Benötigt man einen richtungsweisenden Polizeifilm der 70er Jahre, dann fällt vielen dabei als erstes „Dirty Harry“ ein, die Cop-Figur, die Clint Eastwoods Ruhm als Kassenstar zementierte, so daß er die Rolle noch vier weitere Male aufnahm.
Meist diskutiertes Element der Reihe ist der Selbstjustizvorwurf gegenüber der Hauptperson, die sich, wenn es nach ihr ginge, bei der Verbrechensbekämpfung notfalls auch nicht von geltenden Regeln und Gesetzen aufhalten lassen möchte. Harry Calahans Moral im Großstadtdschungel ist eben eine sehr einfache und da er persönlich wohl eher in die Sparte Misantroph eingeordnet werden könnte (in diesem Film wird zwischendurch mal aufgezählt, wen er alles haßt und da sind sämtliche Hautfarben und Schwule natürlich auch dabei), obwohl er durchaus Freunde und Bekannte besitzt, ist die Arbeit sein Leben. Was bedeutet, daß wenn jemand mit der Waffe in der Hand ein Verbrechen begeht, kaum Gnade zu erwarten ist, falls er auf Zuruf nicht fallen läßt.
Calahan ist überlebensgroß gezeichnet, ein Mann mit wenigen Eigenschaften außer seiner Abneigung gegen das Verbrechen und die Bürokratie, aber gerade deshalb so ungeheuer effektiv. Man erfährt nicht viel über die Figur, sie mag geschieden sein und wortkarg und oft schlecht drauf, aber mehr ist auch nicht nötig, damit die Ecken und Kanten nicht rundgefeilt werden.
Diskutabel ist sicherlich das gewisse Erzreaktionäre der Handlung, die den Zuschauern zumeist vom Ablauf total aus dem Herzen spricht, indem es gewisse Mißstände (oder kontroverse Punkte) aufzeigt.
Der hier aus dem Hinterhalt attackierende Killer etwa sucht seine Opfer ebenfalls unter rassistischen Gesichtspunkten aus, ist geldgierig und gefühllos. Aber als Harry ihn fängt und unter Zeitdruck auf der Suche nach einer Geisel ist, die zu ersticken droht, beruft sich der Verbrecher natürlich auf seine geltenden Rechte wie einen Anwalt. Calahan foltert ihn daraufhin (nicht im klassischen Sinn, aber er tritt ihm auf die offenliegende Schußwunde), woraufhin die Beweise natürlich später nicht anerkannt werden.
Don Siegel manipuliert hier natürlich mit Freuden den Zuschauer, denn wir erfahren nichts vom Background der Killers, er ist einfach schlecht. Harry Calahan dagegen bemüht sich zunächst um ordnungsgemäße Polizeiarbeit, schreitet dann selbst zur Geldübergabe, wird durch die Stadt gehetzt, zusammengeschlagen und soll erschossen werden. Schwer vorstellbar, wer da seine Polizeirichtlinien noch an erste Stelle setzt.
Genauso simplifiziert gerät auch die Auflösung, in der erst Harry des körperlichen Angriffs auf den Killer im nachhinein beschuldigt wird, dann aber der Killer (genetischer Unausweichlichkeit zufolge, vermutlich) einen Laden ausraubt und einen Schulbus als Geisel nimmt, um dann rechtschaffend eliminiert zu werden.
Am Ende wirft Calahan seine Polizeimarke in einen See, zuviel Frust hat ihn der Kampf mit den Vorgesetzten gekostet. Natürlich sind seine Lebensregeln ein wenig zu einfach, denn die geltenden Gesetze (wie das „Miranda“-Gesetz) schützen ggf. eben auch Unschuldige, die nur fälschlich verdächtigt werden.
Als Unterhaltungsfilm mit „Jawohl!“-Potential funktioniert „Dirty Harry“ aber prächtig und fängt den Look der frühen Siebziger in L.A. einfach wunderbar ein. Der Spannungslevel ist enorm hoch und diverse unvergeßliche Szenen von „Make my Day“ bis zu der legendären „Do you feel lucky, punk?“-Szene sorgen für enormen Wiedererkennungswert. Kernstück ist sicherlich die Geldübergabe samt späterer Verfolgung bis zu der Folterszene in einem leeren Footballstadion, der weitere Verlauf wirkt dramaturgisch ein wenig unausgegoren, aber unterhaltsam.
Eastwoods Figur jedoch wurde zur Ikone, gestützt natürlich durch seine waffengesteuerte Überpotenz, da man bei der Magnum, die er mit sich rumträgt, gar nicht anders als an Phallussymbole denken kann.
Und auch wenn die Moral des Streifens fragwürdig ist, so verhält sich der Titelcharakter nie so fragwürdig offensiv, wie etwas Charles Bronson in seinen späteren Selbstjustizstreifen, in der er die Verbrecher stets zum Angriff provozierte, um sie mit immer größeren Kalibern zur Strecke zu bringen. Calahan gerät stets zufällig in seine Fälle oder sie werden ihm (daher der Spitzname) aufgedrückt.
Trotzdem für mich ein absoluter Klassiker des Polizeifilms, wenn auch eben very Hollywood. (10/10)