„1984“ aus dem titelgebenden Jahr ist die jüngste der insgesamt vier Verfilmungen zum gleichnamigen Roman von George Orwell. Auch wenn ich die anderen Versionen nicht kenne, behaupte ich dass dieser Film zu den nachhaltigsten und düstersten Zukunftsvisionen gehört die bisher auf Zelluloid gebannt wurden.
Die Geschichte des Buches ist ein Klassiker und wurde unterdessen unzählige Male neu interpretiert, Kurt Wimmers „Equilibrium“ gehört zu den Jüngsten und ist definitiv eine Empfehlung wert.
Film wie auch Buch beschreiben einen totalitären Überwachungsstaat im Jahr 1984. Die Welt ist aufgeteilt in 3 Blöcke (Ozeanien, Ostasien und Eurasien) die unentwegt Krieg gegeneinander führen. Die Bevölkerung steht unter ständiger Kontrolle durch den allmächtigen Überwachungsapparat, denn nur ein starkes Volk kann die gegnerischen Kräfte bezwingen, so jedenfalls die Devise der Partei.
Im Film wird viel Wert darauf gelegt die Struktur des Regimes, mit all seinen absurden Überwachungsmechanismen aufzuzeigen. An allen öffentlichen Orten und auch in den Privaträumen sind Überwachungsbildschirme mit dem Konterfeit des „Großen Bruders“ installiert. Dem Blick der Staatsmacht entgeht nichts und wenn es nur eine falsche Bewegung in der morgendlichen Gymnastik ist. London ist vom Krieg gezeichnet, die Menschen leben in Ruinen und leiden Hunger und trotzdem schallen die triumphalen Hymnen der Partei überall aus den Lautsprechern.
In dieser Welt lebt Winston Smith (John Hurt) ein einfacher Beamter der in einer der zahlreichen Abteilungen der Zensurbehörde, dem Wahrheitsministerium, arbeitet. Seine Aufgabe Tag ein Tag aus besteht in der Korrektur von Nachrichtenmeldungen: Verstößt ein Bürger in der Gegenwart gegen die Gesetze, wird er in Vergangenheit ausradiert, seine Existenz und alle Beweise werden eliminiert. Trifft die Partei eine falsche Prognosse, so wird sie nachträglich korrigiert. Doch auch Smith ist dem Staat nicht vollends ergeben, insgeheim schreibt er ein Tagebuch. Seine zaghaften Bemühungen Individualität aufzubauen führen ihn schließlich zu Julia (Suzanna Hamilton). Zuerst ist es nur der sexuellen Bedürfnisse wegen, doch schon bald verlieben sich beide. Der Versuch ein Stück Privatleben im Überwachungsstaat aufzubauen schlägt fehl, sie werden verraten und von der Gedankenpolizei inhaftiert. Mit Folter und Schmerzen versucht der Staatsbeamte O`Brien (Richard Burton ist seine letzten Rolle) den letzten Rest Selbstbewusstsein auszuquetschen, mit dem Ziel beide in treu ergebene Staatsbürger umzuwandeln…
„1984“ ist ein einziger Albtraum, das Bild der Welt das hier gezeichnet wird, könnte trotz einer oberflächig intakten Gesellschaft schlimmer kaum sein. Wie absurd und grotesk diese Staatsmaschinerie arbeitet wird dabei sehr detailliert dargestellt. Zum Beispiel der Versuch eine neue Sprache zu entwickeln, ohne gefühlsbetonte Wortschöpfungen oder welche die der Partie schaden könnten. Statt gut, besser, am besten heißt es jetzt: gut, gut+, gut++. Ein anderes Beispiel ist das Orgasmusverbot: Frauen sollen nach Willen des Staates nur künstlich befruchtet werden, damit jegliche sexuelle oder gefühlsmäßige Bindung von Beginn an ausgeschlossen wird. Das alles ist so herrlich absurd, das es gar nicht mal so unvorstellbar scheint.
Gleichwohl ist die Orwell`sche Schreckensvision auch ein Spiegel unserer eigenen Geschichte, nur eben in stark zugespitzter Form. Wer sich ein wenig in Geschichte auskennt, wird erschreckende Parallelen entdecken, manche offensichtlich manche weniger. So lässt sich das Prinzip des Überwachungsstaates in allen großen Diktaturen von Stalin bis Hitler wieder finden. Die perfekt organisierte Propaganda, staatliche Zensur und Manipulierung der Bevölkerung waren Steuerungsmittel derer sich nicht nur die Nazis bedienten. In etwas abgeschwächter Form unterscheidet sich auch das DDR-System kaum vom dem im Film, wie Produktion nach Plan oder Denunzierung im Volk zeigen. Es gibt so viele intelligente und gesellschaftskritische Gedanken die in Buch und Film versteckt sind, das man Bücher füllen könnte. 1948 brachte Orwell seine Gedanken zu Papier, der Name des Buches ergibt sich Übrigen aus einem Zahlendreher des Entstehungsjahres. Die Aktualität ist bemerkenswert und heute greifbarer denn je. "Big Brother ist watching you" - in gewisser Weise ist Orwells Utopie Wirklichkeit geworden.
…zurück zum Film. Michael Radfords Regieleistung kann sich wirklich sehen lassen und überzeugt besonders durch seine kühle und industrielle Atmosphäre. Kein Bild ohne triste Farben, keine Spur von Persönlichkeit. Der kalte und schmutzige Look gibt den perfekten Rahmen für Orwells düstere Zukunftsvision, die kurzen Ausflüge aufs Land wirken da schon fast wie Stilbruch. Radford wandert dabei immer an der Grenze des guten Geschmacks wie die abstoßenden Folterszenen zeigen, besonders diese Momente brennen sich aber nachhaltig ins Gedächtnis und sorgen auch nach dem Abspann noch für Gesprächsstoff. Insgesamt eine technisch schnörkellose Inszenierung ohne größere Experimente.
Die Darsteller, allen voran John Hurt und Richard Burton, verleihen der schweren Kost die nötige Tiefe. Die Verhörszenen zwischen Hurt und Burton, insbesondere der Versuch Smiths Willen mit barbarischen Foltermethoden zu brechen, gehören zu den besten Momenten im ganzen Film. Suzanna Hamilton als Smiths Geliebte macht ebenfalls eine gute Figur und das nicht nur in Nacktszenen, bleibt aber im Vergleich zu Hurt deutlich blasser.
Positiv zu erwähnen wäre noch der kultige Soundtrack vom Pop-Duo Eurythmics, der trotz Keybordklängen direkt ins Ohr geht. Der Hit „Sexcrime“ ist ja leider nur im Trailer zu hören.
Fazit:
„1984“ ist ein verstörender Blick eine Zukunft die längst Bestandteil unserer Geschichte ist. Der bizarre Trip ist richtig harter Tobak und durch seine direkte Aussagen sicher nicht jedermanns Geschmack. Der Stoff bietet Tiefgang und vielfältige Interpretationsmöglichkeiten und hat zudem noch einen hohen Unterhaltungswert. Mit drei Worten zusammengefasst: atmosphärisch, grotesk und schockierend!