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„Wieso nennt man Sie ‚Dirty Harry’?“ – „Weil er sich nur im Dreck wohlfühlt! Harry hasst alles auf der Welt: Das Leben, den Tod, Ausländer, Neger, Schwule, Kellnerinnen, Verbrecher und sich selbst.“

„Dirty Harry“ von US-Regisseur Don Siegel („Die Dämonischen“) aus dem Jahre 1972 gilt als einer der einflussreichsten Polizeifilme überhaupt und beeinflusste Selbstjustiz-Thriller à la Bronson ebenso wie das italienische Poliziesco-Genre und „One Man Army“-Actiongülle von „Rambo“ über diverse Schwarzenegger’sche Untaten bis zu „Stirb langsam“ und Konsorten.

Harry Calahan (Clint Eastwood, „The Good, the Bad & the Ugly“) ist Bulle in San Francisco, wo ein Heckenschütze, der sich Scorpio (Andrew Robinson, „Hellraiser”) nennt, die Stadt in Atem hält. Er erpresst die Stadt und droht damit, jeden Tag weitere Menschen aus dem Hinterhalt zu erschießen, wenn nicht auf seine Geldforderungen eingegangen wird. Doch Scorpio hat die Rechnung ohne Calahan gemacht, der nicht umsonst „Dirty Harry“ genannt wird: Dieser gibt nämlich einen feuchten Kehricht auf ihn hindernde Bürokratie und Gesetze, hat selbst nicht mehr viel zu verlieren und jagt den Killer unerbittlich.

Siegel lässt seinen Film äußerst stilvoll beginnen: Angesichts wunderbarer Bilder San Franciscos, die Zeit- und Lokalkolorit beinahe verschwenderisch ausatmen, entfaltet sich schnell die richtige ambivalente Großstadtatmosphäre zwischen suspekter Anonymität und Unübersichtlichkeit auf der einen und prachtvoller Eleganz und Lebendigkeit auf der anderen Seite, die der Film benötigt. Lalo Schifrins groovende Funk-/Jazz-Klänge tragen ihren entscheidenden Anteil dazu bei, sind unbedingt hörenswert und laden ein zu rund 100 Minuten 70er-Jahre pur. Während man Calahan recht differenziert nach Art eines Anti-Helden charakterisiert – „Dirty Harry“ ist ein emotional offensichtlich verkümmerter Spanner und Menschenhasser mit rassistischen Tendenzen –, ist „Scorpio“ ein comichaft überzeichneter Killer, das unsagbar Böse, das alles Negative in sich vereint. Über seine Vorgeschichte erfährt man ebenso wenig wie über seinen psychischen Zustand, er ist einfach da und ist ebenso gefährlich wie abartig schlecht. Calahan trägt seine 44er-Magnum als Penisverlängerung und Argumentationshilfe mit sich herum und fackelt nicht lange, sie einzusetzen. Couragiert und zielsicher bringt er asoziale Gangster zur Strecke, die am helllichten Tag auf offener Straße herumballern. All dies geschieht in einem nachvollziehbaren Rahmen. Calahan neigt zwar zu zynischen Sprüchen, ist ansonsten aber weder ein Sadist, noch ein Verbrecher mit Polizeimarke. Es sind die Umstände einer verrohten Gesellschaft und seine ergebnisorientierte Berufsauffassung, die ihn zum Handeln zwingen.

Dies ist der Stoff, aus dem zu ungefähr zwei Dritteln der Film ist. Ein spannendes, hartes, aber gerechtes Großstadtabenteuer, das sich zu einem Fern- und Nahduell zweier auf ihre Weise mit dem „normalen Leben“ abgeschlossen habender Männer entwickelt und beim Zuschauer eine gewisse Faszination für Calahan erzeugt, von dem man nur bruchstückhaft sein bisheriges Schicksal erfährt. Ja, die Ambivalenz seines Charakters weckt Interesse, Neugier und Verständnis und begleitet man ihn auf den Fersen des Killers, fiebert man mit ihm mit, drückt ihm die Daumen. Ein kleiner Sleaze-Anteil in Form nackter Haut lockert das Geschehen ein wenig auf und passt gut zum 70s-Groove des Films. Siegel lässt die Handlung konsequent und ohne Längen auf eine erste große Klimax zusteuern, die nach ca. zwei Dritteln erreicht wird: Calahan erpresst nervlich enorm angespannt und rasend vor noch immer kontrollierter Wut unter Folter wichtige Informationen aus dem angeschossenen Scorpio. Auch hier bleibt alles nachvollziehbar. Die Szene steht stellvertretend für den Gewissenskonflikt, für Fragen von Ethik und Moral, die sich nicht nur aus der Situation „Polizei als staatliches Organ, dem Gesetz verpflichtet, versus kaltblütiger Mörder, dessen Schweigen womöglich ein weiteres Menschenleben kostet“ ergibt, sondern die sich z.B. in der klassischen Gewalt/Gegengewalt-Frage oder nach dem Zweck heiligenden Mitteln für bestimmt Jedermann schon einmal gestellt hat. Sie kann selbstverständlich als manipulatives Plädoyer für Folter im Dienst verstanden werden, scheint mir jedoch vielmehr die künstlerische Auseinandersetzung mit o.g. Thematik zu sein, mit Situationen, in denen die Frage nach richtig und falsch nicht mehr einfach zu beantworten ist und die Grenzen verschwimmen, graue Theorie nicht nur auf die Probe gestellt wird, sondern ihr nicht mehr standhält.

Die letzte halbe Stunde indes schlägt andere Töne an und erscheint absurd. Dass der bürokratische Aufwand staatlicher Organe häufig in keinem Verhältnis zum Nutzen steht, ist nicht unrealistisch und zweifelsohne kritikwürdig. Politisch demagogisch aufgeladen zu suggerieren, dass ein Killer, der nachweislich auf einen Polizisten geschossen und ihn verletzt hat, mir nichts, dir nichts wieder auf freiem Fuß landet und sodann auch nichts anderes zu tun hat, als wahnsinnigerweise einen Schulbus mitsamt Kindern zu kapern, während die Polizei tatenlos zusehen muss, weil sie zu wenig Rechte hat, ist Humbug. Humbug, der gefährliche Stimmungen erzeugt, der einfach gestrickte Menschen nach mit demokratisch nicht legitimen Rechten ausgestatteten „starken Händen“, Idolen, Heldenfiguren rufen lässt, der „Law & Order“-Mentalität, Amtsmissbrauch und Polizeigewalt Vorschub leistet – wie sie vielerorts alltägliche, bittere Realität sind. Realität, unter der keine Verbrecher, sondern kritische und unbequeme gesellschaftliche Kräfte, einfache Menschen, Minderheiten und Schwache leiden, die keine Lobby hinter sich haben, die stark genug wäre, es mit der Polizei und ihrem Korpsgeist aufzunehmen. Wenn Calahan sich im Finale über das Gesetz stellt, mag dies Lynchjustizgelüste antiliberaler Strömungen befriedigen, seine interessante Differenzierung aber hat der Film komplett aufgegeben. Damit krankt bereits „Dirty Harry“ an derselben reaktionären Aussagekraft, derer so viele Actionfilme zukünftig anheimfielen. Siegel entschied sich bewusst dagegen, Spannung durch ein „Whodunit?“, also der Frage nach dem Täter, zu erzeugen; von vornherein war klar, dass es dieser nach einem unscheinbaren Unschuldsengel aussehende, blonde Kerl ist, der sich hinter dem Pseudonym „Scorpio“ versteckt. Durch den kompletten Verzicht auf ein Psychogramm des Täters aber wird „Dirty Harry“ nach besagten zwei Dritteln zu einer unheimlich vorhersehbaren, extrem einfach gehaltenen, schablonenhaften Angelegenheit, die viele intelligente und nachdenklich stimmende Anklänge des Vorausgegangenen über Bord wirft.

Für die Beurteilung des Films sollte man aber wissen, dass ihm mit dem „Zodiac-Killer“, der Ende der 1960er Jahre in San Francisco ähnlich wie „Scorpio“ sein Unwesen trieb und nie gefasst wurde, ein realer Fall zugrunde liegt. Siegel und Eastwood betonten, dass sie ihren Film keinesfalls als politisches Statement verstanden wissen möchten. Für die Fortsetzung ruderte man gar entschieden zurück und erklärte Selbstjustiz übende Polizisten zu den Antagonisten, derer Calahan Herr werden muss. In der Retrospektive bezeichnet man „Dirty Harry“ gern als Dokumentation eines Zeitgeists bzw. Reaktion auf denselben, der damals typisch für seine Überbetonung der Täterrechte im Vergleich zu den Opferrechten gewesen sein soll. Extrem gefährliche Leute wären laufengelassen worden und Frustration sowie Misstrauen den Gesetzen gegenüber hätten vielerorts eingesetzt. Gründe mögen eine allgemeine Verunsicherung vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs sowie die in breiten Teilen der Hippiebewegung propagierte Negation des in jedem Menschen steckenden Gewaltpotentials gewesen sein. Bei allen Versuchen einer gesellschaftspolitischen Einordnung und ethischen Bewertung des Films sollte aber nicht außer Acht gelassen werden, wie gut Eastwood nach seinen Western-Erfolgen in seine nicht unähnlich angelegte Rolle passt, dass er alle Stunts selbst durchführte und zu einer Ikone des Typus des knochigen Knurrhahns, der bis auf markige Einzeiler lieber Taten sprechen lässt, wurde. Ebenso wenig darf man Don Siegels Regie unterbewerten, unter der eine dynamische Kamera Weite und Tiefe des Großstadtdschungels ebenso schwelgerisch und pointiert einfängt wie menschliche Emotion in den Gesichtern des overactenden Killers und des entsprechenden Kontrasts im Antlitz des gereiften Eastwoods. Da ich die ersten beiden Drittel mit 8/10 und das letzte mit 4/10 bewerte, komme ich letztlich auf 6/10, die unkommentiert aber wenig Aussagekraft besitzen.

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