Wie gut, wenn man mal sozusagen DVD-Urlaub macht und stattdessen einfach mal in die Niederungen des YouTube-Angebots wildern geht. Fröhlich durchs Unterholz gestiefelt und dann auf einer einsamen Lichtung die erhebende Entdeckung gemacht: hier war ich schon mal!
Die erfreuliche Wiederentdeckung für den Autor: einen Film, der in den Mittachtzigern sich zufällig ins Spät-Samstagabendprogramm der ARD verirrte und abseits typischer Erwartungshaltungen begeistern konnte. Dabei handelt es sich bei "A Cold Night's Death" nicht mal um einen Spielfilm, sondern um eine ABC-TV-Produktion aus dem Jahr 1973, die mit wenig Aufwand und noch weniger Darstellern geradezu maximale Wirkung zu erreichen weiß.
Gerade mal drei Darsteller weist "Der eiskalte Tod" auf, von denen sich einer auch schon nach gut 15 Minuten absetzt und von da an konkurrieren zwei solide TV-Größen wie Robert Culp und Eli Wallach um die beste Theorie, was zu einer Katastrophe in der kleinen eingeschneiten Forschungsstation geführt hat, in der Wissenschaftler Experimente an einer Gruppe von Affen vornehmen. Abgeschieden vom Rest der Welt wird dort ausprobiert, wie sich Kälte und Essensentzug unter relativen Extrembedingungen auf die Primaten und Halbprimaten auswirkt - viel interessanter aber ist die Tatsache, daß der Vorgänger auf dieser Station offensichtlich dem Wahnsinn hingegeben hat, interessante Gespräche mit nicht existenten Personen geführt hat, um dann in einem Labor bei offenem Fenster zu erfrieren.
Der nur 74 Minuten lange Film erweist dabei als Muster an Ökonomie, nach einem bizarren Teaser (der die Tiraden des Vorgängers nur akustisch präsentiert, während die Station ominös von außen eingefangen wird), starten die Herren Scientists per Hubschrauber und finden die Hütte in einem probaten Chaos wieder. Die Affen in ihren Käfigen machen Thermik, ein freilaufender Schimpanse ist halb erfroren und der werte Kollege hat sich in einen lustigen Eiszapfen verwandelt.
Sobald dann für die letzte Stunde die Protagonisten in die erzwungene Isolation rutschen, machen sich der Einfluß der Abgeschiedenheit und die Unlösbarkeit des Rätsels bald bemerkbar. Der Raum war abschließbar, aber offen, die Haltung der Leiche legt Selbstmord nahe, das offene Fenster ist unerklärlich. Und weil man zwecks ordnungsgemäßen Betriebs der Station stets neuen Schnee per Luke in das Heizsystem schippen muß (von außen), haben wir auch gleich das Vehikel für Konflikte gefunden, denn prompt geht es bald "bump in the night" und die Heizung fällt mal aus, worauf sich Verdächtigungen und herzhafte Paranoia breitmachen.
Culps "Robert Jones" sieht sich bald in der Rolle zunehmend sich aufreibenden Detektivs, der über die multiplen Theorien jeden Antrieb für seine Arbeit verliert, während Wallach als "Frank Enari" als rationale Komponente und angesichts des Fehlens eine schlüssigen Lösung sich verbissen in seine Arbeit stürzt. Ob nun etwas Übernatürliches vor sich geht, die Wissenschaftler doch nicht allein sind oder sie sich gegenseitig als Versuchstier benutzen, ohne das publik zu machen, bleibt dabei lange offen.
So ist "The Chill Factor" (Alternativtitel) ein ideales kleines Juwel für Zuschauer, die es mögen, wenn die Situation auf engstem Raum und unter extremen Bedingungen so richtig schön hochkocht und gewisse Theorien immer mal wieder über den Haufen geworfen werden. Der Horroranteil an der Produktion ist eher gering, stattdessen sorgt der Mystery-Anteil für Interesse und wer auf intensive Kammerspiele steht, darf hier ein bißchen an seinen Nägeln kauen, denn Gil Melles elektronischer und irgendwie fremdartiger Klimperscore sorgt für akustisch-frostigen Unterbau und steigende Verunsicherung.
Rätselfans werden vermutlich auf die Auflösung schon vor Filmende kommen, allerdings hat man noch einen Schlenker ins Drehbuch eingebaut, der auch mich vor einem Vierteljahrhundert ausgebremst hat - einprägsam sind auf jeden Fall die letzten 60 Sekunden, wenn alle halberwarteten Befürchtungen wahr werden.
In wärmster eiskalter Erinnerung - und definitiv nicht zum chillen. (8/10)