In San Francisco erschiesst ein Heckenschütze eine junge Frau und hinterlässt der Polizei eine Nachricht: Er nennt sich Scorpio und droht damit, weitere Menschen aufs Korn zu nehmen, sollte sich die Stadt weigern, ihm einen Geldbetrag von hunderttausend Dollar (damals noch eine Menge Zaster) auszuhändigen. Der Bürgermeister entscheidet sich dagegen, den Forderungen nachzukommen und hofft auf den Ermittlungserfolg des schlagkräftigen Inspektors „Dirty" Harry Callahan, der auf den Fall angesetzt wird (obwohl er spätestens seit dem „Zwischenfall im Fillmore-Distrikt" als Hitzkopf verschrien ist). Auf den Dächern der Stadt werden Beobachtungsposten aufgestellt und Helikopter patrouillieren die Lüfte. So gelingt es tatsächlich, den nächsten Anschlag zu verhindern, aber der Killer entkommt und sucht sich ein anderes Opfer, das er in einem zehnjährigen Jungen findet. Er entwischt auch der Falle, die ihm Callahan daraufhin stellt (alle Bezirke bis auf einen werden streng überwacht), wobei ein Polizist ums Leben kommt.
Nun versucht Scorpio es mit einer neuen Methode: Er entführt ein vierzehnjähriges Mädchen und begräbt es lebendig. Nur wenn die Stadt ihm nunmehr zweihunderttausend Dollar bezahlt wird er den Behörden den Aufenthaltsort ihres Grabes rechtzeitig verraten, bevor sie erstickt. Callahan spielt den Geldbriefträger. Die Übergabe misslingt, aber der Superbulle kann den Killer dank einer Messerwunde, die er diesem verpasst hat, aufspüren und festnehmen. Aufgrund von Verfahrensfehler (Scorpios Gewehr ist nicht zulässig als Beweismittel, da Callahans keine Erlaubnis für die Durchsuchung von dessen Wohnung hatte, und auch das durch von Callahan durch „rohe Folter" erpresste Geständnis taugt nichts vor Gericht) muss dieser aber wieder freigelassen werden. Das verschafft ihm die Gelegenheit für einen letzten Erpressungsversuch: Er entführt einen Schulbus und nimmt die Kinder als Geisel...
Dirty Harry, das ist ein Mann, eine Waffe, eine klare Vorstellung von Gut und Böse und absolute Kompromisslosigkeit, wenn es darum geht, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Kritisiert wird ein liberales und frustrierendes Rechtssystem, das dem Täter fast schon mehr Recht zuspricht als dem Opfer, gefeiert wird der Mann der Tat, der dort, wo das Gesetz nicht mehr greift, eben dieses halt selbst in die Hand nimmt, vorzugsweise mit unerbittlicher Härte (am Schluss wirft er konsequenterweise seine Polizeimarke in den Fluss. Naja, damit ist er wenigstens seine Vorgesetzten los, mit denen er selbstverständlich eh bloss dauerhaft in Clinch lag). Aus heutiger (und wohl auch schon aus damaliger) Sicht wirkt das ziemlich reaktionär, arg konservativ und ganz schön rückschrittlich (in der Tat wirkt Callahan wie ein Relikt aus dem Wilden Westen). Aber man sollte nicht allzu empfindlich sein: Zum einen hat auch Dirty Harry seine Grenzen (nachdem Scorpio aus der Untersuchungshaft freikommt, geht der Inspektor nicht einfach los und knallt ihn ab, sondern greift erst ein, als dieser den Bus entführt), zum anderen ist er ein Charakter, der derart überhöht und auch comicartig dargestellt wird, das man ihn nicht wirklich ernst nehmen kann: So eine Figur funktioniert echt nur im Film, wo auch die Fronten klar sind und man die Bösen eindeutig identifizieren kann. Überhaupt ist er (wie Kollege Tornhill mich freundlicherweise darauf hingewiesen hat) kein wirklicher Held, sondern eher ein Soziopath, der zufälligerweise auf der richtigen Seite des Gesetzes steht.
Hundertprozentig ernst ist der Film ja eh nicht gemeint: Da vereitelt Callahan mal so ganz nebenbei einen Banküberfall (den Streifschuss ins Bein, den er sich dabei einfängt, beachtet er gar nicht erst) oder provoziert einen Selbstmörder, bis der auf ihn losgeht, und knockt ihn dann aus, wird im Park von einer „Tucke" (politische Korrektheit ist die Sache dieses Filmes nicht) angemacht, die er erst für Scorpio hielt, ein anderes Mal für einen Spanner gehalten (was er übrigens auch ist, siehe die Nutte und das Hippiepärchen). Diese eher komischen Töne mildern die Härte des Filmes doch etwas ab.
Regie-Legende Don Siegel (INVASION DER KÖRPERFRESSER, COOGANS GROSSER BLUFF, FLUCHT VON ALCATRAZ), gestorben 1991, inszeniert den Streifen in einem flotten Tempo und zieht die Spannungsschraube öfters mal ordentlich an (am spannendsten ist wohl die Sequenz, in der Callahan den Geldbriefträger spielt und von Scorpio zu Fuss von Telefonzelle zu Telefonzelle durch ganz San Francisco gehetzt wird). Die Kameraführung (angeführt von Bruce Surtees, der dies auch in FLUCHT VON ALCATRAZ, FIREFOX oder PALE RIDER erledigte) setzt in den actionreicheren Szenen gerne mal auf eine frei geführte Handkamera, die mitten ins Geschehen geht, und es gibt auch einige wirklich grandiose Bilder zu bestaunen: Der Blick über San Francisco von dem Wolkenkratzer herab, das gigantische Kreuz in dem Park, die Verbrecherjagd im Fussballstadion, die düsteren Einsichten in das Nachtleben der Grossstadt (einschliesslich einem Blick in eine Nacktbar). Natürlich wird auch die Golden Gate Bridge ins rechte Licht gerückt.
Ein Geniestreich ist der jazzige Score des vielbeschäftigten Film- (BULLITT, THX 1138, THE AMITYVILLE HORROR) und Fernsehkomponisten (MISSION IMPOSSIBLE, STARSKY & HUTCH) Lalo Schifrin. An Bluteffekten gibt es ein paar ruppige Schussverletzungen sowie die Stichwunde, die Callahan dem Killer verpasst.
Der Film wäre nur halb so gut ohne Clint Eastwood (FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR, MILLION DOLLAR BABY) in der Hauptrolle. Der spielt den dreckigen Harry mit wenigen Worten, einer stoischen Mine, schmalen Augen (die zudem meist noch hinter einer coolen Sonnenbrille verborgen sind) und erreicht doch ein Maximum an Wirkung. Und wenn er dann doch mal Emotionen zeigt und WÜTEND wird, läuft es dem Publikum kalt den Rücken runter. Ganz, ganz grosses Kino.
Ein kongenialer Gegenpart ist Andrew Robinson (war zu sehen in TRANCERS 3 sowie PUMKINHEAD 2 und spielte den Garak in DEEP SPACE NINE) in der Rolle Scorpios (und das, obwohl das seine erste Filmrolle überhaupt war), den er als Psychopathen mit Hyänenlachen gibt (und wie der erst kreischt, als Dirty Harry ihm das Messer in den Oberschenkel jagt, ganz tolle Szene). Überhaupt ist Scorpio einer der besten, weil fiesesten, gemeinsten und durchgeknalltesten Bösewichte der Filmgeschichte: Dem entführten Mädel zieht er einen Zahn aus, um diesen dem Erpresserbrief beizulegen, er lässt sich verprügeln (nettes Make-up in der Szene), um es Callahan anzuhängen, zwingt Kinder mit vorgehaltener Waffe zum Singen, oder nimmt einen Jungen als Geisel, als Calahan ihn in die Ecke gedrängt hat. Ein verabscheuungswürdiger Mistkerl.
Ein Gegenpart zu Dirty Harry der anderen Art ist Inspektor Chico Gonzalez, ein Neuling, der Callahan als neuer Partner zugeteilt wird (nachdem der letzte im Krankenhaus gelandet ist). Der hat Soziologie studiert, nimmt es mit den Gesetzestexten etwas genauer und quittiert seiner Frau zuliebe den Dienst, als er von Scorpio angeschossen wird (Callahan indes hat seine Frau in einem sinnlosen Unfall verloren). Er ist als Polizist das genaue Gegenteil von Callahan. Gespielt wird der von Reni Santoni (COBRA). In einer kleinen Rolle als Bürgermeister ist übrigens auch John Vernon (ANIMAL HOUSE, CHAINED HEAT, KILLER KLOWNS FROM OUTER SPACE) zu sehen, ferner erkennen wir John Mitchum (der Bruder von Robert Mitchum) als Frank DiGiorgio (den er noch in zwei weiteren DIRTY-HARRY-Filmen spielen sollte).
Fazit: DIRTY HARRY ist ein Klassiker des Polizeifilmes - und das zu Recht. Die geniale Titelfigur, unübertrefflich verkörpert von Eastwood, der fiese Bösewicht, die ausgezeichnete Inszenierung von Don Siegel und der hervorragende Score von Lalo Schifrin machen den Film zu ganz grossem Kino der Spitzenklasse. Muss man gesehen haben, sonst hat man was verpasst.