral scheint es nirgends mehr weit her. Poliziotteschi-üblich wird ein sehr unschönes Bild italienischer Realitäten der Mittsiebziger gezeichnet.
Doch der Film verliert sich nicht in seinen reißerischen Szenen, ist alles andere als unsensibel oder dumpf, sondern wird dominiert von oft durchdachten Dialogen, der Spannung, die zwischen Protagonisten liegt, die zusammenarbeiten, obwohl sie sich jedes Übel an den Hals wünschen, und jenem, was sich immer schwer umschreiben lässt, ich schrieb es schon eingangs: Atmosphäre.
Ich haue mal waghalsig eine 9/10 raus, auch weil mich der Film und Lenzi (dessen Filme mich bislang immer etwas enttäuschten) so positiv überrascht haben. Eurokult-Nostalgie- und Italokino-Wohlfühlfaktor spielen mit hinein.