Dieser Film ist ein Mythos. „Dirty Harry“ hat es genauso in die Populärkultur und Umgangssprache geschafft, wie „Rambo“ oder „Rocky“. Während die von Muskelmann Sylvester Stallone dargestellten Figuren Übermenschliches leisten und auch für ebensolche Leistungen im Alltag als Vergleich herbeigezogen werden, ist die Figur des „Dirty Harry“ differenzierter. Dieser Film ist, ebenso wie der Charakter des Harry Calahan ein Produkt seiner Zeit. Einer steigenden Verbrechensrate in den USA stellte Regisseur Don Siegel einen bis dahin unerreicht erbarmungslosen Cop gegenüber, der Dinge tat, die kein Filmcop vor ihm tun durfte: Das Recht in die eigene Hand nehmen. Hauptdarsteller Clint Eastwood kam dabei wie gerufen, schaffte er es doch sein unglaublich reduziertes Spiel aus den Spaghettiwestern von Sergio Leone in die Moderne des zeitgenössischen San Francisco zu retten. Dass er dabei eine ganze Generation von Actiondarstellern beeinflussen sollte, war den Beteiligten des Drehs damals wohl gar nicht klar, doch ein Bruce Willis hätte seine Paraderolle des Bruce McClane wohl anders angelegt, wenn das Rauhbein Eastwood nicht gewesen wäre und z.B. Hamburger kauend einen Bankraub mit Hilfe seines Revolvers und eines coolen Monologs abrupt beendet hätte.
Eastwood ist einfach Dirty Harry. Zwar ist die gesamte Besetzung talentiert und passend, doch letztlich ist Eastwoods Performance im ersten Teil dieser Filmreihe für die weiteren Fortsetzungen und Rip Offs verantwortlich, die in den folgenden Jahren gedreht wurden. Die Thematik kann durchaus kritisch hinterfragt werden, entstanden doch nach „Dirty Harry“ aus dem Jahre 1971 noch reaktionärere Streifen, die allesamt auf niedere Racheinstikte des Publikums abzielten und Selbstjustiz propagierten. Unzählige Männer (gelegentlich auch Richter) sahen rot und wurden zum stellvertretenden Lynchmob des rechtschaffenden Amerikas. Der erste „Dirty Harry“ schafft diese zwiespältige Gefühlsregung beim Zuschauer aber auf eine durchaus elegante und gradlinige Art und Weise, stellt er doch dem rauhen, aufrechten und verkniffenen Calahan einen milchgesichtigen, aber dennoch enorm brutalen und sinnlos tötenden Gegenspieler gegenüber. Beispielhaft sei die Eingangssequenz erwähnt, in der der (noch) gesichtslose Killer mittels eines Snipergewehrs ein junges Mädchen scheinbar grundlos tötet. Gerade diese Ungleichheit zwischen der Brutalität der Taten und dem Allerweltsgesicht des Täters weckte die Besorgnis des damaligen Publikums, das 1971 noch vor aller allzugroßer filmischer Grausamkeit verschont wurde, aber aus den Nachrichten propagiert bekam, Niemandem zu trauen, die Haustür fest abzuschließen und immer genügend Munition für die heimische Flinte im Haus zu haben.
Verpackt war diese Thematik in einem handwerklich eleganten Actioner, der neben ruhigen und leisen Momenten mit geradliniger und brutaler Action aufwarten konnte. Blut fließt ausgiebig für einen Film dieses Baujahrs. Lalo Schifrins cooler und loungiger Score unterstreicht die unterkühlte Atmosphäre des Streifens, die einzigartig ist und von keinem weiteren Film der Reihe erreicht werden konnte. Zwar stieg die Brutalität bei den späteren Filmen immer mehr an, d.h. explizitere Einschüsse, höherer Bodycount, noch markigere Sprüche, doch keine der Fortsetzungen erreichte die kühle Eleganz des Originals.
Selten hat ein so polarisierender Film mit zumindest fragwürdiger Intention eine solche Ikonosierung erfahren und dabei ein ganzes Genre beeinflusst. Welche Tragweite dies hatte, wird bei dem 1986 entstandenen „City Cobra“ deutlich. Klar an „Dirty Harry“ orientiert, übt der Polizist Cobretti Selbstjustiz bis die Schwarte kracht. Dieser wird vom eingangs erwähnten Stallone dargestellt, was beweist, dass er als boxendes Stehaufmännchen und verbitterter Vietnamveteran in die Filmgeschichte einging, aber eben nicht als Cop, der das Recht in die eigenen Pranken nimmt. Zwischen „Dirty Harry“ und „City Cobra” liegen 15 Jahre und letztlich auch Welten, da der letztgenannte Film die Selbstjustiz-Rezeptur so stark konzentriert, dass er beinahe parodistische Züge trägt. „Das Verbrechen ist eine Krankheit und ich bin die Medizin“, raunzt Stallone dem Zuschauer entgegen, hat damit aber letztlich nicht ganz recht, gebührt doch die Ehre für immer „Dirty“ Harry Calahan.
Fazit:
8 / 10