Für jemanden wie mich, der in den 80ern geboren, in den 90ern aufgewachsen und heute noch jung genug ist, um mit dem Begriff „youporn“ gewisse Assoziationen zu verbinden, kann es durchaus zu einem eigenartigen Erlebnis werden, wenn der Lieblingsfernsehsender ein dänisches Schmuddelfilmchen aus den späten 60ern ausgräbt. Mir war natürlich von vorneherein klar, dass man hier nicht im Detail zu sehen bekommen würde, wie Katja sich von fünf Kerlen gleichzeitig ins Gesicht ejakulieren lässt, doch dass die Zahmheit dieses Films so weit geht, dass man diesen Umstand schon wieder als grotesk bezeichnen muss, hätte ich nicht erwartet – somit danke ich arte nicht für einen versauten kleinen Porno, sondern für eine amüsante Geschichtsnachhilfestunde.
Katja ist 19 und anders als heutige 19-jährige Mädchen, die nicht selten schon den halben Heimatort in der Beinschere hatten, ist sie in sexuellen Belangen noch recht unerfahren. Nach dem Tod ihrer Mutter lebt sie allein mit ihrem Vater zusammen, zu welchem sie sich mehr hingezogen fühlt, als zu den gleichaltrigen Jungs. Der Vater ist jedoch entweder ein anständiger Mann oder hat seine inzestuös-pädophilen Triebe zumindest deutlich besser im Griff als die Väter, von denen man heutzutage immer wieder gerne in der Zeitung liest, und geht daher nicht auf Katjas Anzüglichkeiten ein. Als er schließlich sogar die Absicht äußert, eine Frau seines Alters zu ehelichen, bringt er seine Tochter vollends zur Verzweiflung. Teils aus Rache, teils aus echter Hingabe, verführt sie schließlich ihre Stiefmutter.
Die Story scheint auf den ersten Blick nichts anderes als ein Vorwand für zahlreiche dreckige Sexszenen unterschiedlichster Art und Lesben-Action inklusive zu sein, doch bei diesem Film steht, so kurios und albern das auch in Anbetracht der hanebüchenen Handlung erscheinen mag, eher das menschliche Drama im Vordergrund. Die Figur Katja wird mit ihren Problemen so ernst genommen, wie es das naive Drehbuch eben zulässt, und so machen hier keinesfalls Nackt- oder gar Sexszenen den Hauptteil des Streifens aus. Stattdessen lernt der Zuschauer Katja durch zahlreiche Dialogszenen kennen, welche für heutige Verhältnisse nicht nur äußerst bieder anmuten, sondern auch schlichtweg schlecht geschrieben sind, ja derart uninspiriert, dass sie in ihrer Redundanz kaum zu überbieten sind. Dieses Element versetzt heutigen Billigproduktionen (mit unter auch teuren Produktionen) häufig den Todesstoß durch Langeweile, bei „Katja – Alle brauchen Liebe“ gehört es aber einfach dazu, es macht sogar einen Teil des Charmes bei diesem Film aus, etabliert ihn als sympathisches Kuriosum aus einer vergangenen Epoche, der man mit gutem Recht nachtrauern mag.
Dass es hier keine Hardcore-Sexszenen zu sehen gibt, dürfte inzwischen klar sein, doch selbst von Softsex zu sprechen, wäre übertrieben, da sich die Annäherungen meistens im Halbdunkeln abspielen, in jedem Falle zumindest so dezent inszeniert wurden, dass der Film heutzutage durchaus von der FSK ab 12 freigegeben werden könnte, zumal in den letzten zehn Jahren jede Teeniekomödie derart offensiv mit Obszönitäten um sich geworfen hat, dass die heutigen Jugendlichen beim Anschauen dieses harmlosen Reliktes vermutlich gähnen, oder sich höchstens schmunzelnd am Kopf kratzen würden. Wie prüde „Daddy, Darling“ (so der Originaltitel) aber insgeheim wirklich ist, zeigt sich immer dann, wenn im Hintergrund die Bongotrommeln einsetzen. Kaum kommt mal die Ahnung davon auf, dass es innerhalb der nächsten Minuten unter Umständen, aber wirklich nur, wenn sich die Macher des Films auch trauen, zu so etwas Ähnlichem wie einer sexuellen Interaktion gereichen könnte, hört man zuerst einzelne plumpe Trommelschläge, als würde ein aus der Anstalt ausgerissener Irrer zum ersten Mal in seinem Leben eine Bongo vor sich haben. As unrhythmisch as possible steigert sich dann mit dem Ausziehen der Klamotte das Psycho-Gekloppe und mündet schließlich in ein dramatisches Tremolo, als würden wir gerade die krankest denkbare Mordszene irgendeines Italo-Exploiters und nicht etwa einen im Halbdunkel versteckten Busen zu sehen bekommen. Dieses Prozedere löst bei der ersten Anwendung ein ungläubiges Stirnrunzeln aus, sorgt beim zweiten Mal zumindest im Gesicht des Trashfans für ein breites Grinsen, fängt dann aber auch irgendwann mal zu nerven an.
Im Grunde spiegelt der Film aber wunderbar die Stimmung der späten 60er-Jahre, als man sich auf sexuellem Terrain weiter vorzudringen wagte, von den gesitteten Moralvorstellungen der älteren Generationen aber noch nicht ganz losgekommen war. „Daddy, Darling“ markiert punktgenau diese Übergangsebene, die brodelnde Lust unter der spießigen Oberfläche – und wo man sie auch nur ein klein bisschen überkochen ließ, fühlte man sich offenbar wie der letzte Perversling, wie ein Abgesandter des Bösen.
Das Bild ist unscharf und allgemein von so niedriger Qualität, wie man es heute mit der billigsten Kameraausrüstung nicht mehr hinbekommen, sondern höchstens durch aufwendige digitale Bearbeitung nachahmen könnte. Das gehört aber natürlich zu dieser Art von Film einfach dazu und macht ihn erst recht sympathisch.
Ernst nehmen kann man diesen Film zu keiner Sekunde, darüber schmunzeln schon eher, wobei sich der Unterhaltungswert aber auch in Grenzen hält. Zumindest als skurriles Überbleibsel einer Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche ist er nicht uninteressant.