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Colin Eggleston – viel zu früh verstorben – galt ja Zeit seines Lebens als typisch unberechenbarer Genreregisseur Australiens, der thematisch überall zuhause war, doch sein bekanntestes Werk ist und bleibt wohl der Öko-Natur-Grusler „Long Weekend“ aus dem Jahr 1978.
Was den Horror angeht, war er im Anschluss nur noch selten in diesem Genre aktiv, weswegen ich mir seinen fast vergessenen Slasher „Cassandra“ dann auch nicht entgehen lassen wollte.

Doch 10 Jahre sind 10 Jahre und so innovativ Egglestons Film aus den 70ern geraten war, so sehr stand sein Slasher-Ableger für die Ozploitationnische auf Klassikerzitate anderer Künstler.
Das beginnt schon mit der Auftaktsequenz, in der man sich mit der Kamera aus bester POV-Sicht einer Holzhütte nähert, in die gerade eine blonde Frau eingetreten ist. Schlingernd und holprig kommt man an der Hütte an (wir sehen durch die Augen eines kleinen Mädchens) und müssen mitansehen, wie Blondie sich mittels Schrotflinte die Omme wegpustet, nachdem ein dämonisch vor sich hin bölkender kleiner Junge sie mehrfach dazu aufgefordert hat.
Hat dieser Jumpstart seine Wurzeln bei „Halloween“, geht der Rest des Films dann in Richtung von „Die Augen der Laura Mars“, denn von nun an muss die junge Jill – nach einem Zeitsprung von 15 Jahren oder so – durch die Augen des Mörders miterleben, wenn diesen mal wieder das Küchenmesser juckt.

Und wer ist nun Cassandra?
Na, Jill ist Cassandra und die lieben Verwandten bzw. Ersatzeltern haben ihr erfolgreich eingeredet, dass dieser seltsame Traum mit der Schrotflinte nie stattgefunden hat, weil die gute Mutti ja praktisch bei ihrer Geburt schon gestorben ist. Und weil das so schön war, tun sie es während des Films noch dreimal. Und genauso oft wiederholt sich die Kamerafahrt zur Hütte.

Womit das Problem dieses Films auch schon mal eingekreist wäre, denn wer nach der Titelsequenz nicht sofort den Braten riecht, hat wohl den Geruchssinn verloren. Dennoch wird hier endlos das Gar-nicht-wahr-Spielchen gespielt und die Titelheldin ist nun auch nicht die mental Agilste und Schnellste, wenn es ums Datenverarbeiten geht. Das liegt auch an Hauptdarstellerin Tessa Humphries, dem Spross des bekannten „Dame Edna“-Darstellers, die leider den künstlerischen Funken ihres Vaters hier nicht entzünden kann. Tessa spielt den Part irgendwo zwischen hölzern und benebelt und irgendwann muss das auch der Produktion aufgefallen sein, denn über weite Strecken interessiert sich dieser Aussie-Giallo-Slasher mehr für die ganzen Nebenfiguren und wechselt auch häufiger mal zu Briony Behets hinüber, die die Mutter Cassandras in diesem bösen Spiel gibt und mit reichlich Gesichtsmimik den sonst eher behäbigen Kollegen mal zeigt, was man mit Blicken alles so anstellen kann.

Weil alle in Australien so entspannt sind und Cassandra angesichts ihrer Visionen fast bis zum Schluss den Schuss nicht hört, kann sich der Killer durch den ganzen Cast arbeiten, bis er dann mal die Maske fallen lässt (auch wer es am Ende ist, sollte der denkende Mensch bis Halbzeit schon herausgekeltert haben).

Ansonsten gibt es recht ordentlich rote Soße, nicht immer überzeugende Slashereffekte und ein paar passable Spannungssequenzen, so dass stabiles Mittelmaß dabei herauskommt, wäre da nicht das bleiernde Drehbuch, das auch Eggleston nicht mehr retten konnte.
Im Vergleich zu so manchem amerikanischen Vertreter ist „Cassandra“ haushoch überlegen, aber selbst für die wenigen Oz-Horrors, die zwischen 1970 und 1999 produziert wurden, reicht es hier nur zu einem Platz im Mittelfeld für den Genremix. (5/10)

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