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Mamoru Oshii ist hierzulande wohl den meisten nur als Animeregisseur mit Filmen wie „Ghost in the Shell“ oder „Patlabor“ ein Begriff. Doch daneben dreht er auch Realfilme und dieses hier war sein erster. Als Thema greift er die Geschichte rund um dir Kerberos-Panzercorps auf, die später noch mehrmals Verwendungen finden sollte (Stray Dogs, Jin-Roh).
Doch während der Film wie ein klassischer, düstere Sci-Gi-Polit-Actioner beginnt, verliert er im weiteren Verlauf immer mehr an Rationalität. Plötzlich tauchen immer mehr seltsame Gestalten auf und es ist nicht mehr zu unterscheiden ob wir noch Realität sehen oder nur Träume Koichis. Ständig passieren neue, absurde Dinge für die sich nicht wirklich Erklärungen finden und die den Zuschauer immer ratloser im Sessel sitzen lassen. Ständig bekommt Koichi mit Abführmitteln durchsetzt Nudeln vorgesetzt und jeder seiner alten Freunde scheint ihn zu verraten, da sie inzwischen alle dem Regime dienen. Das, sowie die überall präsenten Bilder einer jungen Frau und die Schaugeständnisse von Koichis Exkameraden erinnern doch sehr an Orwells 1984.
Weiter zur Verwirrung tragen die immer wieder eingeworfenen comicartigen Slapstickszenen bei. Seinen Höhepunkt findet das ganze in einer langen Szene vor einer Wand aus Fotos der mysteriösen jungen Frau, in der Ao und Koichi sich mit ein paar Schlägern anlegen. Besonders bemerkenswert an dieser Szene ist, das statt Schnitten Kamerafahrten zum Einsatz kommen. Immer wenn normalerweise ein Schnitt kommen müsste, fährt die Kamera einfach ein Stück weiter die Wand entlang und die Szene setzt sich dann dort fort. Sehr sehenswert.
Aber kommen wir erst mal zurück zur Story.
Ja, was soll man dazu schreiben... es lässt sich schwer nacherzählen.
Wie gesagt, mit der Zeit verliert die anfänglich noch konventionelle Story immer mehr an Zusammenhang. Beginnt das ganze in einer schönen mysteriösen Athmosphäre mit geheimnisvollen Verfolgern und düsterer Untergrundromantik, so wird es mit der Zeit immer verworrener, bis dahin das der Koichis ganze Geschichte in Frage gestellt wird. Haben wir am Anfang noch die Flucht der drei Freunde gesehen, so wird selbst die am Ende des Films in Frage gestellt und plötzlich könnte Koichi eigentlich auch alleine mit seinem Kampfanzug geflohen sein. Welche Rolle das mysteriöse Mädchen spielt, dass uns den ganzen Film hindurch als Bild und im Kino begleitet und das am Ende als Person auftritt ist ebenfalls ein völliges Rätsel. Steht sie vielleicht in Verbindung mit dem „Rotkäppchen“ das auch im Anime auftritt?
Viele, viele Fragezeichen die nach dem Film zurückbleiben.
Dennoch, oder vielleicht grad deswegen, kann einen der Film die ganze Zeit bei der Stange halten. Man lechzt ja die ganze Zeit danach endlich eine Auflösung für alles zu bekommen. Wie man darauf reagiert das es am Ende keine gibt steht auf einem anderen Blatt. Sicher wird dieser Umstand dafür sorgen das viele diesen Film nicht gerade mit einer positiven Meinung verlassen werden. Wer sich aber von derartigem nicht abschrecken lässt, der bekommt auch einiges geboten, besonders auch visuell.
Der düstere Schwarz-Weiß-Look mit seiner ständigen Nacht würde jedem Film Noir Ehre machen und sorgt gemeinsam mit der tollen musikalischen Untermalung für eine fesselnde Stimmung und auch die mysteriösen Locations tun ihr übriges dazu. Ob nun der geheime Stehimbiss, zu erreichen durch eine Klokabine im Kino und über eine eindrucksvoll beleuchtete Treppe. Der seltsam industriell aussehende Befragungsraum, in den Bunmei auf einer Art Draisine hereingefahren kommt. Oder einfach nur die allgemeine Umgebung mit ihren Treppen und Übergängen.
Wenn man bedenkt das dies hier Oshiis erster Versuch im Bereich Realfilm ist, dann ist es um so beeindruckender welch Talent er auch hier beweist.
„Red Spectacles“ ist sicherlich kein Film für jeder Mann, aber er hat einiges zu bieten.

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