Ist dies der Inbegriff politisch unkorrekter Gerechtigkeitssuche? Egal: über diesen Film wurde schon so viel geredet, geschrieben, sich aufgeregt, dass ich das nicht auch noch in Form eines Rundumschlags zum x-ten Mal breittreten will. Genug ist genug. Wahr ist: der Film hinterlässt ein nicht wegzudiskutierendes Unbehagen; wahr ist auch: er ist verdammt spannend. Das erwähnte Unbehagen entspringt m.E. aus der Person des Killers - mit Harry hat das nämlich nur am Rande zu tun. ER ist eben, wie ich schon oft gelesen habe, hart, konservativ bis reaktionär, aber prinzipientreu. Und Eastwood hat diese Figur so nachhaltig geprägt, dass schon eine gewisse Ironie darin liegt, denn ursprünglich hatte Frank Sinatra die Rolle bekommen sollen. Hier hat eine zunächst unerwartete Besetzung Filmgeschichte geschrieben. Interessanterweise hat der Rollentyp des Killers aber weit weniger Nachwirkung gezeitigt, und das könnte mit diesem "Unbehagen" zu tun haben. Sehen wir uns also diesen Mann einmal näher an:
Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance; und dieser Kerl ist auf den ersten Blick ein Weichei: lange Haare, etwas lockig, sanfte Gesichtszüge, ein irgendwie hippieartiges Auftreten und manchmal ein rebellischer Blick, der an das Klischee vom typisch linken Studenten erinnert. Dann seine Kleidung: wir sehen einerseits ein Peace - Zeichen an ihm, dann aber wieder Stiefel, wie sie ein Armeeveteran tragen könnte. Einmal läuft er mit einem pinkbunten Hemd und einer breiten Krawatte herum - kurz danach lässt er sich gegen Geld zusammenschlagen, um diese Gewalttat Harry anzuhängen. Er scheint für einige Sekunden gut mit entführten Kindern umgehen zu können, will scheinbar Fröhlichkeit und gute Laune hervorrufen, übertreibt aber so sehr, dass bald alle weinen und er sich mit Ohrfeigen Aufmerksamkeit zu verschaffen hofft. Und er ist so brutal, dass einem beim Zusehen schlecht werden kann. Er tötet sogar dann noch, wenn er sein Geld bekommt. Wieso tut er das alles überhaupt? Wir erfahren es nicht recht, und es ist schwer zu glauben, dass es ihm nur um das erpresste Geld geht: viel glaubwürdiger kommen mir gleich am Anfang die Worte des Bürgermeisters vor, der klipp und klar sagt, dass die Stadt keine Verbrecher bezahlt - darauf hätte der Täter auch selbst kommen können. Will er vielleicht etwas anderes? Will er durch solche Härte seine Männlichkeit beweisen, weil ihn wahrscheinlich alle für das Weichei halten, nach dem er aussieht? Will er sich diese Coolness erpressen, die Harry von Natur aus zu haben scheint?
Und wie erscheint das alles vor dem Hintergrund der Filmdialoge, in denen immer mal ab und zu leicht verächtlich auf Homosexualität hingewiesen wird? Ist der Kerl möglicherweise einfach nur schwul und darüber verzweifelt? Dann könnte Harry als ganzer Kerl für ihn ganz einfach das Objekt besessener Hassliebe sein. Und genau das erzeugt bei mir dieses Unbehagen: ein Täter, der - reduziert auf das Schreckgespenst des perversen Hippies - alle bürgerlichen Schreckgespenster der frühen 70er Jahre verkörpert. Aber so was darf man ja nicht deutlich zur Sprache bringen, dann wäre der Film von Anfang an in der Luft zerrissen worden. Also versteckt man diese Aussage hinter vagen Andeutungen und unkommentierten Bildern und bringt zwischendurch Sequenzen in die Handlung, die noch viel spektakulärer sind und tatsächlich ihr Ablenkungsziel erreichen, weil bis heute mehr über sie als über den Killer gesprochen wird: der Selbstmörder zum Beispiel, und vor allem die Bankräuberbande, die Harry kurzerhand in einer Schießerei auf offener Straße zur Strecke bringt, während er seinen Hotdog zuende kaut.
Aber trotz dieser skeptischen Gedanken, die mir gerade durch den Kopf gegangen sind, mag ich den Film, denn ich mag auch versteckte Andeutungen. Und das Unbehagen ist für mich eher inspirierend: man kann den Film ja auch als Anregung zum genaueren Hinsehen betrachten, fast als eine Mahnung, das Böse in einem Plot nicht unreflektiert hinzunehmen, und dass die Motive des Killers im Film nie ernsthaft hinterfragt werden, gibt dem Zuschauer die Chance, diese Aufgabe selbst zu übernehmen - wenn er so weit denkt.
Vielleicht hat Georg Seeßlen (in seinem Filmbuch "Copland") Recht: der Film ist möglicherweise nur an der Oberfläche ein Plädoyer für mehr Staatsgewalt; und somit wäre er kein "rechter" Film, sondern nur einer über einen "rechten" Charakter.