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„Dolores“ ist eine der Stephen-King-Verfilmungen, denen eine Geschichte ganz ohne übersinnliche Elemente zugrunde liegt. Es handelt sich somit um keinen Horror- oder Science-Fiction-Film, sondern um ein spannendes, sensibles Drama, bei dem Taylor Hackford („Im Auftrag des Teufels“) die Regie führte und dessen Hauptrollen mit Kathy Bates als Dolores und Jennifer Jason Leigh als deren Tochter Selena hochkarätig besetzt wurden. Die Literaturvorlage ist mir allerdings unbekannt, etwaige Vergleiche erübrigen sich somit.

In der Geschichte steckt eine ganze Menge interessanter Themen: Gesetz und Gerechtigkeit, Mutterliebe/Mutter-Kind-Beziehungen, Kindesmissbrauch, Frauenfeindlichkeit, Gewalt, Sterbehilfe, Klassengesellschaft (arm/reich) etc. Und es ist tatsächlich gelungen, all dies in eine fesselnde Handlung zu betten, die dem Zuschauer nach und nach vor allem durch Rückblenden den Charakter der Dolores Claiborne näher bringt und Verständnis für ihr Leben, für ihre widerspenstige Attitüde und für das, was ihr vorgeworfen wird, weckt. Das liegt auch zu einem Großteil im grandiosen Schauspiel Kathy Bates’ („Misery“) begründet, die ihre Rolle eindrucksvoll, emotional und klischeelos verkörpert. Ihre Filmtochter Selena wird ebenfalls sehr glaubwürdig von Jennifer Jason Leigh gespielt, der man die traumatisierte junge Frau, die nie so 100%ig im Leben Fuß gefasst hat, durchaus abnimmt. Dabei wirkt sie trotzdem sympathisch, aufgeweckt, frech und intelligent; fast schon ein Plädoyer für „Problemkinder“ oder wie auch immer man es nennen mag. Sehr angenehm wirkt sich im Falle der beiden Hauptdarstellerinnen auch der weitestgehende Verzicht auf Plakativität und Klischees aus, was man zugegebenermaßen von den übrigen Rollen nicht immer behaupten kann – aber irgendwie muss die Geschichte ja auch in Gang kommen. So entsteht der Eindruck zweier kämpferischer Frauen unterschiedlicher Generationen, die sich eines kalten, bedrohlichen Umfelds erwehren müssen.

Dieser Eindruck wird verstärkt von der tristen, matten Farbgebung des Films, die sich in den Rückblenden in deren kunterbuntes Gegenteil verkehrt. Höhepunkt dieser Stilmittel ist mit Sicherheit die Tötungsszene im artifiziell wirkenden Ambiente einer sich anbahnenden Sonnenfinsternis – vielleicht der ausdrucksstärkste Moment des Films.

Nicht unbedingt gebraucht hätte es – zumindest in diesen Ausmaßen – den Elfman-Soundtrack mit all seinen sentimentalen Streichern und Klaviergeklimpere. Etwas Mut zur Abwechslung hätte den begleitmusikalischen Teil bestimmt aufgewertet. Auch fühlte ich mich vom Ende etwas überrumpelt, als Selena ihre Mutter in einer Mordsgeschwindigkeit und mit ungeahnten Fähigkeiten verteidigt. Die Wandlung Selenas Charakters erschien mir dann doch etwas plötzlich und ihr Auftreten, das jedem Staranwalt zur Ehre gereichen würde, will nicht so recht zu ihr passen, soll aber vermutlich schlicht den Neuanfang verdeutlichen, ihre persönliche Katharsis (oder so).

Diese Kritikpunkte jedoch ändern nichts daran, dass „Dolores“ ein in jeder Hinsicht sehenswerter Spielfilm ist, der sich eindrucksvoll gegen Vorverurteilungen und eine allzu „blinde“ Justiz, die von Umständen, die Menschen zu (vermeintlichen?) Tätern machen, nichts wissen will, wendet und darüber hinaus noch manch weiteren evtl. nachdenklich stimmenden Aspekt zu bieten hat.

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