Kontrolle, Gehorsam, Alptraum
Orwells Buch „1984“ ist eines der wichtigsten und wohl leider zeitlosesten aller Zeiten. Eigentlich sollte das noch immer und für immer Pflichtprogramm in allen Schulen der „freien Welt“ sein. Schwer waren also Last und Druck, als man ausgerechnet im Jahr 1984 eine aufwändige und geerdete Kinoversion drehen wollte. Erst recht, weil etliche vorausgegangene Umsetzungen bzw. Versuche mehr oder minder gescheitert waren. Doch mit einem famosen John Hurt, einem haptisch-genialen Setdesign und den mächtigen Themen auf der breiten Brust schaffte man das Unmögliche: eine werksgetreue und genauso wertvolle Filmumsetzung dieser legendären Dystopie in grau-blau. Erzählt wird als eine Art naturalistische Science-Fiction aus einem totalitären Staat der „Zukunft“, in dem Krieg, Armut und Emotionslosigkeit das menschenunwürdige Weltgeschehen bestimmen, die Gesichter zeichnen und eine aufkeimende Liebe vor unlösbare Aufgaben stellt…
Das tristeste Musikvideo aller Zeiten?
Von „V wie Vendetta“ bis Panem, von „Big Brother“ bis „Equilibrium“, von Russland bis China, von den Nazis bis Abu-Ghuraib, von Terry Gilliam bis Ridley Scott, von Thatcher über die DDR bis Trump. Von gestern über heute bis morgen. Von der Technik bis zur Philosophie, von der Wirtschaft bis zur Menschlichkeit. Man kann den Einfluss und die Wirkung von „1984“ nicht hoch genug hängen und weit genug streuen. Sowohl des Buchs - aber auch genau dieser Verfilmung! Wer ungern liest hat hier die nahezu perfekte Alternative. Das Team rund um Michael Radford hat hier sowas von gute Arbeit geleistet, dass wohl selbst Orwell und seine bekanntlich sehr kritische, skeptische Gattin sicher begeistert gewesen wären. Der grau-triste Look. Hurts schmerzhafte und sensible Performance. Das Understatement. Der Verzicht auf großartige Effekte oder flashy Ablenkungen. Die zeitlosen Muster, die man heutzutage - auch hier im ach so freien Westen - immer wieder findet, an jeder echten wie digitalen Ecke, wenn man genau hinguckt - genial und ganz, ganz bitter! Im Grunde sehr klar auch ein satirischer und deprimierender Horrorfilm. Ein seelischer Kriegsfilm. Nah an „Come & See“. Eine warnende Vision. Ein freiheitliches Pamphlet. Zwischen Ratten und Verrätern. Orwells Werk wahnsinnig gut auf die Leinwand verfrachtet, ich kann mich nur wiederholen. Das atmet revolutionären und widerständigen Geist. Das wird die Jahrzehnte, nein Jahrhunderte, überdauern und Teil unseres Vermächtnisses sein. Ein Film auf den ganz Großbritannien stolz sein kann. Gigantisch gut Richard Burton nochmal zu sehen. Und die interrogativen Dialoge der beiden sind noch immer atemberaubend, bedrückend. Erfrischende Natürlichkeit und Freizügigkeit in der Lovestory. Nicht bieder, sondern effizient. Schockierend. Fesselnd. Wachrüttelnd. Selbst in der eher interessanten „Eurythmics“-Version, die ihren ganz eigenen (MTV-)Flair versprüht. Die neue 4K-Reatauration kommt mit allerhöchster Empfehlung - wie der Blick durch ein Fenster, in das man eigentlich gar nicht gucken will. Aber muss. Unbedingt. Immer noch. Mehr denn je. Danach sieht man die Welt mit anderen Augen - das schaffen nur ganz wenige Werke…
X Gonna Give It To Ya
Fazit: die beste Version aller filmischen „1984“er. Zusammen mit „Brazil“ eine der absoluten Must-See-Dystopien. Grau, schlau, haargenau. Ein totalitärer Trostpreis! Ein Freiheitsklassiker! Dieser „1984“ hat es in sich!